Geschichte des Hönnetals

English translate   Nederland vertalen

In Überarbeitung

Das Hönnetal, Jahrhunderte lang Grenzgebiet zwischen Kurköln und der Grafschaft Mark, hat eine besondere kulturhistorische Bedeutung: Prähistorische Höhlen, romantisches Naturideal, Schauplatz einer der ersten Naturschutzaktionen und Denkmal der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus. Im Hönnetal prallen gegensätzlichste Nutzungsinteressen aufeinander – wirtschaftliche Nutzung, Nutzung als naturschonender vs. naturbelastender Verkehrsraum, Schutz von Flora und Fauna, Freizeitnutzung (Klettern, Wandern, Radfahren, Höhlenforschung), touristische Nutzung und Erschließung.

In früheren Zeiten galt das Hönnetal als wild und unerschlossen, es war teilweise nur schwer passierbar (1645: Historischer Kartenausschnitt aus Westphalia Ducatus, Blaeu. Lateinische Beschreibung zum Hönnetal: „Antrum vastissimum incogniti recessus“ – etwa: große Höhle, unerforschte Abgründe). Nach Norden bildete es eine natürliche Barriere für den Balver Talkessel, der in Richtung Westen und Süden durch den Balver Wald und den tiefen Einschnitt des Lennetals begrenzt war. Balve war schwer erreichbar. Bis zum Bau der Hönnetalbahn gab es lediglich eine Postkutsche als „öffentliches Verkehrsmittel“ im Hönnetal. Handel und Wandel spielten sich auf dem Heerweg ab, der alten Verbindung zwischen Soest und Köln, die auf direktem Weg nach Arnsberg führte

Das Hönnetal als Grenzland

Durch das Hönnetal in Höhe der Burg Klusenstein verläuft die historische Grenze, die die ehemalige Grafschaft Arnsberg, von 1368 bis zur Säkularisation vom katholischen Kurköln aus regiert, vom protestantisch geprägten märkischen Sauerland trennt. Die Grenzlinie verläuft vom heutigen Neuenrade über die Höhenzüge des Balver Waldes und umschließt noch die Burg Klusenstein und die Furt im Hönnetal, bevor sie sich Richtung Iserlohn wendet (vgl. historische Karte „WestfaliaDucatus“: gelb = Kurköln, grau: = Mark). Dies erklärt die besondere Rolle der Burg Klusenstein als ‚Grenzfeste‘ (sog. Raubritterburg) und die jahrhundertelangen Streitigkeiten zwischen ‚Märkern‘ und ‚Kurkölnern‘ im Balver Wald, insbesondere um die Eichelmast bei der Schweinehude (Allmende). Josef Pütter hat darüber in seinem Buch ,,Sauerländisches Grenzland im Wandel der Zeit“ anschaulich und amüsant berichtet.

Das romantische Hönnetal 

Levin Schücking und Ferdinand Freiligrath schreiben in „Das malerische und romantische Westfalen“ im Jahr 1841 über das Hönnetal, mit Rückgriff auf einen Reisebericht der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff:

„Es ist eine romantische Wanderschaft; das Tal klemmt sich immer wilder und düsterer endlich zur engen Schlucht zusammen; die schmale Hönne rauscht pfeilschnell unten über kantige Felsbrocken, aufbrodelnd und Streichwellen über den Fußweg schleudernd, bis endlich aus tiefem Kessel uns das Gebrause und Schäumen einer Mühle entgegen stürmen. Hier ist die Fährlichkeit überwunden, eine kühne und kuppige Felswand springt vor uns auf, drüben ragen die Ringmauern und Trümmer einer alten Burg, aus der ein neues Wohnhaus wie ein wohlhäbiger Pächter einer alten Ritterherrlichkeit hervorlugt. […]

