Kleine Kulturgeschichte des Hönnetals

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V. Kleine Kulturgeschichte des Hönnetals

Mit seinen vielen prähistorischen Höhlen, als jahrhundertelanges Grenzgebiet zwischen Kurköln und der Grafschaft Mark, als Schauplatz einer der ersten Naturschutzaktionen in Deutschland wie auch als Denkmal der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus hat das Hönnetal eine besondere kulturhistorische Bedeutung in Deutschland. Gegensätzlichste Nutzungsinteressen – wirtschaftliche Nutzung, Nutzung als naturschonender vs. naturbelastender Verkehrsraum, Schutz von Flora und Fauna, Freizeitnutzung (Klettern, Wandern, Radfahren) und touristische Erschließung – prallen im Hönnetal in exemplarischer Weise aufeinander.

Das Hönnetal galt in früheren Zeiten als wild und unerschlossen, war teilweise nur schwer passierbar (Balve 1645: Historischer Kartenausschnitt aus Westphalia Ducatus, Blaeu. Lateinische Beschreibung zum Hönnetal: „Antrum vastissimum incogniti recessus“ - etwa: große Höhle, unerforschte Abgründe). Nach Norden bildete es eine natürliche Barriere für den Balver Talkessel, der in Richtung Westen und Süden durch den Balver Wald und den tiefen Einschnitt des Lennetals abgegrenzt war. Balve war schwer erreichbar und wurde bis zum Bau der Hönnetalbahn lediglich durch eine Postkutsche "erschlossen".

 

Das Hönnetal als Grenzland

Quer durch das Hönnetal in Höhe der Burg Klusenstein verläuft die historische Grenze, die die ehemalige Grafschaft Arnsberg, von 1368 bis zur Säkularisation vom katholischen Kurköln aus regiert, vom protestantisch geprägten märkischen Sauerland trennt. Die Grenzlinie verläuft vom heutigen Neuenrade über die Höhenzüge des Balver Waldes und umschließt noch die Burg Klusenstein und die Furt im Hönnetal, bevor sie sich Richtung Iserlohn wendet (vgl. historische Karte „Westfalia Ducatus“: gelb=Kurköln, grau: Mark). Dies erklärt die besondere Rolle der Burg Klusenstein als ‚Grenzfeste‘ (sog. Raubritterburg) und die jahrhundertelangen Streitigkeiten zwischen ‚Märkern‘ und ‚Kurkölnern‘ im Balver Wald, insbesondere um die Eichelmast bei der Schweinehude (Allmende).

 

Das romantische Hönnetal

Levin Schücking und Ferdinand Freiligrath schreiben in „Das malerische und romantische Westfalen“ im Jahr 1841 über das Hönnetal:
„Es ist eine romantische Wanderschaft; das Tal klemmt sich immer wilder und düsterer endlich zur engen Schlucht zusammen; die schmale Hönne rauscht pfeilschnell unten über kantige Felsbrocken, aufbrodelnd und Streichwellen über den Fußweg schleudernd, bis endlich aus tiefem Kessel uns das Gebrause und Schäumen einer Mühle entgegen stürmen. Hier ist die Fährlichkeit überwunden, eine kühne und kuppige Felswand springt vor uns auf, drüben ragen die Ringmauern und Trümmer einer alten Burg, aus der ein neues Wohnhaus wie ein wohlhäbiger Pächter einer alten Ritterherrlichkeit hervorlugt. (…)

Das Gewölbe ist schön und weit gespannt, ein kühnes Bauwerk; der erste Raum ist gegen 60 m lang. An der Decke und Seitenwänden glänzt hängendes Tropfgestein von rötlicher Farbe und eigenartigen Bildungen; an jeder Spitze ein gräulich glänzender Tropfen der langsam fällt und die Höhle mit einem einförmigen Geräusche einschläfert. Im Hintergrund klaffen zwei dunkle Spalten auf, die man mit Fackellicht, scheu vor dem überall versickernden Wasser, gebückt vor den wie Spieße niederdrohenden Tropfsteinzapfen, betritt, vorsichtig durchschreitet, endlich durchkriecht. Nach mühseliger Fahrt dämmert der Schimmer des Tages uns entgegen, wir stehen wieder in der Eingangshalle, ehe wir’s gedacht und sind verwundert, einen Halbkreis beschrieben zu haben, während wir uns den Eingeweiden der Erde immer mehr zu nähern glaubten.“

Und weiter: „Von Klusenstein führt das Hönnethal weiter hinauf an dem hübsch gelegenen Wirthshaus Sanssouci vorüber nach dem Städtchen Balve, in dessen Nähe die Gegend weniger wild romantisch ist, aber ebenfalls ein merkwürdiges Denkmal schaffender Naturkräfte in der „Balver Höhle“ besitzt – wie das Kalksteingebirge zwischen Ruhr und Lenne überhaupt einen auffallenden Reichthum an Grotten und Höhlen hat. Die Balver Höhle zeichnet sich durch das großartige Thorgewölbe, das ihr zur Einfahrt dient, aus. Sie besitzt viele Reste antediluvianischer Thiere – man findet Zähne urweltlicher Geschöpfe bis zu sieben Pfund Gewicht“.

