Herkunft und Geschichte

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Balve - eine lebendige Stadt

Vor 350 Millionen Jahren bedeckte Westfalen ein warmes Flachmeer. Korallenriffe vor seiner Nordküste boten vielen Meerestieren Lebensraum. Aus ihren Kalzitschalen entstanden in Jahrmillionen gewaltige Massenkalklager. Bei Eisborn erreicht der Massenkalk eine Tiefe von über 1000 m. Balves Stadtmitte liegt am südlichen Ausläufer dieses Lagers.

Die heutige Oberflächengestalt des Sauerlandes wird von einer weltweiten Gebirgsfaltung vor 65 Millionen Jahren bestimmt. Seitdem wurden jedoch Gebirgskämme abgetragen, Täler mit Erosionsschutt aufgefüllt. Aus Spalten und Rissen im Kalksteinmassiv entstanden kleine und große Höhlen in und um Balve.
Erhebliche Klimaschwankungen prägten Vegetation, Flora und Fauna, Dauerfrostböden wechselten mit anderen, Steppen, Gras-, Busch- und Waldlandschaften. In Kaltzeiten lebten in Westfalen Mammut, Höhlenbär, Wollhaarnashorn und Eisfuchs, in gemäßigten Perioden Ren, Wildpferd, Wisent. Der Neandertaler wanderte vor mehr als 100.000 Jahren ins Hönnetal; einen arktischen Kältevorstoß vor etwa 40.000 Jahren überlebte er nicht.

10.000 Jahre später durchstreiften Horden des Cro-Magnon-Menschen Täler und Höhen des Balver Raumes. Ihnen folgten andere Menschen mit anderen Kulturen. Eine kulturgeschichtliche Wende setzte im vierten Jahrtausend ein. Ackerbauern, Viehzüchter und Waldhirten verdrängten endgültig rivalisierende Jäger und Sammler.

Tausende Funde aus Höhlen und freier Flur belegen das Kommen und Gehen von Volksgruppen, ihre Fähigkeit, Arbeitstechniken zu vervollständigen und ihre Lebensformen zu verbessern.

Germanische Siedler erreichten um die Zeitenwende das Hönnetal (Ausgrabungen bei Garbeck/Küntrop, 100 n. Chr.). 500 Jahre später lebten sächsische Großfamilien auf ausgedienten Hofanlagen entlang der Höhle. Sachsenherzog Widukind besaß um 780 in und um Balve Familiengüter. (...)

Die geschichtliche Entwicklung Balves in den folgenden Jahrhunderten wurde dann weitgehend von ihrem politischen Schicksal als Ort an der Grenze zwischen kurkölnischen Gebiet und der Grafschaft Mark bestimmt. So gehörte Balve bis 1368 zur Grafschaft Arnsberg und kam hierauf mit der Grafschaft zum Erzbistum Köln, eine Bindung, die durch Jahrhunderte bestehen blieb. Das Jahr 1430 brachte dem Ort an der Grenze die Verleihung der Stadtrechte durch den Kölner Kurfürsten und Erzbischof Dietrich II von Moers (1414-1463). Mit der Verleihung der Stadtrechte erlangte das kleine Ackerbürgerstädtchen des Mittelalters immer mehr an Bedeutung. Balve wurde eine Stadt der Bierbrauer, Handwerker und durchreisenden Händler (Hansestadt). Balve durfte im Übrigen Jahrmärkte ausrichten, die überregional geschätzt wurden, wie beispielsweise den Michaelis- oder Andreasmarkt.

Balve gehörte nunmehr dem Landtag des kurkölnischen Herzogtums Westfalen, einer Kurie der Städte und Freiheiten an, durfte vier Jahrmärkte ausrichten, die auch überregional geschätzt und besucht wurden, und besaß die niedrige Gerichtsbarkeit. Der Ort konnte sich seine städtische Verfassung mit vielen demokratischen Elementen aus der kurkölnischen Zeit bis zum Ende der absolutistischen Epoche bewahren.