Das Gewölbe ist schön und weit gespannt, ein kühnes Bauwerk; der erste Raum ist gegen 60 m lang. An der Decke und Seitenwänden glänzt hängendes Tropfgestein von rötlicher Farbe und eigenartigen Bildungen; an jeder Spitze ein gräulich glänzender Tropfen der langsam fällt und die Höhle mit einem einförmigen Geräusche einschläfert. Im Hintergrund klaffen zwei dunkle Spalten auf, die man mit Fackellicht, scheu vor dem überall versickernden Wasser, gebückt vor den wie Spieße niederdrohenden Tropfsteinzapfen, betritt, vorsichtig durchschreitet, endlich durchkriecht. Nach mühseliger Fahrt dämmert der Schimmer des Tages uns entgegen, wir stehen wieder in der Eingangshalle, ehe wir’s gedacht und sind verwundert, einen Halbkreis beschrieben zu haben, während wir uns den Eingeweiden der Erde immer mehr zu nähern glaubten.“

Und weiter: „Von Klusenstein führt das Hönnethal weiter hinauf an dem hübsch gelegenen Wirthshaus Sanssouci vorüber nach dem Städtchen Balve, in dessen Nähe die Gegend weniger wild romantisch ist, aber ebenfalls ein merkwürdiges Denkmal schaffender Naturkräfte in der „Balver Höhle“ besitzt – wie das Kalksteingebirge zwischen Ruhr und Lenne überhaupt einen auffallenden Reichthum an Grotten und Höhlen hat. Die Balver Höhle zeichnet sich durch das großartige Thorgewölbe, das ihr zur Einfahrt dient, aus. Sie besitzt viele Reste antediluvianischer Thiere – man findet Zähne urweltlicher Geschöpfe bis zu sieben Pfund Gewicht“.

Das mystische Hönnetal

Seine Ursprünglichkeit förderte die Bildung von zahlreichen Sagen, die sich um das Hönnetal ranken. Während der Bronze- und Eisenzeit wurden die zahlreichen kleinen und großen Höhlen von Menschen benutzt. Artefakte lassen darauf schließen, dass die Höhlen zum einen als Wohn- aber auch als Grabstätte, z.B. der Germanen, genutzt wurden.

Art und Beschaffenheit der Funde geben Hinweise auf einen früheren eventuell religiös motivierten Kannibalismus. Beweise dafür will unter anderen Dr. ­Bruno Bernhard, Assistenzarzt an der psychiatrischen Klinik in Würzburg, gefunden haben, der mit dem Geologen Emil Carthaus und dem Heimatkundler Wilhelm Bleicher als Verfechter der Kannibalismus-These galt. Funde von 1891 wurden zeittypisch in diesem Sinne gedeutet. Diese These wurde zuletzt von Harald Polenz wieder aufgegriffen.

Um 1730 befand sich eine Falschmünzerwerkstatt im hintersten Teil der Honert-Höhle, die bei Ausgrabungen des Privatdozenten Dr. Julius Andree im Sommer 1926 entdeckt wurde.

Die Rettung des Hönnetals vor dem Kalkabbau 

Vor 100 Jahren hatte die aufstrebende Kalkindustrie große Flächen im historischen Hönnetal für den Abbau des Kalks erworben, der zur Eisen- und Stahlproduktion im Ruhrgebiet benötigt wurde. Der Kalkstein im Hönnetal weist bekanntlich eine hohe Qualität auf. Geplant war, die Felsformationen rund um die Burg Klusenstein vollständig abzubauen und industriell zu verwerten. Mitten im Hönnetal sollte ein Kalkwerk entstehen. Um dies zu verhindern, taten sich in den Jahren 1912-13 engagierte Hönnetalfreunde, insbesondere Mendener Bürger, zusammen, um in einer für die damalige Zeit einzigartigen Öffentlichkeitskampagne auf die dramatischen Folgen für Natur, Kultur und Wissenschaft hinzuweisen. Bis nach Österreich wurde über die Zerstörungspläne berichtet. „Mit dem Abbau der das Hönnetal umsäumenden Felspartien wäre die Schönheit des ganzen Tales auf alle Zeiten vernichtet“.

