Natur-, Kultur-, Kulthöhlen

English: translate   Nederlands: vertalen
 

IV. Natur-, Kultur-, Kulthöhlen

 

Entstehung der Höhlen im Massenkalk 

Im 19. Jahrhundert zählten Heimatkundler 37 Höhlen bzw. höhlenartige Tiefen im Massenkalk des Hönnetals. Sie wurden kartographisch fixiert. 33 Höhlen sind der Nachwelt erhalten geblieben, vier wurden Opfer menschlicher Eingriffe in die Natur (Bahnbau, Kalksteinbrüche).

Die Fachwelt unterscheidet Natur-, Kultur-und Kulthöhlen. Unter Naturhöhlen versteht man - unabhängig von ihrer Größe und Gestalt naturgeprägte und naturbelassene Höhlungen im Fels. Wurden in ihnen Artefakte gefunden, die am Ort auf menschliche Nutzung schließen lassen, sprich die Fachwelt von Kulturhöhlen. Kulthöhlen dagegen sind Orte, in denen über einen größeren Zeitraum religiöse Handlungen (rituelle Bestattungen, Götterverehrungen) gepflegt wurden.

Sämtliche Höhlen bzw. höhlenartige Gebilde in Felsen sind auf Risse, Spalten oder Abgründe zurückzuführen. Sie entstanden durch tektonische Einwirkungen auf Massenkalkgebilde (Haltungen, Verwerfungen, Senkungen).

Der Zahn der Zeit nagte Jahrmillionen an den Wänden der Höhlungen. Erosion (chemische Prozesse) und Korrosion (mechanische Vorgänge: Wasser, Reibungen, Brüche, Ausschwemmungen) weiteten je nach Art, Dauer und Stärke der Aggressionen die Risse und Klüfte zu weitläufigen Spalten, zu Gängen oder gar hallenartigen Hohlräumen aus. 

 

Balver Höhle

Die größte und bedeutendste Höhle liegt am nördlichen Rand des Stadtzentrums in unmittelbarer Nähe des Restaurants Balver Höhle und der Diskothek Mammut.

Die Hallenhöhle mit ihren Seitenarmen wird heute als Großraum und Festsaal für Konzerte, Spiele, Theater, Jubiläen und Vergnügen genutzt. Seit über 150 Jahren richtet die Balver Schützenbruderschaft im „Felsendom“ das dreitägige Schützenfest aus. Tausende besuchen jährlich Sinfonie-, Rock- und Jazzkonzerte, Märchen-, Opern- und Theatervorführungen. Vom Frühsommer bis in den Herbst nutzen Vereine, Organisationen und Unternehmen die räumlichen, atmosphärischen und akustischen Möglichkeiten der Balver Höhle.

Vor etwa 60 Millionen Jahren war die Höhle nichts anderes als ein großer Spalt in einem Massenkalkfelsen. Aber der Zahn der Zeit nagte unentwegt. Jahrtausendelang strömten - besonders in regenreichen Perioden - durch den sogenannten Einstrudelungskanal* aus der hinteren rechten Ecke der Höhle gewaltige Wassermassen durch den Gesteinsspalt (* Die Wortschöpfung "Einstrudelungskanal" findet sich nach Google-Recherche ausschließlich im Zusammenhang mit der Balver Höhle). Wasserstrudel und eingeschlossene Feststoffe scheuerten an den Wänden, sie rissen Felsbrocken aus dem Boden, spülten Steine, Kiesel und Schlämme hinab ins Hönnetal. Erosionen und Korrosion schufen in Millionen Jahren aus einem Spalt eine tiefe Kluft, schließlich einen hohen gewölbten Raum, den nicht nur romantische Seelen heute als Naturwunder oder als Felsendom preisen.   

Natürlich nutzten große und kleine Tiere die Höhlungen seit unendlichen Zeiten als Wohnung, Unterschlupf oder Sterbelager. In Verwitterungsschichten und Anschwemmungen fanden Hobbygraber und Forscher im 19. und 20. Jahrhundert Tausende Fossilien. Der vordere Teil der Höhle hatte sich nämlich seit der Eem-Warmzeit vor etwa 100.000 Jahren fast bis zur Decke mit Lehm, Gestein, Sinter und Tierrelikten unterschiedlicher Herkunft gefüllt.