Als sich unter Einfluss der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons das Gesicht des alten Europa zu wandeln begann, gerieten die Balver kurze Zeit (1802-1815) unter hessische Herrschaft. Dies hatte eine Reihe von Änderungen im Bereich der Verwaltung, der Gerichtsbarkeit sowie der Kultur-und Kirchenpolitik zur Folge. 1815 kam das Balver Land dann mit dem ehemaligen kurkölnischen Herzogtum Westfalen an das Königreich Preußen.

Während die preußische Verwaltung-, Kultur und Militärpolitik auch hier nicht ohne Einfluss blieb, hinterließ die beginnende Industrialisierung ihre Spuren. Erzbergbau, Metallverarbeitung und Kalkindustrie läuteten eine neue Zeit ein. So stammt aus den Anfängen des 18. Jahrhunderts das bemerkenswerte Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung, die "Luisenhütte" in Balve-Wocklum. Es handelt sich dabei um die einzige Hochofenanlage dieser Art in Mitteleuropa, die in funktionsfähigem Zustand erhalten ist.

Die in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts einsetzende rasante Entwicklung brachte für Balve zunächst keine wesentliche Strukturverbesserung. Die verkehrstechnisch ungünstige Lage des Ortes an der mittleren Hönne, seine von Land-und Forstwirtschaft geprägte Infrastruktur machten es den Einwohnern schwer, wirtschaftlichen Anschluss zu erhalten oder gar zu gewinnen. Erst seit den siebziger Jahren ist auch hier ein immer deutlicher werdender Wandel eingetreten.

Die private Bautätigkeit hatte erheblich zugenommen, ein sichtbarer Strukturwandel zog seine Kreise und stärkte die Wirtschaftskraft der Stadt Balve.

Die vormals kleine Stadt Balve, die schon im Jahre 1930 voller Stolz ihr 1000-jähriges Bestehen feierte, inmitten einer eigenständigen und selbstbewussten dörflichen Umgebung - dem „Balver Land“ - gelegen, stellt sich heute als ein aufgeschlossenes Gemeinwesen mit allen notwendigen Einrichtungen einer modernen Daseinsvorsorge dar. Seit der Durchführung der Gebietsreform im Jahre 1975 ist die Stadt weit über ihre ursprünglichen Stadtgrenzen hinaus gewachsen und bildet mit den Ortsteilen und ehemals selbstständigen Gemeinden Beckum, Eisborn, Beckum, Langenholthausen, Mellen und Volkringhausen die neue Stadt Balve, die ihre in den Jahrhunderten gewachsenen Bindungen an das kölnische Sauerland aufgeben musste und jetzt Bestandteil des neu geschaffenen Märkischen Kreises ist. Die Stadt Balve ist mit ihren schönen Dörfern und Sehenswürdigkeiten, der intakten Natur und dem großen Wanderwegenetz ein interessantes Feriengebiet im Sauerland" (Auszug aus: "Balve Info 2001". Autor: Manfred Rotermund; vollständiger Abdruck in "Sauerland" 2/2004).

 

I. Herkunft und Geschichte 

Ein alter Ortsname

Im Kloster Werden wurde - der Vita Ludgeri nach - im 9. Jahrhundert auf wundersame Weise ein Mädchen von einem Augenleiden geheilt. Seine Eltern lebten im Hönnetal in einer „villa ad ballowa“. Darunter verstand man eine große, wahrscheinlich "herrschaftliche" Hofanlage mit Nebengebäuden und Nebenwerken. In anderen Urkunden wird die Siedlung Ballawa, auch Ballau genannt. Balver Ritter führten im Mittelalter den Namen de Ballewe, von Ballevan u.a.

Die nordische Dietrichssage (13. Jahrhundert) berichtet von einem Berg Ballofa, in dessen Höhlung Wieland der Schmied bei zwei Zwergen das Eisen-und Goldschmiedehandwerk erlernt haben soll. Er erschlug seine Lehrmeister, um sein Leben retten zu können. Nordischen Fassungen der Tidreksage nach befand sich die Schmiedewerkstatt im Berg Kallawa, Kallafua oder Kallaelffua. Diese Altnamen Balves sind jeweils auf vorgermanische (frühkeltische) Sprachwurzeln zurückzuführen:

einmal auf bal(l) + awa, afa, ava
oder auf: kal(l) + aw, afua, elffua

Zu einem Wort gefügt, beschreiben die oben genannten sprachlichen Gebilde (Silben, Wörter) eine hohe, steile, helle (kalte) Felspartie am Rande einer Aue bzw. eines Gewässers in einem engen Tal. Diesen aufragenden, hellen Kalkfelsen gibt es heute noch heute.
Bis zum Bau der Hönnetalbahn vor rund 100 Jahren bildete er mit den gegenüberliegenden Felsklippen das Zentrum einer „romantischen“ klammähnlichen Schlucht. Auf dem steil ansteigenden, nackten Felsen thront in ca. 50 m Höhe seit dem Mittelalter die Burg Klusenstein. Nach "ballowa" wurde vor vielleicht 3.000 Jahren eine nahe Siedlung benannt. Nachfolgende Siedler übernahmen den Berg-und Ortsnamen als Landschaftsbezeichnung. Im neunten Jahrhundert wird ihn auch der Haupthof eines sächsischen Edelings, bei dem das wundersam geheilte Mädchen wohnte, getragen haben. Ballowa wurde - lautlich oft verändert - der Name einer Region (eines germanischen Gaus), dann einer Markgenossenschaft, schließlich eines kurkölnischen Amtes und Amtsgerichts.

 

Die Stadtmauer

Bereits den sächsischen Niederhof nahe der Hönnefurt schützten im neunten Jahrhundert Wälle und Hecken gegen unliebsame Gäste. Einer Notiz aus dem Jahre 1290 ist zu entnehmen, dass sich auch die im Umfeld des Hofes später entstandene Siedlung durch Wälle, Hecken und Gräben zu schützen suchte.

Die Überlieferung über die ältesten wirtschaftlichen Verhältnisse in Balve spricht von zwei Höfen sächsischen Ursprungs: Dem Oberhof und dem Niederhof, der bei der späteren Befestigung der Stadt in die Mauer einbezogen wurde (Balve 1930, p.120), und wohl in enger Verbindung zum "adelichen Haus", dem Drostenhaus stand. Die genaue Lage des alten Niederhofs ist nicht bekannt, seine Existenz aber gut dokumentiert. Vermutet wird der Bereich der Hönnefurt bei der Lohmühle (Mündung des Stadtgrabens).

Der Oberhof wiederum war das ummauerte Areal der Kirche (später auch "Lateinisches Viertel" genannt). 

Erst nach der Erhebung zur Stadt durch den Kurfürsten Dietrich von Moers im Jahre 1430 umschlossen die Bürger auf kurkölnische Anordnung hin ihre Anwesen mit starken Mauern. Zwei Tore und vier Ecktürme ergänzten das neue kurkölnische Bollwerk gegenüber der Grafschaft Mark. Die Stadt wurde Grenzfeste. Kriegerische Wirren zwischen Kurköln und der Mark beschleunigten den Bau der Befestigungen. Das Mauerwerk soll eine Stärke von 2 m und eine Höhe von 7 m erreicht haben. Wahrscheinlich war es rundum mit Schießscharten versehen. Bis zu 200 wehrfähige Männer verteidigten ihre Stadt bei Bedrohungen.

Wie die Zeichnung andeutet, bildet die Bewehrung ein ungleichmäßiges Viereck von jeweils etwa 200 m Seitenlänge mit Ecktürmen, zwei hölzernen Torwerken und einer Seitenpforte. Zugbrücken über die Wassergräben stützten die Wehrfähigkeit der Stadt. Nur vom sog. „dicken Turm" in der Südwestecke der Mauer gibt es eine halbwegs verlässliche Beschreibung. Der Verlauf des südöstlichen Mauerwerks ist ungewiss, ebenso die Breite und Tiefe der Gräfte im Osten der Stadt (Höynckscher Teich). Die Gräben wurden von Grundwässern, vom nahen Murmkebach und von der Küttelbieke, einem lebhaften Bachlauf, gefüllt. In regenreichen Jahren waren tiefer liegende Wiesen im östlichen Umfeld der Mauer versumpft. 