Der Verlust des Neandertals bei Düsseldorf durch industriellen Kalkabbau ab dem Jahre 1849 – eine ehemals zauberhafte enge Schlucht mit vielen Wasserfällen und Höhlen – mag die Motivation der Akteure befeuert haben. Das kulturell und wissenschaftlich so viel reichere Hönnetal konnte durch die Kampagne in seinem ursprünglichen Zustand weitgehend geschont werden, trotz fataler Eingriffe in die paläontologische Substanz aufgrund von Unkenntnis und Raubbau.

Nach Unterbrechung durch den 1. Weltkrieg und einer beispiellosen Geldsammel-Aktion wurde eine kulissenartige 50 bis 100 Meter breite Fassade mit den dominierenden Felspartien im Rahmen der „Schutzaktion zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetals“ durch Aufkauf gerettet. Die Provinz Westfalen mit ihren Städten und Gemeinden, aber auch viele Privatleute waren mit Spenden beteiligt. Auch die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke unterstützten die Aktion schließlich.

Zur Erinnerung an diese Schutzaktion, die als ein frühes Vorbild praktizierten Natur- und Landschaftsschutzes in Deutschland gelten kann, wurde eine Bronzetafel kurz vor Klusenstein im Fels angebracht, mit folgendem Distichon im Pathos der Zeit:

„In der bittersten Not gab freudig das Volk der Westfalen
für die Schönheit des Tals reich von kargem Besitz
rettete stolz die uralten die hochaufragenden Felsen:
Seiner Heimat zum Schutz, selbst sich zum dauernden Ruhm.“ 

Die Bronzetafel wurde im Jahr 2019 vom Naturhistorischen Verein Hönnetal e.V. fachgerecht restauriert, mit finanzieller Unterstützung aus dem Heimatprogramm NRW.

Die Balver Höhle und die „Höhlenspiele“ 

Die Balver Höhle wurde erstmals anlässlich der Gründungsveranstaltung des Sauerländer Heimatbundes in Balve im Jahr 1922 als Aufführungsort für Laienspiele genutzt. Gegeben wurde 1922 eine Aufführung des Redentiner Osterspiels in der Bearbeitung von Franz Hoffmeister, dem Gründer des Sauerländer Heimatbundes (gemeinsam mit Theodor Pröpper). Die Ausführenden waren die Schauspieler der Laienspielschar der Heimwacht Balve. Im Balver Buch von 1930 beschreibt Pröpper anschaulich, wie sich die „Höhlenspiele“ in diesen Jahren entwickelt haben und welche Ziele dabei verfolgt wurden. Bis zum Jahr 1928 wurden Laienspiele in der Höhle aufgeführt, mit großer Publikumsbeteiligung.

Nach Rettung der Höhle vor der Sprengung im Jahr 1947 setzten Planungen der Balver Heimwacht ein, die Höhlenspiele wieder aufleben zu lassen. Am 25. Januar 1949 kam es zur Gründungsveranstaltung der „Gemeinschaft Balver Höhlenspiele – Verein zur Pflege ideeller und kultureller Werte“. Im gleichen Jahr kam das „Balver Zeitwendspiel“ zur Aufführung, ein Mysterienspiel von Theodor Pröpper. Die Inszenierung von Hermann Wedekind mit 250 Beteiligten sahen 18.000 Zuschauer. 1950 folgte „Das große Welttheater“ von Calderon del Barca, Inszenierung ebenfalls Hermann Wedekind mit 13.000 Zuschauern. Mit der Neunten von Beethoven erfolgte erstmals eine Konzertaufführung in der Balver Höhle unter Leitung von Generalmusikdirektor Hans Herwig. Dem folgten weitere Konzerte mit Werken von Anton Bruckner, Verdi, Johannes Brahms, Edvard Grieg, Pfitzner und Richard Wagner - insgesamt ca. 100 Aufführungen unter seiner Leitung. 1951 folgte Luzifer von Karl Wagenfeld in plattdeutscher Sprache (4.000 Zuschauer). Die Hauptrolle spielte Theodor Pröpper in der Inszenierung von Hermann Wedekind, der nunmehr Intendant der Städtischen Bühnen Münster war. 1952 wurde „Mord im Dom“ von T. S. Eliot und 1956 „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller sowie  „Die gelehrten Frauen“ von Molière als Gastspiele der städtischen Bühnen Münster aufgeführt, in der Inszenierung von Hermann Wedekind.