Höhlenbär, -löwe und -hyäne, Rentier, Schneehase, Wildschwein und viele andere große und kleine Tiere verendeten irgendwann in der Höhle. Ihre Fossilien, aber auch Pflanzenrelikte bezeugen die Vielfalt kälte- und wärmetüchtiger Klein- und Großtierarten im Sauerland. Diese Reste ehemaliger Floren und Faunen verraten auch den Umfang der jeweiligen klimatischen Veränderungen im Sauerland seit Urzeiten. Vor zwei Millionen Jahren z.B. gediehen in Norddeutschland subtropische Pflanzen, wie Funde beweisen. Vor etwa 40.000 Jahren dagegen bedeckten das Sauerland polare bzw. tundragleiche Eis-bzw. Geröllwüsten.

Der "Urzustand" ist am ehesten der beigefügten Lithographie "Clause bei der Balver Höhle" zu entnehmen, welche die Balver Höhle im Jahr 1821 darstellt. Also noch vor der Ausräumung durch die Stadt, die eigens zum Zweck der Nutzung des guten Naturdüngers eine "Höhlenkasse" einrichtete. Nach dieser frühesten Abbildung der Balver Höhle war sie damals knapp begehbar, es gab nur eine niedrige Öffnung. Die heutige offene Form entstand durch die Ausräumung. 
Die Straße nach Menden (wohl eher ein Feldweg) führte - anders als heute - vor der städtischen Klause zu Ehren der Gottesmutter und der hl vierzehn Nothelfer (heute Farben Nitsche) durch, aus der Sicht des Betrachters. Quelle: Lithographie aus dem Reisebericht von Friedrich C.D. von und zu Brenken um 1821.
Die uralte Klause, ein Eremitengebäude mit Kapelle im Ostteil, wurde nach Pütter (p.73) erstmals 1512 in einer Schenkungsurkunde erwähnt. In der Klausnerkapelle fanden jährlich Stiftsgottesdienste statt. Sie wurde jahrhundertelang von Eremiten bewohnt, die teils noch namentlich bekannt sind.
Von einer "Eremitenfrau" heißt es, sie habe in der Hexenzeit um 1600 verfolgte Leute in den Höhlen des nahen Kepplerberges versteckt und sie bei Nacht und Nebel durch das Glärbachtal in das Iserlohner Gebiet in Sicherheit gebracht.

Auch der Mensch hinterließ in der Balver Höhle, die er während steinzeitlicher Perioden auf seinen Wanderungen durch Nordeuropa aufsuchte, bedeutende Spuren (Faustkeile, Schaber, Spitzen, Klingen etc.). Bereits vor vielleicht 100.000 Jahren zur Eem- Warmzeit wanderten Neandertaler durch das Hönnetal. Sie lebten in Laubhütten, später in Fellzelten, sie jagten Mammut, Nashorn und Hirsch, sammelten Früchte des Waldes und des Feldes. Geeignete Höhlen boten ihnen auf Wanderungen und Jagdzügen Schutz vor manchen Unbilden der Witterung.

Die der Eem- Warmzeit folgende Kaltzeit überraschte den Neandertaler. Er musste seine Lebensgewohnheiten umstellen, d.h. sich den neuen klimatischen Bedingungen der folgenden kalten bis eisigen Klimaphasen anpassen. Dem sogenannten Kältemaximum vor etwa 30.000 Jahren waren seine Überlebensstrategien nicht mehr gewachsen. Nur wenige Neandertaler erkannten rechtzeitig ihre Lage. Wenige wichen rechtzeitig in wärmere südliche Gefilde aus, der größte Teil des homo sapiens neandertalensis überlebte jedoch die eisigen Zeiten vor 30.000 Jahren nicht.

Während des letzten Krieges wurden Höhle und Vorgelände als Rüstungbetrieb genutzt. Die englische Besatzungsmacht ordnete deshalb 1945 die Sprengung der Höhle an. Dank der Bemühungen engagierter Balver Bürger verzichtete die Militärregierung schließlich auf ihr Vorhaben.

 

Karhofhöhlen

Sie liegen im Einmündungsbereich der K26 (Grübeck) in die B515. Man überspringt (hinter dem Parkplatz auf der rechten Straßenseite) ein schmales Bachbett und folgt einem aufsteigenden Pfad zu einer Hügelkette. Von den sieben Karhofhöhlen sind nur die größeren "begehbar" und damit für Besucher interessant.

