Dunkle Zeiten im Hönnetal

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VI. Dunkle Zeiten im Hönnetal

Neben den kulturhistorisch, naturkundlich und verkehrstechnisch spannenden Facetten des Hönnetals gibt es auch eine Schattenseite: Den Missbrauch zu Rüstungszwecken in der Zeit des Nationalsozialismus. Dieses Projekt war hoch geheim und galt in besonderem Maße als "kriegswichtig". Wegen der enormen Dimensionen war eine vollständige Geheimhaltung naturgemäß nicht möglich. Viele Einheimische werden dennoch nur bruchstückhaft und gerüchteweise davon erfahren haben.

Exkurs: Über die konkret erlebten Auswirkungen des Nationalsozialismus auf das religiöse und gesellschaftliche Leben in Balve berichtet Joseph Lenze sehr plastisch und detailreich in seinem Buch: 80 Jahre Musikverein - ein Kapitel Balver Geschichte. In Auszügen geben wir hier das Kap. III. "In der Zeit der Bedrängnis" wieder.

 

Flugbenzin aus Schwalbe1

In den letzten Kriegsjahren wurde in den Steinbrüchen der Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke (RWK) das geheime Rüstungsprojekt "Schwalbe I" der Organisation Todt mit mehr als 10.000 Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen betrieben (siehe: Vergessene Nazi-Tunnelanlage). Die massiven Stollen dieses riesigen Stollensystems sind weitgehend erhalten, aber verschlossen. Der Zugang zum Stollenmund einer Anlage ist relativ leicht zugänglich (Fußweg entlang dem hinteren Zaun des heutigen Polizei-Übungsgeländes). Er enthält Einbauten aus den 60er-Jahren (eine Brecheranlage). Führungen in das Stollensystem werden bislang nicht angeboten. 

Bei "Schwalbe I" handelt sich um ein Bauprojekt der sog. Untertage-Verlagerung des "Dritten Reiches". Die Anlage mit dem Decknamen „Eisenkies“ (der Mineralname war Kennung für das Stollensystem) war kurz vor Kriegsende eines der größten nationalsozialistischen Rüstungsprojekte. Viele renommierte Firmen waren an dem Projekt beteiligt. Zweck der Projekte war die Errichtung von Hydrieranlagen mangels Flugbenzin. Das Projekt stand kriegsbedingt unter höchstem Zeitdruck. Ab Mitte 1944 wurden mehr als 10 000 Menschen verschiedenster Nationalitäten – Fachkräfte, Arbeiter, Zwangsarbeiter, Gefangene, KZ-Häftlinge – als Arbeitssklaven in den AEL (Arbeitserziehungslagern) herangezogen. Untergebracht waren die Menschen in ca. 15 Lagern im Hönnetal, von Balve Helle (H. Polenz: Zur Geschichte des  ehem. Amtes und der Stadt Balve" 1980. p. 333-337) über Sanssouci, Lendringsen (Biebertal) bis Fröndenberg. Zuständig für die Organisation der Zwangsarbeit war Gestapo-Mann Karl Gertenbach, Kriminalobersekretär aus Lüdenscheid. Er nahm sich am 15. Mai 1945 in der Haft das Leben.  

Viele Zwangsarbeiter wurden getötet, verhungerten oder starben durch Unfälle. Meldungen an das Standesamt Balve (stets mit der gefälschten Diagnose "Herzmuskellähmung") unterblieben ab dem Jahreswechsel 44/45. Die korrekte Diagnose (Hungertod) hat der Arnsberger Medizinalrat Josef Mahr in einem ungeschminkten Bericht über die tatsächlichen Verhältnisse in Sanssouci am 9.1.1945 an den Gauleiter benannt. Dieser Bericht zeugt von persönlichem Mut und großer Zivilcourage (Näheres dazu in: "Das Arbeitserziehungslager Hönnetal in Sanssouci" von Peter Witte (1985). In: 750 Jahre Beckum. Die Geschichte eines Dorfes im Sauerland, p. 219 ff). Auszüge aus dem Bericht: "Das Lager befindet sich in Baracken, die in dem am Bahnhof Sanssouci im Amt Balve gelegenen Steinbruch erstellt sind. Diese Personen arbeiten im Hönnetal und werden täglich mit der Hönnetalbahn, nicht getrennt von deutschen Volksgenossen, zu ihren Arbeitsplätzen transportiert. Die Unterbringung der Ostarbeiter ist eine äußerst primitive. Sämtliche Räume sind überbelegt; die Leute liegen, wie das Lagerpersonal sich selbst ausdrückte, ´wie die Heringe´ (handschriftliche Eintragung: Alle verlaust, Fleckfiebergefahr). Von den 400 Lagerinsassen waren am Besichtigungstage 115 krank ... Hungerödeme ... ein Teil von ihnen dürfte in der nächsten Zeit sterben".

Die US-Army besetzte am 12. und 13. April 1945 Balve und das Hönnetal und befreite die noch Lebenden. Von 15. April bis Ende Juni kam es immer wieder zu Überfällen durch ehemalige Gefangene, mit einzelnen Toten. Ende Juni nahmen die Überfälle ab, da nun die britischen Besatzungsbehörden Maßnahmen dagegen ergriffen. 

Tote aus ganz Europa sind auf dem Friedhof Lendringsen begraben. Einige Opfer aus westeuropäischen Ländern wurden nach dem Krieg in ihre Heimat überführt. Ein Denkmal auf dem Friedhof Lendringsen nennt 132 Namen, darunter 41 Deutsche. Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte um ein Vielfaches höher liegen, genaue Zahlen sind unbekannt.