Bruckners vierte und achte Sinfonie, Beethovens Neunte, das Requiem von Verdi, Beethovens Egmont-Ouvertüre, die Peer-Gynt-Suite und der Huldigungsmarsch von Edvard Grieg waren weitere Konzerte unter Leitung Herwigs. Die Balver Höhle sollte kultureller Mittelpunkt der Region und Pflegestätte dramatischer und musikalischer Kunst werden, unter besonderer Würdigung des Werks Anton Bruckners. Mit dem Tod von Hans Herwig endete 1958 diese zweite Periode jedoch abrupt.

Erst im Jahr 1984 wurden die Theateraufführungen in der Balver Höhle wieder aufgenommen, erneut unter der Leitung von Hermann Wedekind (sog. dritte Periode). In der Tradition des Laienspiels wurde „Katharina von Georgien“ von Andreas Gryphius in der Bearbeitung von Wedekind geboten, eine deutsche Erstaufführung, gespielt von der Balver Höhlenspielgemeinschaft, einem zumeist aus Laiendarstellern bestehenden Ensemble unter Mitwirkung von persönlichen Freunden Wedekinds und Chören und Orchestern aus dem heimischen Raum. 1.800 Zuschauer sahen die Aufführungen. Es folgten bedeutende Auftritte internationaler Ensembles auf persönliche Einladung Wedekinds, etwa dem Poljanski-Chor aus Moskau und Künstlern aus Georgien.

Am 27. Januar 1985 wurde der gemeinnützige Verein „Festspiele Balver Höhle“ gegründet, der bis heute erfolgreich Theateraufführungen und Märchenwochen in der Balver Höhle betreibt. Die Balver Höhle dient heute vielfältigen kulturellen Zwecken, von Theater- und Märchenaufführungen des Festspielvereins über regelmäßige musikalische Veranstaltungen und Festivals wie „Kultrock“, „Irish Folk“ und „Prophecy Festival“ bis hin zu den „Meisterlichen Chorkonzerten“ des Männergesangvereins Balve und klassischen Opernaufführungen. Kulminationspunkt im kulturellen Jahreslauf der Balver Höhle ist und bleibt jedoch das einzigartige Balver Schützenfest - an jedem dritten Wochenende im Juli.

Lyrik rund um das Hönnetal 

Selbstredend wurde das Hönnetal auch vielfach „besungen“. Ein Lied aus dem Liederbuch „Klingemund“ von Theodor Pröpper, dem großen Organisten, Komponisten und Sänger der sauerländischen Heimat, sei hier wiedergegeben. 

Hönnetal

Von Theodor Pröpper

Hönnetal, viel Lieder ranken
reich um deine Schönheit sich.
Augen, die dein Bildnis tranken
meine Sinne und Gedanken
können nie vergessen dich.
Mancher Mund dich schon besang,
S
aitenspiel zum Ruhm dir klang.
Rausche, Hönne, rausche, rausche immerzu!
Und ich lausche, lausche, 
:;: ein Lied bist du ;:; 

Schönstes Tal wohl in der Weite:
Höhlen, Wald und Felsgestein.
Weg und Fluß sich sind Geleite,
*drohend wild Geklüft zur Seite.
Wellen spielen, silberrein.
Hoher Fels ist Himmels Saum.
Stilles Tal, bist wie ein Traum. 
Rausche, Hönne, rausche, rausche immerzu!
Und ich lausche, lausche, 
:;: ein Lied bist du ;:;