Eine authentische und ziemlich wirklichkeitsgetreue Stadtansicht von 1733, also noch lange vor dem Stadtbrand, wurde als Sepia-Zeichnung in der Kartensammlung des NRW-Staatsarchivs Münster gefunden (Der Märker Jg. 52, 2003). Sie zeigt das mauerumwehrte Rechteck, in dessen Schutz eine Reihe unterschiedlich großer Häuser angesiedelt sind. Links die "Obere Pforte" bzw. "Kirchpforte", mittig der Dachreiter des alten Rathauses mit der vorgelagerten Stadtkapelle und rechts das gegen Ende des 17. Jahrhunderts errichtete Drostenhaus, letzteres sehr sorgfältig und wirklichkeitsnah dargestellt. Auch die St. Blasius-Kirche "extra muros" ist weitgehend korrekt wiedergegeben. Die nebenstehenden Gebäude lassen sich nicht sicher zuordnen. An der Stadtmauer fehlen die Wehrtürme.

Plan der Stadt Balve von Friedrich Wulf, August 1805
Blickrichtung Süd (Bachläufe hier - vergrößern hier)

Der Plan aus der hessischen Zeit (1805) diente dem Schutz gegen "Fluthen" und der Verbesserung der offenen Wasserläufe Murmkebach und Küttelbieke (= Abwasserbach, der quer durch Balve lief). Die Skizze sollte wohl die Gefahr von Überschwemmungen der Innenstadt aus den damaligen Hohlwegen - Karrenwege nach Garbeck und Küntrop (Alhof) - verdeutlichen. Eine Kanalisation gab es nicht. Bei Starkregen trafen Hochwasser aus mehreren Richtungen bei der alten Vikarie zusammen. Dies erklärt die vielen schweren Überflutungen der Stadt Balve.

Eine neue, geradlinige Wasserabführung sollte Abhilfe schaffen. Ein "anzulegender Damm" in Höhe des "Dicken Turms" (etwa beim heutigen Rathaus) sollte Überflutungen der Innenstadt aus dieser Richtung abwenden. Die Pläne wurden offenbar nur teilweise umgesetzt.

Die Murmke floss damals die Hauptstraße entlang, südlich von Pfarrhaus und Kirche (also rund um das "lateinische Viertel"), und weiter über den Stadtgraben in die Hönne. Vor Haus Brunswicker (heute Gercken) befand sich eine kleine Brücke auf Höhe des Garbecker Kirchwegs, ebenso vor der Kirche. Dieser Bachlauf sollte wohl ursprünglich die Pfarrkirche vor Murmke-Hochwassern schützen. Jedenfalls könnte die offene Wasserführung entlang der Straße die damals gebräuchliche Bezeichnung "Schlamm-Balve" erklären.
1806 wurde die Murmke (wieder) am Fuß des Husenberges entlang geführt und dabei wohl teilweise kanalisiert, entsprechend dem Plan (Pütter p. 100). Ab der Küsterei verlief der Bachlauf wieder offen am ummauerten Garten von Haus Brunswicker (Gercken) vorbei, wie aus Berichten bekannt ist. Der neue Bachlauf dürfte dem alten, natürlichen Bett der Murmke entsprechen. 

Die heutige Meller Straße und die Verbindung nach Langenholthausen (jetzt B229) waren zu dem Zeitpunkt noch gar nicht angelegt. Die Garbecker Straße verlief durch die heutige Kormke. Hofstraße und Hönnetalstraße waren noch unbebaut.

Drei Tore unterbrachen das Mauerwerk: im Norden die Niedere Pforte (Wasserpforte), im Süden die Obere oder Kirchpforte, im Westen ein gesicherter "Mauerdurchschlupf". Er führte über den Wassergraben (Gräfte) zu einem Gerbereibetrieb mit Werkstätten, Insthaus, Teich und Trockenwiese. Die "Straße" von Tor zu Tor war bis zu ihrem Ausbau um 1802 ein unbefestigter Karrenweg mit seitlichen Abflussrinnen. Schmutz-und Abwasser der Häuser wurden freilaufend über die Küttelbieke der Hönne zugeführt. Bis zur Kanalisierung der Stadt um 1910 waren Viruserkrankungen keine Seltenheit.