Einige Höhlungen waren offenbar ursprünglich räumlich miteinander verbunden. Wahrscheinlich sind die Höhlengänge als Folge eines rasanten Klimawechsels vor einigen 1000 Jahren eingestürzt. Damit erloschen die Möglichkeiten, frühgeschichtliche menschliche oder tierische Nutzungen, die in der Tiefe des Berges stattfanden, zu erforschen.

Graber und Forscher fanden in vorderen Bereichen der Höhlen I und II rund 750 Artefakte (Irden-, Eisen-, Bronzewaren), aber auch zahlreiche zerstückelte, angeschnittene Leichenknochen und Menschenzähne. Sie lassen auf rituelle Handlungen schließen. Die Schädel und Kieferstücke die postmortal abgetrennt wurden, stammen von etwa 10 männlichen Individuen. Auch diese geborgenen Artefakte sind offensichtlich geschlechtsbezogene Grabbeigaben und dienten der Verherrlichung einer Gottheit.

Bis zur vorrömischen Eisenzeit bestimmten religiöse Vorstellungen die Menschen, auch die Bewohner des sogenannten Hönnetalkessels, ihre Toten geschlechtlich getrennt und symbolisch gestückelt an geweihten Plätzen zu "bestatten". Die Rituale galten uns unbekannten Göttern. Während die Leichenhöhle offenbar der Ehrung weiblicher Gottheiten dienlich zu sein hatte, wurden in den Karhofhöhlen jenseitiger maskuliner Wesen gedacht. Höhlen besaßen in dieser Zeit ein besonderes Flair als Medium für Glaubensangelegenheiten.

 

Burschenhöhle

Zur Burschenhöhle gelangt der Besucher über einen Trampelpfad. Er beginnt auf der linken Seite des Einmündungsbereich der Grübeck in die B515 gegenüber der Freifläche (Parkplatz). Nach 300 m Anstieg entlang dem Berghang zur rechten Seite erreicht man einen Felsvorsprung vor einer kleinen Höhlung im Fels.

Die Höhle ist streng genommen nur ein Felsüberhang vor einer Felsmulde, der sich als Schutz gegen Witterungsunbilden eignet. Höhlungen dieser Art dienten schon in früheren Perioden der Menschheitsgeschichte als Behausungen auf Zeit, wie südeuropäische Beispiele belegen. Auch der frühe homo sapiens sapiens wird den Felsüberhang der sogenannten Burschenhöhle genutzt haben.

Der Rentierjäger zum Beispiel versah die offene Seite der Höhlung mit "Stangen". Er verkleidete sie mit Tierfellen als Kälte- und Regenschutz. Die Rauchschwaden einer Feuerstelle konnten unter der Felsdecke seitwärts abziehen. Als Schlafstatt diente offenbar ein Lager aus Reisig, Laub und Fellen im hinteren Teil der Höhlung.

Dem dem Vernehmen nach liebten junge Leute, auch Studenten (früher Burschen genannt) diesen Ort noch in den 90er Jahren zu romantischen Treffen Gleichgesinnter. Nicht selten wurde die Burschenhöhle auch von Wanderern als Schlafplatz oder von Liebenden zu einem Schäferstündchen genutzt, wie Strohlager, Feuerstellen, Aschenreste und herumliegende Kultur-Utensilien verrieten. Man munkelte sogar, dass der Ort hin und wieder zu „konspirativen Satanskulten“ in jüngerer Zeit von Jugendlichen genutzt wurde.

 

Die Reckenhöhle

Der Eingang zur Reckenhöhle liegt unmittelbar an der B515 - schräg gegenüber dem Hotel-Café-Restaurant Haus Recke. Ihn entdeckte im vergangenen Jahrhundert der Gastwirt Franz Recke, als einen Hasen verfolgte, der plötzlich im Fels verschwand. Er öffnete das Loch und sah eine Höhlung. Er konnte - ihm gehörten Grund und Boden - seine Entdeckung ohne Behinderung durch Dritte erkunden, erforschen. Die Gänge, Spalten, Schluchten, die er fand, durchziehen kilometerweit das Kalksteinmassiv. Schwiegersohn und Enkel erschlossen immer neue Höhlenbereiche. Über 500 m der Höhle sind heute Besuchern zugänglich.

Bis zur Entdeckung war die Höhle noch nie von Menschen betrieben worden. Es gab nur enge Einschlupfmöglichkeiten, die nur von kleineren Tieren - wie Fossilien belegen - seit Jahrtausenden zu Aufenthalten genutzt werden konnten.