Felsenschlucht, aus alten Tagen,
da vom Horst der Uhu rief,
rauscht der Mantel grauer Sagen.
Fels und Burg und Tannen ragen.
Dämmerung raunt im Grunde tief,
wo vom steilen Felsenhang
einst das Posthorn widerklang.
Rausche, Hönne, rausche, rausche immerzu!
Und ich lausche, lausche, 
:;: ein Lied bist du ;:;

Hönnetal, dein kühler Schatten 
duftet, wenn die Sonne glüht.
Gruß dir, weil auf deinen Matten
und an Hängen, farbensatten,
noch die „Blaue Blume“ blüht.
*Laß sie blühn noch lang – noch lang. 
Tal der Träume, voll von Klang!
Rausche, Hönne, rausche, rausche immerzu! 
Und ich lausche, lausche, 
:;: ein Lied bist du ;:;

Das Hönnetal im Nationalsozialismus und danach 

Ab Mitte des Jahres 1944 wurde das Hönnetal zu Rüstungszwecken missbraucht. Das gigantische Projekt „Eisenkies / Schwalbe1“ war hoch geheim und galt in besonderem Maße als „kriegswichtig“. Wegen der enormen Dimensionen war eine vollständige Geheimhaltung naturgemäß kaum möglich. Viele Einheimische werden davon bruchstückhaft und gerüchteweise erfahren haben.

In den Steinbrüchen der Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke (RWK) betrieb die Organisation Todt das Projekt mit mehr als 10.000 Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen. Die massiven Stollen des riesigen Stollensystems sind weitgehend erhalten. Bei „Schwalbe I“ handelt sich um ein Bauprojekt der sog. Untertage-Verlagerung der Nationalsozialisten. Die Anlage mit dem Decknamen „Eisenkies“ (der Mineralname war Kennung für das Stollensystem) war kurz vor Kriegsende eines der größten nationalsozialistischen Rüstungsprojekte. Viele renommierte Firmen waren an dem Projekt beteiligt. Zweck war die Errichtung von Hydrieranlagen für Flugbenzin. Das Projekt stand kriegsbedingt unter höchstem Zeitdruck. Ab Mitte 1944 wurden Menschen verschiedenster Nationalitäten – Fachkräfte, Arbeiter, Zwangsarbeiter, Gefangene, KZ-Häftlinge – als Arbeitssklaven in den AEL (Arbeitserziehungslagern) herangezogen. Untergebracht waren sie in ca. 15 Lagern im Hönnetal, von Balve Sanssouci und Lendringsen (Biebertal) bis Fröndenberg. Zuständig für die Organisation der Zwangsarbeit war Gestapo-Mann Karl Gertenbach, Kriminalobersekretär aus Lüdenscheid. Er nahm sich am 15. Mai 1945 in der Haft das Leben.  

Viele Zwangsarbeiter wurden getötet, verhungerten oder starben durch Unfälle. Meldungen an das Standesamt Balve (stets mit der gefälschten Diagnose „Herzmuskellähmung“) unterblieben ab dem Jahreswechsel 44/45.

Der Arnsberger Medizinalrat Josef Mahr hat die korrekte Diagnose (Hungertod) hat in einem ungeschminkten Bericht über die Verhältnisse in Sanssouci am 9.1.1945 konkret benannt. Dieser erhaltene Bericht zeugt von persönlichem Mut und großer Zivilcourage. Auszüge aus seinem Bericht: „Das Lager befindet sich in Baracken, die in dem am Bahnhof Sanssouci im Amt Balve gelegenen Steinbruch erstellt sind. Diese Personen arbeiten im Hönnetal und werden täglich mit der Hönnetalbahn, nicht getrennt von deutschen Volksgenossen, zu ihren Arbeitsplätzen transportiert. Die Unterbringung der Ostarbeiter ist eine äußerst primitive. Sämtliche Räume sind überbelegt; die Leute liegen, wie das Lagerpersonal sich selbst ausdrückte, „wie die Heringe“ (handschriftliche Eintragung: Alle verlaust, Fleckfiebergefahr). Von den 400 Lagerinsassen waren am Besichtigungstage 115 krank ... Hungerödeme ... ein Teil von ihnen dürfte in der nächsten Zeit sterben“.