 

Das mystische Hönnetal

Seine Ursprünglichkeit förderte die Bildung von zahlreichen Sagen, die sich um das Hönnetal ranken. Während der Bronze- und Eisenzeit wurden die zahlreichen kleinen und großen Höhlen von Menschen benutzt. Artefakte lassen darauf schließen, dass die Höhlen zum einen als Wohn- aber auch als Grabstätte, z.B. der Germanen, genutzt wurden.

Art und Beschaffenheit der Funde geben Hinweise auf einen früheren eventuell religiös motivierten Kannibalismus. Beweise dafür will unter anderen Dr. Bruno Bernhard, Assistenzarzt an der psychiatrischen Klinik in Würzburg, gefunden haben, der mit dem Geologen Emil Carthaus und dem Heimatkundler Wilhelm Bleicher als Verfechter der Kannibalismus-These galt. Funde von 1891 wurden zeittypisch in diesem Sinne gedeutet. Diese These wurde zuletzt von Harald Polenz wieder aufgegriffen.

Um 1730 befand sich eine Falschmünzerwerkstatt im hintersten Teil der Honert-Höhle, die bei Ausgrabungen des Privatdozenten Dr. Julius Andree im Sommer 1926 entdeckt wurde.

 

Die „Schutzaktion des Hönnetals“

Der Erwerb des gesamten sich östlich der Hönnetalstraße bis nach Binolen hinziehenden Geländes durch die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke (RWK) in den Jahren 1912 und 1913 diente dem Ziel der vollständigen industriellen Nutzung des Hönnetals. „Mit dem Abbau der das Hönnetal umsäumenden Felspartien wäre die Schönheit des ganzen Tales für alle Zeiten vernichtet gewesen“.

Eine „Schutzaktion“, einberufen vom Arnsberger Regierungspräsidenten von Bake, „erwirkte die Erhaltung einer kulissenartigen Felswand zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetals auf alle Zeit“. Begonnen in den Jahren 1921/1913, wurde die Schutzaktion zur Erhaltung des Landschaftsbildes im Hönnetal nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1919 wieder aufgegriffen und 1920 erfolgreich zu Ende geführt, mit Unterstützung der Provinz Westfalen und ihrer Städte und Landkreise.

Zur Durchführung waren mehr als 350.000 Reichsmark erforderlich. Die Besitzrechte gingen an den Kreis Arnsberg als Träger der Schutzaktion, um das Hönnetal „auf alle Zeit als Naturschutzgebiet unberührt“ zu erhalten. Die Schutzaktion umfasste die Strecke von der Asbecker bis zur Eisborner Kreisstraße, in der die besonders schönen Felspartien gelegen sind. Ein Steinbruchgelände von 23,5 Hektar Felspartien wurde im Tausch von der RWK erworben.

Mit diesem Verhandlungsergebnis konnte eine kulissenartige 50 bis 100 Meter breite Fassade mit den dominierenden Felspartien vor dem Kalkabbau gerettet werden. Zur Erinnerung an diese Schutzaktion, die als ein frühes Vorbild praktizierten Natur- und Landschaftsschutzes in Deutschland gelten kann, wurde eine Bronzetafel kurz vor Klusenstein im Fels angebracht, mit folgendem Hexameter im Pathos der Zeit:

„In der bittersten Not gab freudig das Volk der Westfalen
für die Schönheit des Tals reich von kargem Besitz
rettete stolz die uralten die hochaufragenden Felsen:
Seiner Heimat zum Schutz, selbst sich zum dauernden Ruhm.“ 

 

Blick in die Kalksteinbrüche

Teil des Hönnetals ist seine intensive industrielle Nutzung durch Kalkabbau. Die Vorkommen sind gewaltig: Das Hönnetal ruht auf einer 1000 m starken Kalkschicht. Durch den industriellen Abbau hat sich hinter der Felskulisse im Hönnetal eine faszinierende Landschaft aufgetan.

Nur eine schmale Felswand, über die ein Pfad zu den Hönnetalfelsen mit den sieben Jungfrauen führt, trennt den Steinbruch der rheinischen Kalkwerke (rechts) von dem des ehemaligen Kalkwerkes Horst (links). Das Betreten des Pfades ist untersagt, ein Blick in den Bruch aber möglich.