Bis heute findet sich im Hönnetal – mit Ausnahme der von Polen errichteten Ehrengrabstätte auf dem Friedhof Lendringsen und einer Gedenktafel auf dem für die Öffentlichkeit unzugänglichen Polizeigelände – kein öffentlicher Hinweis auf das Rüstungsprojekt und keine Erinnerungsstätte an die Opfer. Die Anlage Schwalbe I steht nicht unter Denkmalschutz. 

 

Geplante Sprengung der Balver Höhle

Im Zuge der Demilitarisierung zwei Jahre nach Kriegsende plante die britische Besatzungsmacht die Sprengung der Balver Höhle.

Sie wurde von den Nazis ebenfalls zu Rüstungszwecken missbraucht: Es wurden dort Ringfedern für die Uerdinger Waggonfabrik hergestellt. Der Eingang war durch eine schwere Betonwand verschlossen und der Höhlenboden egalisiert. In der Höhle arbeiteten 440 bis 550 russische Frauen und französische Zwangsarbeiter unter entwürdigenden Umständen. 

Beitrag der Lokalzeit Südwestfalen: 70. Jahrestag der Rettung der Balver Höhle. Von Solveig Flörke, 19.09.2017

Frank Uekötter schreibt in seinem Buch ´Naturschutz im Aufbruch. Eine Geschichte des Naturschutzes in Nordrhein-Westfalen 1945-1980´ (p.22 ff): Die Geschichte der Balver Höhle umfasst auch ein dunkles Kapitel. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie kurzerhand in eine Produktionsstätte verwandelt, da die Höhle als idealer Schutz gegen Fliegerbomben galt". Die nachfolgenden Informationen entstammen überwiegend dem Kapitel 1 des Buches. "Die Stunde der Heimat: Die geplante Sprengung der Balver Höhle".

Im Jahr 1947 waren die aufgestellten Maschinen längst verschwunden. Die Abschlussmauern und andere Einbauten erinnerten jedoch auch zwei Jahre später daran, dass in der Höhle für die Rüstungswirtschaft des deutschen Reiches produziert wurde. Im Juli 1947 wurde vereinbart, dass die Stadt Balve die von der Militärregierung befohlene Räumung dieser Einbauten in eigener Verantwortung durchführen würde. Kurz nach Beginn der Abbrucharbeiten wurden diese von der Besatzungsmacht gestoppt. Die Gründe waren zunächst nicht bekannt. Im Gespräch mit dem an der Höhle ansässigen Gastwirt Sauer waren die Offiziere weniger zurückhaltend. Ihm wurde mitgeteilt, er müsse sein Haus wohl räumen, "wenn die Balver Höhle gesprengt" würde. 

Die unmittelbar eingeleiteten Recherchen des Amtsdirektors Rips und Stadtbürgermeisters Hertin bestätigten die schlimmsten Befürchtungen. Ihnen wurde eröffnet, dass "eine Beseitigung der Höhle gefordert würde, um für alle Zeiten eine Verwendung des Höhlenraumes für kriegswirtschaftliche Zwecke auszuschalten". Massivste Einwände fanden keinen Widerhall. Es wurde entgegen gehalten, "warum die Stadt die Errichtung eines Rüstungsbetriebes in der Höhle zugelassen habe". 

Parallel zu den Bemühungen der Stadt formierte sich örtlicher Widerstand: Der "Bund für Heimat- und Kulturpflege" machte mobil: Die 1921 gegründete "Heimwacht Balve". Die von der Heimwacht einberufene Protestversammlung meldete sich sogar noch vor der Stadtvertretung zu Wort: "Die Bevölkerung von Balve hat mit größter Bestürzung von dem Beschluss der Militärregierung erfahren", hieß es in der - vermutlich von Theodor Pröpper federführend verfassten - "Resolution der Balver Bevölkerung", welche die Heimwacht "im Auftrage der Versammelten" an den Ministerpräsidenten des 1946 gegründeten Landes Nordrhein-Westfalen schickte. Von der sprichwörtlichen Zurückhaltung der Sauerländer war in der Resolution nichts zu spüren: "Angesichts der Bedeutung der Balver Höhle für die wissenschaftliche Welt des In- und Auslandes, wie auch für die verschiedensten kulturellen Äußerungen des Volkslebens, angesichts der besonderen Bedeutung, die das einzigartige Naturdenkmal für das gesamte sauerländische Bergland besitzt, bitten die in einer großen öffentlichen Volksversammlung anwesenden Bewohner von Balve Sie dringend, alles zu tun, um die geplante Zerstörung der Balver Höhle zu verhindern. Zusätzlich verfasste die Heimwacht Balve in Windeseile eine spezielle "Denkschrift", die in gedruckter Form "die Bedeutung der Balver Höhle aus Anlaß der geplanten Sprengung durch die Militärregierung" erläuterte und einen aufschlussreichen Blick auf die Motive der Protestierenden eröffnet". Die Denkschrift endete mit dem pathetischen Satz: "Die Weltöffentlichkeit würde es nicht fassen". 

Diese Denkschrift mobilisierte in einer Weise, wie vordem wohl nur die fast 30 Jahre zurückliegende "Schutzaktion zur Rettung des Hönnetals". Es war eine Blitzaktion, mit gut formulierten Argumenten. "Auch aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, wie schnell sich gegen die geplante Sprengung eine Protestbewegung formierte. ... Aller materiellen Not zum Trotz waren die Bürger Nordrhein-Westfalens offenbar für Ziele des Natur- und Heimatschutzes zu mobilisieren, jedenfalls dann, wenn es um ganz konkrete Ziele ging". Der flammende Balver Protest hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei der britischen Besatzungsmacht. Mit Telegramm vom 19.09.1947 wurde die Sprengung der Balver Höhle abgesagt.