Die US-Army besetzte am 12. und 13. April 1945 Balve und das Hönnetal und befreite die noch Lebenden. Von 15. April bis Ende Juni kam es im Balver Land immer wieder zu Überfällen mit Todesfolge durch ehemalige Gefangene. Ende Juni nahmen die Überfälle ab, da nun die britischen Besatzungsbehörden Maßnahmen dagegen ergriffen. 

Tote aus ganz Europa sind auf dem Friedhof Lendringsen begraben. Einige Opfer aus westeuropäischen Ländern wurden nach dem Krieg in ihre Heimat überführt. Ein Denkmal auf dem Friedhof Lendringsen nennt 132 Namen, darunter 41 Deutsche. Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte um ein Vielfaches höher liegen, genaue Zahlen sind unbekannt.

Bis heute findet sich im Hönnetal – mit Ausnahme der von Polen errichteten Ehrengrabstätte auf dem Friedhof Lendringsen und einer Gedenktafel auf dem für die Öffentlichkeit unzugänglichen Polizeigelände – kein öffentlicher Hinweis auf das Rüstungsprojekt und keine Erinnerungsstätte an die Opfer. Die Anlage Schwalbe I steht nicht unter Denkmalschutz. Führungen in das Stollensystem werden bislang nur in Ausnahmefällen angeboten. 

1947: Geplante Sprengung der Balver Höhle 

Im Zuge der Demilitarisierung plante die britische Besatzungsmacht zwei Jahre nach Kriegsende die Sprengung der Balver Höhle. Sie wurde von den Nazis ebenfalls zu Rüstungszwecken missbraucht: Es wurden dort Ringfedern für die Uerdinger Waggonfabrik hergestellt. Der Eingang war durch eine schwere Betonwand verschlossen und der Höhlenboden egalisiert. In der Höhle arbeiteten 440 bis 550 russische Frauen und französische Zwangsarbeiter unter entwürdigenden Umständen. 

Frank Uekötter schreibt dazu: „Die Geschichte der Balver Höhle umfasst auch ein dunkles Kapitel. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie kurzerhand in eine Produktionsstätte verwandelt, da die Höhle als idealer Schutz gegen Fliegerbomben galt“. Die nachfolgenden Informationen entstammen überwiegend dem Kapitel 1 des Buches. „Die Stunde der Heimat: Die geplante Sprengung der Balver
Höhle“.

Im Jahr 1947 waren die aufgestellten Maschinen längst verschwunden. Die Abschlussmauern und andere Einbauten erinnerten aber noch Jahre später an die Rüstungswirtschaft des deutschen Reiches. Im Juli 1947 wurde vereinbart, dass die Stadt Balve die von der Militärregierung befohlene Räumung dieser Einbauten in eigener Verantwortung durchführen sollte. Kurz nach Beginn der Abbrucharbeiten wurden diese von der Besatzungsmacht gestoppt. Die Gründe waren zunächst unbekannt. Im Gespräch mit dem an der Höhle ansässigen Gastwirt Sauer waren die Offiziere weniger zurückhaltend. Ihm wurde mitgeteilt, er müsse sein Haus wohl räumen, „wenn die Balver Höhle gesprengt“ würde. Unmittelbar eingeleitete Recherchen des Amtsdirektors Rips und Stadtbürgermeisters Hertin bestätigten die schlimmsten Befürchtungen. Ihnen wurde eröffnet, dass „eine Beseitigung der Höhle gefordert würde, um für alle Zeiten eine Verwendung des Höhlenraumes für kriegswirtschaftliche Zwecke auszuschalten“. Massivste Einwände fanden keinen Widerhall. Es wurde entgegengehalten, „warum die Stadt die Errichtung eines Rüstungsbetriebes in der Höhle zugelassen habe“. 