Mauern, Türme und Tore wurden mit der Weiterentwicklung weittragender Feuerwaffen wehruntüchtig. Die Werke verfielen zusehends. Nur der sog. Richterturm im Nordwesten wurde 1745 noch einmal ausgebessert.

Schließlich ordnete der Rat 1790, nach dem großen Stadtbrand, den Abbruch der verfallenden Mauerruinen an. Sie standen der Entwicklung der wachsenden Stadt im Wege. Eine enge Bebauung wurde nicht mehr erlaubt. Die Steine wurden für den Neubau der Häuser verkauft. 

 

Op deam Plasse

Der geschichtsträchtige Name "Op deam Plasse" ist nur noch wenigen bejahrten Balver "Pohlbürgern" erinnerlich. 1952 entschieden sich die Stadtväter, den "Plazza" in "Am Drostenplatz" umzubenennen. Plasse ist eine Ableitung aus dem lateinisch-italienischen Piazza. Der Balver Plasse, auch Platza genannt, lag unmittelbar vor dem Drostenhaus, dem (zeitweisen) Sitz Kurkölner Amtsmänner (Stadt-, Amts-, Landdrosten) aus den Adelshäusern Amecke, Melschede und Wocklum.

Die genaue Abgrenzung (Größe) des mittelalterlichen Plasse ist unbekannt, ebenso der genaue Standort des festen Hauses (der "Burg"), in dem die ministerialen bzw. Ritter von Baleu, von Baleve, de Balve u.a. im Mittelalter zeitweise residierten. Vermutlich war die "Balver Burg" das erste steinerne Haus der Ortschaft. Irgendwann wurde es Opfer der Zeit, d.h. aufgegeben und abgerissen.

 

Entwicklung des Stadtbildes

Zahlreiche Stadtbrände zwischen 1584 und 1789 zerstörten immer wieder große Teile der Stadt. Zur schnellen Verbreitung des Feuers trug die Bauart (Strohdächer) und die enge Bebauung der Häuser innerhalb des Festungsgevierts bei.

Beim Brand von 1789 wurden von 85 Häusern 64 zerstört. Danach wurde die Stadtmauer abgetragen und die Häuser mit größeren Abständen zueinander neu aufgebaut. Die Steine aus der Mauer wurden zum Wiederaufbau verwendet. Die Ausdehnung der Stadt erfolgte in Richtung Mühlenkamp, da die anderen Flächen Gärten und Wiesen von guter Qualität enthielten. 

Der Stadtplan wurde vom Landmesser Gipperich entworfen, mit klaren Vorgaben zum Brandschutz. Festgelegt war, dass jeweils nur zwei Häuser unmittelbar aneinander gebaut werden durften, dann folgte ein Zwischenraum von 40 Fuß. Dieses Maß, eine enge Gasse zwischen zwei Häusern, mit deutlichem Abstand zur nächsten Gruppe, ist auch heute noch an einigen Stellen der Innenstadt sichtbar.

Die beigefügte Skizze aus der Zeit nach dem Stadtbrand belegt, wie in perfekter Symmetrie geplant wurde (rotgestrichelte Linien), und was tatsächlich realisiert wurde (schwarz). Eine sichere Zuordnung der Skizze zur heutigen Topographie ist nicht möglich. Der Text lautet: "Topographische Verzeichnung eines Theils der Stadt Balve. Die in rotpunktierten Linien eingeflossenen Vierecke bezeichnen Hausplätze, wie diese gemäß dem von der Kurfürstl. Regierung zu Bonn gutgeheißenen und vorgeschriebenen Bauplan sollten bebauet werden. Die schwarzverzeichneten Vierecke bedeuten die Hausplätze wie sie wirklich bebauet sind".

Ein Jahrzehnt später wurde die breite, schnurgerade Magistrale durch die Mitte des Ortes angelegt (vgl. A. Höynck 1876: Der Brand von Balve im Jahre 1789).