Die Bedeutung der Reckenhöhle liegt in der Vielgestaltigkeit des weitläufigen Höhlensystems und in der Farben-und Formen Schönheit mancher Tropfstein-, sind und Felsengebilde, die dem Besucher bei einem Rundgang begleiten. Einzel-und Gruppenführungen regelt das Hotel.

 

Leichenhöhle

Die Leichenhöhle liegt südwestlich des Anwesens „Haustadt“ oberhalb eines kleinen Felsplateaus. Ihr Eingang ist unter Umgehung eines Drahtzaunes an der B515 nur kletternd zu erreichen. Sie gehört zu den merkwürdigsten Kulthöhlen der Sauerländer Gebirgswelt.

Der Eingang der "Kriechhöhle" und zum rund 30 m langen Gang zur Leichenkammer (minimal 30 × 50 cm) muss ein Besucher tief gebückt bzw. kriechend bewältigen. In der hallenartigen kleinen Kammer zum Ende fand der Hobbyforscher Bahnschulte 1938 ein bis dahin in Nordeuropa unbekanntes Szenarium.

Gewissermaßen um einen Mittelpunkt geordnet lagen Schmuckstücke (Fingerringe, Ohrringe, Glas-und Bernsteinperlen), Schädel-und Kieferfragmente, Oberschenkelknochen und Fingerglieder. Die Leichenteile stammten von 16 Frauen und Mädchen.

Bahnschulte hatte eine Höhle erforscht, in der zu Hallstattzeit oder früher (700-500 vor Christus) Teile weiblicher Leichen als „typisierende Symbole“ rituell bestattet wurden. Die Hinterlegung postmortaler Zerstückelungen war offensichtlich von einem feierlichen Leichenschmaus begleitet, wie aus einer Feuerstelle, aus irdenen Vorratstöpfen und verstreuten Nahrungsmittelresten zu schließen ist (vergleiche Karhofhöhlen).

 

Schlafhöhle

Sie ist eine von vier Höhlen in den Klippen der sieben Jungfrauen an der B515. In der Schlafhöhle lebte viele Jahre Onkel Rudi. Dem Sonderling genügte der bescheidene Hohlraum im Fels als Wohnung und Werkstatt. Höhle und Umfeld waren seine Heimat. Hier schlief, kochte und werkte Onkel Rudi, wie man ihn nannte, auch wenn wintertags. Er war mittleren Alter und lebte von Verkauf einfacher Küchengeräte, die er aus Holz oder Blech herstellte und an Haustüren zu verkaufen suchte.

Eines Tages, 1934, im zweiten Jahr nach Hitlers Machtergreifung, verschwand Rudi. Über seinen Verbleib ist nichts bekannt geworden.

 

Tunnelhöhle

Ihr Eingang wurde erst beim Bau der Hönnetalbahn durch Zufall am Rande der Bahntrasse freigelegt und damit entdeckt. Der Wanderer erreicht diese Höhle (eigentlich nur ein gangartiger Spalt) auf dem Weg vom Bahnhof Klusenstein entlang der Hönne nach Haustatt/Binolen (oder umgekehrt).

Die Höhlung am Rande einer (ehemaligen) Felswand ist an sich wenig attraktiv. Sie barg weder Fossilien noch Artefakte. Trotzdem lohnt sich für Höhlenfans alle Krabbelpartie ins Innere.

Art, Gestalt und Größe der Höhlung zeigen, welche Lücken im Massenkalkgebirge vor 64 Millionen Jahren bei der Bildung von Gebirgen entstehen konnten. Die Spalthöhle lässt ahnen, dass der berühmte Zahn der Zeit (Erosionen, Korrosionen) allein nicht reicht, einen Hohlraum im Fels wesentlich zu erweitern.

Es bedarf nämlich darüber hinaus der Arbeit von säurehaltigem Sickerwasser (Humusbildung) und der Gewalt langzeitig einströmender Wassermassen, einen Spalt im Fels zu einer Gang- oder Hallenhöhle größeren Umfanges auszubilden. Diese mechanischen und chemischen Voraussetzungen fehlten hier. Die Tunnelhöhle hatte weder humusreiches Oberland noch wasserführendes Hinterland. Sie veränderte sich demnach in Jahrmillionen kaum. Sie blieb, was sie immer war.