Vom Anfang des betrieblich gesperrten Weges aus hat man einen hervorragenden Blick in das kilometerweite Abbaugebiet der rheinischen Kalkwerke. Tiefe Gruben, Abbautrassen, ehemalige Schlammbecken, Transportstraßen und schwere Geräte vermitteln ein Bild von der Arbeitsweise eines modernen, international tätigen Unternehmens der Kalkindustrie. Wer Glück hat, kann aus der Ferne eine der gewaltigen Felssprengungen beobachten. 

 

Die Balver Höhle und die "Höhlenspiele"

Als Aufführungsort für Laienspiele wurde die Balver Höhle erstmals anlässlich der Gründungsveranstaltung des Sauerländer Heimatbundes in Balve im Jahr 1922 genutzt. Theodor Pröpper beschreibt im Balver Buch von 1930 in seinem unvergleichlichen Stil, wie sich die "Höhlenspiele" entwickelt haben und welche Ziele damit verfolgt wurden.

Gegeben wurde 1922 eine Aufführung des Redentiner Osterspiels in der Bearbeitung von Franz Hoffmeister. Die Ausführenden waren die Schauspieler der Laienspielschar der Heimwacht Balve. Es folgten in den nachfolgenden Jahren die Laienspiele Elmar nach Friedrich Wilhelm Webers Dreizehnlinden, Das Opfer – Mysterienspiel von Ludwig Nüdling, Eva – ein Spiel vom Sterben von Ludwig Nüdling, Jung Siegfried – ein Spiel aus deutscher Sagenwelt.

1928 entstand Der Tänzer Unserer Lieben Frau, ein Legendenspiel von Franz Johannes Weinrich, und Die Schlacht am Birkenfeld von Leo Weismantel.

Nach 1947, nach der Rettung der Höhle vor der Sprengung, setzten Planungen der Balver Heimwacht ein, die Höhlenspiele wieder aufleben zu lassen. Am 25. Januar 1949 kam es zur Gründungsveranstaltung der Gemeinschaft Balver Höhlenspiele, eines Vereins zur Pflege ideeller und kultureller Werte. Die Satzung sah vor, nur Bühnenstücke zur Aufführung zu bringen, die künstlerischen Wert besitzen, christlichem Geist nicht widersprechen und geeignet sind, als bildende Kraft auf Zuschauer und Spieler zu wirken. Die erste Teilnahme Hermann Wedekinds erfolgte in einer Versammlung am 6. Februar in Balve.

1949 entstand das Das Balver Zeitwendspiel, ein Mysterienspiel von Theodor Pröpper. Zu dieser Inszenierung von Hermann Wedekind mit 250 Beteiligten kamen 18.000 Zuschauer. 1950 folgte Das große Welttheater, Inszenierung ebenfalls Hermann Wedekind, 13.000 Zuschauer. 1950 erfolgte mit der Neunten von Beethoven erstmals eine Aufführung in der Balver Höhle unter GMD Hans Herwig. Es folgten weitere Konzerte mit Werken von Anton Bruckner, Verdi, Johannes Brahms, Edvard Grieg, Pfitzner und Richard Wagner, sowie insgesamt 100 Aufführungen unter Leitung von GMD Franz Herwig. 1951 folgte Luzifer von Karl Wagenfeld in plattdeutscher Sprache. Die Hauptrolle spielt Theodor Pröpper in der Inszenierung von Hermann Wedekind, der nunmehr Intendant der Städtischen Bühnen Münster ist, (4000 Zuschauer). Im selben Jahr folgte ein Sinfoniekonzert unter GMD Hans Herwig mit Werken von Bruckner, Beethoven und Grieg. 1952 wurde Mord im Dom von T. S. Eliot und 1956: Maria Stuart von Friedrich Schiller und Die gelehrten Frauen von Molière als Gastspiele der städtischen Bühnen Münster aufgeführt, in der Inszenierung von Hermann Wedekind. Weitere Aufführungen waren Bruckners vierte und achte Sinfonie, Beethovens Neunte, das Requiem von Verdi, Beethovens Egmont-Ouverture, die Peer-Gynt-Suite und der Huldigungsmarsch von Edvard Grieg. Neben Vorspielen zu Hans Pfitzners Bühnenlegende ´Palestrina´ und dem Meistersinger-Vorspiel von Richard Wagner wurde die Höhle für viele Instrumental- und Chorkonzerte der regionalen Vereine genutzt. Nach den damaligen Planungen sollte die Balver Höhle als kultureller Mittelpunkt eines weiten Landschaftsgebietes und Pflegestätte dramatischer und musikalischer Kunst unter besonderer Würdigung des Werks Anton Bruckners dienen. Mit dem Tod von Hans Herwig endete 1958 die zweite Periode.