 
  
 

 

Die Hexenstele

Oben am Galgenberg hinter dem Wachtloh befindet sich der Richtplatz, auf dem zwischen 1592 und 1666 viele sog. Hexen (Frauen und Männer) aus dem Amt Balve verbrannt wurden. An dieser Stelle befindet sich seit dem Jahr 2006 eine "Hexenstele" aus Beton, zur Erinnerung an diese grauenhafte Zeit geistiger Verwirrung in der Bevölkerung. Man suchte nach Sündenböcken für Unheil, z.B. Missernten und Seuchen, und nahm Zauberei und Hexerei als Ursache an. Es war ein Klima ständiger Denunziation. Nur wenige Stimmen erhoben sich gegen den Hexenwahn.

Der kleine Ort Balve war ein Zentrum der Hexenverfolgung im Herzogtum Westfalen. Hier wurden nachweislich zwischen 1592 und 1666 mehrere Hundert Menschen als Zauberer und Hexen verurteilt und ermordet. Allein zwischen 1628 und 1630 wurden fast 300 Menschen hingerichtet. Diese Massenvernichtung war das Werk eines besonders fanatischen Hexenjägers, der vor allem im Westen und Südwesten des Herzogtums wirkte und dem mehr als 500 Menschen zum Opfer fielen.

Es war der Lizentiat Kaspar Reinhard (1596–1669), der so viel Angst und Schrecken verbreitete, dass auf ihn 1630 in Balve ein Attentat verübt wurde, als er mit Honoratioren der Stadt zu Abendessen saß. Er selbst wurde nur verletzt; der Gerichtsschreiber und ein Diener starben. Drei der Attentäter wurden gefasst und hingerichtet.

Auf dem Galgenberg brannten die Scheiterhaufen. Man schätzt, dass etwa jeder 20. Einwohner aus dem Amt Balve wegen Hexerei hingerichtet wurde. Von vielen kennt man die Namen. Darunter sind ein Heinrich Balke zu Beckum, Rentmeister auf Schloss Melschede, Jörg Schulte aus Mellen, Kutscher und Baumeister des Drosten, der drei Wochen nach seiner Hochzeit umgebracht wurde, sowie die Frau eines Bürgermeisters. Ihr wurde vom Heimatforscher Josef Pütter in einem plattdeutschen Gedicht ("Wachtläuh-Räusen") ein literarisches Denkmal gesetzt.

Im Gedenken an die Hexenverfolgung ließ die Balver Heimwacht im Jahr 2006 die Hexenstele errichten, nicht weit von der Stelle, an der die Opfer zu Tode gebracht wurden. Der Text lautet: „Hier starben durch Schwert, Feuer und Galgen zirka 300 Frauen und Männer aus dem Balver Land im Hexenwahn im 16. bis 17. Jahrhundert.“ Die Betonstele hat eine Höhe von 2,50 Meter und befindet sich am Galgenberg.

Der Rat der Stadt Balve hat am 24. Juni 2015 die Opfer der Hexenprozesse in einem symbolischen Akt rehabilitiert.

Den Hexenwahn hat der Arnsberger Maler Heinrich Strotmann, ein Zeitzeuge, als Miniatur in einem Kreuzwegbild dargestellt, welches sich in der Balver Kirche befindet. Näheres zu dieser speziellen Bildinterpretation ist dem Buch "Ein verhextes Bild und ein feuriger Altar. Eine teuflisch grausame Zeit, das 16. und 17. Jahrhundert im Amt Balve" von Werner Ahrens zu entnehmen; er war 25 Jahre lang bis 2017 Vorsitzender des Balver Heimatvereins "Die Heimwacht". Das Buch enthält ausführliche Begründungen und Beschreibungen und großartige Fotos von Manfred Opitz, Neuenrade. Es kann ... bestellt werden.

 

Altes Amtsgericht (1884) 

 

 

Geschichtliches aus der Neuzeit 

Im Siebenjährigen Krieg wurde Balve zehn Tage lang von den Franzosen besetzt, die am 24. Juni 1761 auf dem Kirchhof eine Feldbäckerei und eine Metzgerei anlegten. Dazu wurde die 2,5 m hohe Kirchhofsmauer „aus dem Grund gebrochen“, die Kirchenbänke aus der Kirche gerissen, das Mehlmagazin in die Kirche verlegt und zahlreiche Bäume gefällt