1938-65 Tagebuch Katharina Felker (Auszüge)

Die Chronik 1938-1965

Von Katharina Felker

Der nachfolgende Text stammt in Auszügen aus der „Chronik“ der Familie Felker aus den Jahren 1936 bis 1965. Katharina Felker (* 1906) berichtet hier aus dem Leben einer jungen Arztfamilie im zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit. Es sind lebendige, aber auch bedrückende Einblicke in diese dramatische Zeit in Balve, verbunden mit Betrachtungen zum Weltgeschehen. Das Tagebuch ist um Passagen mit stark familiären und persönlichen Bezügen gekürzt. Die Übertragung des umfangreichen Textes erfolgte durch ihre Enkelin Birgitta Raffelt.

Sonntag, 27. August 1939

Wir stehen in ernsten, sehr ernsten Tagen. Wieder droht der Krieg und diesmal sieht´s noch schlimmer aus als im vorigen Jahr. In den letzten Tagen sind Tausende eingezogen, Tag und Nacht werden Stellungsbefehle ausgetragen. Die Leute sind alle so sehr bedrückt. eben komme ich vom Bahnhof zurück und konnte die Adolf Hitlerstr. nicht durchfahren. Die ganze Straße, der Markt, die Kastanienallee - alles voll von Pferden, die gemustert werden, ein endloser Zug. Die Kirche war heute Morgen so voll von andächtigen Menschen und sangen " Wende ab von unseren Hütten Krankheit, Krieg und Hungersnot, gib uns unser täglich Brot!" Hoffentlich geht diese Krise noch einmal gut vorüber!

Sonntag abend. Die Spannung wächst uns Unermeßliche. Dauernd weitere Einberufungen und immer wieder Sondermeldungen durch´s Radio, die die polit. Lage bekanntgeben. Heute wurden auch die Lebensmittelkarten verausgabt; Kartoffeln, Brot, Mehl, Eier und Gemüse sind frei, alles andere rationiert, auch Kohle und Seife. Schwül, wie diese heißen Augusttage ist auch die Stimmung. Soeben erfuhr ich auch die Namen der Ärzte, die im Ernstfall für die Betreuung der Civilbevölkerung hier blieben. Es sind 5 für den ganzen Kreis, und zwar Dr. Hagemeier,75 J. alt, Dr. Schürmeyer, Augenarzt, Dr. Köster, erblindet und seit Jahren ohne Praxis, Dr. Böhmer, in Geseke und ich. Da wird´s viel Arbeit geben. Gestern wurde ich zu einem Patienten gerufen, der um 11 Uhr getraut war und um 3 Uhr fortmußte. Die Hochzeitstafel war gedeckt, und da lag der Arme in Ohnmacht auf der Chaiselongue. Er erholte sich aber und ist auch pünktlich abgereist.

 

  1. Sept. 39

Der Krieg ist da! Man kann die furchtbare Wahrheit noch garnicht begreifen. Gegen Polen kämpfen unsere Truppen ja schon seit Tagen, aber wir hatten doch immer noch gehofft, England und Frankreich würden sich aus dem Konflikt heraushalten. Ich war gestern, Sonntag Morgen um 1/2 6 Uhr nach Balve gefahren. Die Nacht war unruhig. Um 1 Uhr rief Frau B. an, ob denn wohl jetzt die Gefahr vorbei sei? Es war Fliegeralarm gewesen und sie hatte mit ihren Kindern 1 1/2 Std. im Keller gesessen. Ich hatte nichts davon gehört. Da ich vorher die ganze Nacht bei einer Geburt in Waldliesborn gewesen war und dann morgens gleich nach Balve gefahren, hatte ich fest geschlafen. Aber nach dem Anruf war ich doch recht aufgeregt. Heute war in der Praxis enorm viel Arbeit, da ja die meisten Ärzte fort sind. Eben um 6 Uhr kam ich von Lipperode, da war wieder Fliegeralarm. Ich mußte das Auto hinstellen und mich in den nächsten Keller begeben. Dort waren fast 50 Leute, eine Frau wurde ohnmächtig vor Aufregung. Es ist jetzt abends so unheimlich, seit Tagen alles verdunkelt, kein Lichtstrahl auf der Straße.- Heute erfuhren wir nun, daß auch Frankreich uns den Krieg erklärt hat. Wir furchtbar ist das alles!