 

Feldhofhöhle

Sie liegt an der historischen Poststraße (einem uralten Karrenweg) von Arnsberg nach Iserlohn. Der heutige Wanderpfad beginnt auf Balver Gebiet an der urtümlichen steinernen Brücke bei Haustatt (B515) und führt über Bäingsen und Hemer nach Iserlohn.

Die Feldhofhöhle ist wie die Balver Höhle hallenartig angelegt, aber wesentlich kleiner. Wahrscheinlich wurde auch sie in regenreichen Zeiten von einem Höhlenfluss, der vom Hinterland gespeist wurde, ausgewaschen. Graber und Forscher fanden in Ablagerungsschichten vor allem Artefakte aus Feuerstein und Kieselschiefer der Sirgensteiner Stufe. Die Höhlung bot vermutlich steinzeitlichen Wandernden und Jägern vorübergehend Schutz und Wohnung.

 

Friedrichshöhle

Den Eingang zur Höhle versperrt ein Eisengitter. Es darf nur von befugten, sogenannten Höhlenforschern, geöffnet und benutzt werden. Er führt in die Tiefe weitläufig verzweigter, stufenweise angelegter Höhlungen und Gänge bis zu einem unterirdischen Höhlenfluss mit unentwegt steigendem und fallendem Wasserstand. Ihre Begehung ist auch in oberen Höhlenbereichen sehr gefährlich. Die Höhlen-Fluss-Ebene unter dem Klusenstein bzw. unter der Hönne ist eher streckenweise erforscht worden.

 

Große Burghöhle

Sie ist nur auf Umwegen zu erreichen (Hönnesteig - Brücke bei Haustatt – Bahntunnel - Trampelpfad entlang der Bahn Richtung Klusenstein). Der Eingang liegt etwa 6 m über der Bahntrasse. Er ist leicht zu ersteigen. Der Raum wird von zwei Fenstern, Feldöffnungen zur Talseite, erhellt. Nach einigen Schritten öffnen sich links und rechts kurze Nebenarme. Danach verjüngt sich die Höhle Bergwerks bis zu einem Kriechgang. Von hier führte früher angeblich ein geheimer Gang zur Burg Klusenstein.

Die Fundhorizonte weisen auf eine rege Nutzung unter anderem während der Hallstein-und Laténezeit hin. Art und Zweck der eisenzeitlichen Nutzungen lassen sich nicht mehr beweisbar klären, sie sind deshalb spekulativ zu deuten. Eine Verwendung der Höhle zur Hallstein- oder Laténezeit (700-100 vor Christus) als Wohnstätte kann jedoch ausgeschlossen werden. Die Menschen im Tal waren damals bereits sesshaft, sie lebten mit ihrem Vieh in Gruben-, Lehm-, Holzhäusern, erst später in Fachgebäuden.

Nicht ausgeschlossen werden kann eine zeitweise Nutzung als Werkstatt fürTöpfe- bzw. Metallwaren. Immerhin wurden in der Höhle eisenzeitliche Irden- (5000), Eisen- (700), Bronzewaren (70), aber auch Spinwirtel (40) geborgen, deren Art und Menge periodisch eine intensive Nutzung des Raumes als Arbeitsstelle vermuten lässt.

In diesem Zusammenhang ist auch die Sage von Wieland dem Schmied zu sehen, der im Berg Ballowa bei zwei Zwergen das Eisen-und Goldschmiedehandwerk erlernt haben soll. Die in den nordischen Dietrichsagen aufgeführten Beschreibungen der Werkstatt der schmiedenden Zwerge treffen - oft fälschlich verkündet - nicht für die Balver Höhle zu, wohl aber ggf. für die Burghöhle im Klusenstein.

Der Eingang der Höhle ist sperr-(verschließ-)bar, Halle und Nebenarme sind geräumig. Eine fensterartige Öffnung neben dem Eingang bietet Rauchgasen Abzugsmöglichkeiten. Der Tod Vater Wades (Bergsturz) könnte sich nur an Steilhängen des Burgberges vollzogen haben. Relikte von Feuerstellen (Aschen, Getreide, Kräuter) lassen auf einen langen Gebrauch schließen.

Auch eine Verwendung als Kulthöhle kann nicht ausgeschlossen werden. Darauf verweist unter anderem an bronzenes Entenvögelchen (2,2 cm), eine europaweit übliche Totengabe zu dieser Zeit. Die gefundenen Spinnwirtel, Fibeln, Bronzekettchen, Töpfe, Trachtenteile und Mahlsteine, eindeutig feminine Attribute, erinnern jedoch weniger an Bestattungsriten denn an Fruchtbarkeitskulte.