1984 wurden die Aufführungen in der Balver Höhle wieder aufgenommen (dritte Periode). In der Tradition des Laienspiels wurde als deutsche Erstaufführung "Katharina von Georgien" von Andreas Gryphius aufgeführt, in der Bearbeitung von Hermann Wedekind (15. September 1984). Gespielt wurde es von der Balver Höhlenspielgemeinschaft, einem überwiegend aus Laiendarstellern bestehenden Ensemble unter Mitwirkung von persönlichen Freunden Hermann Wedekinds, Chören und Orchestern aus dem heimischen Raum. 1800 Zuschauer sahen diese Aufführungen, denen in den Folgejahren bedeutende Auftritte mit internationalen Künstlern auf Einladung Wedekinds folgten, etwa dem Poljanski-Chor Moskau.

Am 27. Januar 1985 erfolgte in Volkringhausen die Gründung des gemeinnützigen Vereines „Festspiele Balver Höhle“, der bis heute erfolgreich Theateraufführungen und Märchenwochen in der Balver Höhle betreibt. Der Verein sieht seinen Zweck in der Förderung völkerverbindender, künstlerischer und kultureller Veranstaltungen, die er insbesondere durch die Pflege des Liedgutes, des Chorgesangs und der Theaterliteratur verwirklichen will. Das jeweilige Jahresprogramm wird satzungsgemäß von der Mitgliederversammlung verabschiedet. Die Erziehung der Jugend im Sinne des Vereins ist in der Satzung festgeschrieben. Nach der Satzung ausgeschlossen sind parteipolitische, rassistische und konfessionelle Bestrebungen des Vereines. Die Mitglieder erhalten keine Zuwendungen aus Mitteln des Vereines. 

Die Balver Höhle dient heute vielfältigen kulturellen Zwecken, von den Theater- und Märchenaufführungen des Festspielvereins über regelmäßige musikalische Veranstaltungen und Festivals wie "Kultrock", "Irish Folk" und "Prophecy" bis hin zu den "Meisterlichen Chorkonzerten" des Männergesangvereins Balve und klassischen Opernaufführungen. Kulminationspunkt im kulturellen Jahreslauf ist und bleibt jedoch das einzigartige Balver Schützenfest - an jedem dritten Wochenende im Juli.

 

Lyrik rund um das Hönnetal

Selbstredend wurde das Hönnetal auch vielfach "besungen". Eines der schönsten Lieder, aus dem Liederbuch "Klingemund" von Theodor Pröpper, dem großen Organisten, Komponisten und Sänger der sauerländischen Heimat, sei hier wiedergegeben. 

Hönnetal

Von Theodor Pröpper 

 

Hönnetal, viel Lieder ranken
reich um deine Schönheit sich.
Augen, die dein Bildnis tranken,
meine Sinne und Gedanken
können nie vergessen dich.
  Mancher Mund dich schon besang,
  Saitenspiel zum Ruhm dir klang.
Rausche, Hönne, rausche,
rausche immerzu!
Und ich lausche, lausche, 
:;: ein Lied bist du ;:;
 
Schönstes Tal wohl in der Weite:
Höhlen, Wald und Felsgestein.
Weg und Fluß sich sind Geleite.
drohend wild Geklüft zur Seite -
Wellen spielen, silberrein.
  Hoher Fels ist Himmels Saum.
  Stilles Tal, bist wie ein Traum. -
Rausche, Hönne, rausche,
rausche immerzu!
Und ich lausche, lausche, 
:;: ein Lied bist du ;:;
 
Felsenschlucht, aus alten Tagen,
da vom Horst der Uhu rief,
rauscht der Mantel grauer Sagen.
Fels und Burg und Tannen ragen.
Dämmerung raunt im Grunde tief,
  wo vom steilen Felsenhang
  einst das Posthorn widerklang.
Rausche, Hönne, rausche,
rausche immerzu!
Und ich lausche, lausche, 
:;: ein Lied bist du ;:;
 
Hönnetal, dein kühler Schatten
duftet, wenn die Sonne glüht.
Gruß dir, weil auf deinen Matten
und an Hängen, farbensatten,
noch die "Blaue Blume" blüht.
  Laß sie blühn noch lang - noch lang,
  Tal der Träume, voll von Klang!
Rausche, Hönne, rausche,
rausche immerzu!
Und ich lausche, lausche, 
:;: ein Lied bist du ;:;