Parallel zu den Bemühungen der Stadt formierte sich örtlicher Widerstand: Der „Bund für Heimat- und Kulturpflege“ machte mobil: Die 1921 gegründete „Heimwacht Balve“. Die von der Heimwacht einberufene Protestversammlung meldete sich sogar noch vor der Stadtvertretung zu Wort: „Die Bevölkerung von Balve hat mit größter Bestürzung von dem Beschluss der Militärregierung erfahren“, hieß es in der – vermutlich von Theodor Pröpper federführend verfassten – „Resolution der Balver Bevölkerung“, welche die Heimwacht „im Auftrage der Versammelten“ an den Ministerpräsidenten des 1946 gegründeten Landes Nordrhein-Westfalen schickte. Von der sprichwörtlichen Zurückhaltung der Sauerländer war in der Resolution nichts zu spüren: „Angesichts der Bedeutung der Balver Höhle für die wissenschaftliche Welt des In- und Auslandes, wie auch für die verschiedensten kulturellen Äußerungen des Volkslebens, angesichts der besonderen Bedeutung, die das einzigartige Naturdenkmal für das gesamte sauerländische Bergland besitzt, bitten die in einer großen öffentlichen Volksversammlung anwesenden Bewohner von Balve Sie dringend, alles zu tun, um die geplante Zerstörung der Balver Höhle zu verhindern“. Zusätzlich verfasste die Heimwacht Balve in Windeseile eine spezielle „Denkschrift“, die in gedruckter Form „die Bedeutung der Balver Höhle aus Anlass der geplanten Sprengung durch die Militärregierung“ erläuterte und einen aufschlussreichen Blick auf die Motive der Protestierenden eröffnet“. Die Denkschrift endete mit dem pathetischen Satz: „Die Weltöffentlichkeit würde es nicht fassen“. 

Diese Denkschrift mobilisierte in einer Weise, wie vordem wohl nur die fast 30 Jahre zurückliegende „Schutzaktion zur Rettung des Hönnetals“. Es war eine ,,Blitzaktion, mit gut formulierten Argumenten“. Auch aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, wie schnell sich gegen die geplante Sprengung eine Protestbewegung formierte. ,,Aller materiellen Not zum Trotz waren die Bürger Nordrhein-Westfalens offenbar für Ziele des Natur- und Heimatschutzes zu mobilisieren, jedenfalls dann, wenn es um ganz konkrete Ziele ging“. Der flammende Balver Protest hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei der britischen Besatzungsmacht. Mit Telegramm vom 19.09.1947 wurde die Sprengung der Balver Höhle von der britischen Besatzungsmacht abgesagt. 

Es konnte wieder Kultur in der Balver Höhle stattfinden. Das erste Schützenfest nach dem Krieg fand im Jahr 1948 statt. Für das Vogelschießen, das zweimal stattfinden musste (das letzte Königspaar von 1939 stand nicht zur Verfügung), wurde die Armbrust verwendet. Josef Lenze schreibt über dieses Fest: „Im Übrigen war das Schützenfest 1948 ein Fest der Versöhnung. Was sich in den Jahren 1933 bis 1945 an Mauern zwischen den Bürgern der Stadt aufgebaut hatte, konnte an diesem Abend – zu einem Teil – abgetragen werden. […] Es soll in diesen Tagen in der Höhle manches Wort der Versöhnung, manche Bitte um Vergebung gesprochen worden sein. Wo zunächst zwischen den Beteiligten Kälte herrschte, soll in manchen Fällen das Eis, je später es wurde, geschmolzen sein“. Zeitzeugen berichten, dass das Schützenfest 1948 ein rundes, heiteres Fest – trotz der widrigen Zeitumstände – gewesen sei.