Wahrscheinlich wurde die Höhle von Menschen des sog. Hönnetalkessels zu verschiedenen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen in Anspruch genommen. Mal war sie kultischer Ort, dann Keramikwerkstatt, auch wohl Schmiede, hin und wieder sogar "Fluchtburg" bei Gefahr.

Von diesen Überlegungen her ist Wielands Wirken in Ballowa sagengeschichtlich erklärbar. Sagen brauchen für ihre Helden und Antihelden Orte, die im Bewusstsein der Hörenden und Lesenden bedeutungsvoll, geheimnisumwittert sind. Magie, Mystik und mehr müssen sich vorstellbar, glaubhaft ergänzen können und die Lebenswirklichkeit erhöhen, überhöhen. Dafür ist die Lebensgeschichte Wielands in der nordischen Dietrichsage ein beredtes Beispiel.

 

Dietrich- und Wielandsage

Näheres zur Dietrich- und Wielandsage findet sich in der eindrucksvollen Monographie von H.H. Hochkeppel "Balve - Ballowa. Dietrichssage und Wielandsage - Waldschmiede, Ureinwohner, Zwergenleben. Mut haben", die im "Der Berner", Bonn in der Sparte "Mitteilungen des Thidrek-Saga-Forums" veröffentlicht wurde. Der Titel: "Wieland der Schmied in Ballowa - eine kritische Betrachtung". Hier nimmt Hochkeppel kritisch zu den Thesen Heinz Ritters Stellung ("Die Nibelungen zogen nordwärts"), der in diesem Kontext immer wieder zitiert wird. Ritter hatte sich im Sommer 1959 vor Ort in Balve umgesehen (p. 41 ff). Er kam nach einem Austausch mit dem Balver "Heimatforscher" Josef Pütter zu vermeintlich zwingenden Schlussfolgerungen: Die Erzählung von Wieland dem Schmied spielte in Balve (= Ballofa). Genau genommen: In der Balver Höhle.

Auszüge aus Hochkeppel: "Der unterhaltende, bildende, erzieherische Wert von Sagen aller Art liegt nicht in der exakten Beschreibung historischer oder historisierter Gegebenheiten, sondern in der glaubwürdigen Vermittlung von persönlichen und gesellschaftlichen Schicksalen vor dem Hintergrund sozialer, wirtschaftlicher, moralischer Umstände der Zeit. Moral? Welcher Moral ist die Geschichte von Wieland dem Schmied in Ballowa verpflichtet? Ich stelle mir einen jungen Erdenbürger vor 1400 Jahren vor und frage mich, was er empfunden haben mag, als ihm Wielands Erlebnisse in "ballowa" vorgetragen wurden. Er sagte: "Toller Kerl, richtig, der hat es den Bösewichtern aber gegeben". Das Gute, selbst das angeblich Gute, hat in der "Moral von der Geschichte" immer zu siegen.

Es wäre gut zu wissen, ob Wieland wirklich bei zwei Zwergen in einer Höhle von "ballowa" seine Kenntnisse in der Schmiedekunst genialisch perfektionieren konnte.

Die Suche nach Erkenntnis und Klärung ist sicher ein amüsantes, spannendes, intelligentes, interessantes Spiel. Es macht Freude, Namen, Jahreszahlen, Fakten, Ortsbezüglichkeiten, Spekulationen und Umstände miteinander zu vergleichen. Sinnvoll erscheint mir aber nicht, um jeden Preis Heimatbezüge herstellen zu wollen, also Belegketten anzulegen, nach denen Wieland "unwiderlegbar" in der Balver Höhle tätig war.

Die Frage, ob sich die Geschichte von Wieland dem Schmied bei zwei Zwergen in "ballowa" ... abgespielt hat, muss verneint werden. Dies schließt nicht aus, dass irgendwann in frühgermanischen Zeiten ein junger Bursche das Schmiedehandwerk in "ballowa" erlernte, dass Kleinwüchsige im Balver Wald Brünnen und Schwerter schmiedeten, dass irgendwann "Zwerge" heimtückisch ermordet wurden, dass irgendwo diese oder ähnliche zeitlich, auch räumlich getrennten Vorgänge zu einer spannenden Geschichte, zur gesuchten Ursage, vereinigt wurden. Menschlicher Vorstellungskraft und Tatkraft sind keine Grenzen gesetzt".