 

  1. Januar 1940

Wie lange hat nun die "Chronik" im Schranke gelegen und wie vieles hat sich ereignet seit jenen Septembertagen, da uns der Krieg erklärt wurde. Ein Buch hätte man damit füllen können, aber ich hatte ja zu wenig Zeit. 

...
Wir hatten eigens die Genehmigung zur Autofahrt vom Herrn Landrat bekommen. Wegen des Benzinmangels sind nur noch ganz wenige Wagen frei, sie haben einen roten Winkel. Unser Wagen hat ihn auch, aber er darf nur für Praxisfahrten benutzt werden. Deshalb kommen wir auch jetzt so selten nach Balve, 2x in einem halben Jahr, während wir früher fast an jedem freien Sonntag hinfuhren.- Und wie ist´s nun in der Politik? Der Polenfeldzug war nach 3 Wochen siegreich beendet, nach schweren und heftigen Kämpfen. Seitdem ist Ruhe,- aber eine Ruhe, die jeden Tag ins Furchtbare verändert sein kann. Seit Neujahr liegt tiefer, tiefer Schnee, wie seit Jahren nicht mehr. Man glaubt allgemein, daß man im Frühjahr losschlagen wird. Im Westen liegen die Truppen seit Monaten sich gegenüber, ohne daß es zu ernsten Kämpfen gekommen ist. Unsere Seestreitkräfte haben schon manch´ schönen Erfolg gehabt, und unsere Flieger manchen Engländer und Franzosen abgeschossen, an einem Tage 37 feindliche Bomber. Aber das Wetter ist jetzt für Flotte und Luftwaffe ungeeignet. Was mögen uns nun die nächsten Wochen bringen? Die Stimmung ist ernst aber doch voller Hoffnung und Vertrauen, und das ganze Volk beseelt von einem Willen: England muß unterliegen. In den letzten Tagen wurden viele Männer zum Militär einberufen. B. hatte seinen Stellungsbefehl schon am 1. September, konnte aber wegen seines Bruches noch nicht fort. F-J ist schon seit November fort, E. seit einigen Tagen. H. hat sich auch jetzt wieder freiwillig gemeldet und B. möchte fort, sobald er kann. In allen steckt echte Begeisterung und froher Mut,- kein ängstlich´ Bangen und Zagen. Das überläßt man uns Frauen, die Sorge und Angst, ob wohl alle wohlbehalten wiederkommen.--

M. kennt die Landkarte genau. "Das ist Deutschland, das Polen, da Italien, da Lowakei u.s.w." - Hoffentlich erleben unsere kleinen lieben Dötze später ruhige, friedvolle Zeiten in einem gesicherten und gefestigten großdeutschen Reich.

 

  1. Mai, abends

Wir sind ganz erschüttert und stehen unter dem Eindruck der furchtbaren Nachricht, die heute früh die Zeitung brachte: "Luftschiff Hindenburg durch Explosion vernichtet. Furchtbare Katastrophe bei der Landung in Lakehurst." --

(Man kann heute, 1940, wohl mit Sicherheit behaupten, daß es sich damals um ein Attentat gehandelt hat, zumal ja auch in der letzten Zeit mehrere Attentate gerade in Amerika auf deutsche Schiffe verübt worden sind.)

 

Pfingstsonntag, 12. Mai 1940.

"Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen!" Aber wie traurig sieht´s dieses Jahr aus. Die Pfingsttage des Jahres 1940 sind für alle Zeiten gekennzeichnet durch die ersten schweren Entladungen des Kampfes, der im Westen entbrannt ist, und der zu einer Entscheidung führen muß für die Zukunft der deutschen Nation. Vorgestern, am 10. Mai, erfuhren wir plötzlich, daß deutsche Truppen in Belgien, Luxemburg und Holland eingedrungen sind, den Engländern und Franzosen zuvorkommend, die durch diese Länder hindurch wollten um uns anzugreifen. Der Kampf wird schwer und hart sein. Unsere Truppen, die in Polen und Norwegen gezeigt haben was sie können, stehen vor neuen, wohl noch schwereren Aufgaben. Wir sind traurig und bedrückt, aber auch voller Hoffnung und Vertrauen auf den glücklichen Endsieg des deutschen Volkes. Ich bin in Sorge um die Brüder. Hoffentlich kommen alle heil und gesund zurück.- Um acht Uhr wollte ich zur Kirche, doch da waren die Kirchen wegen Fliegergefahr geschlossen. Ich bin dann noch zum Krankenhause gelaufen, wo gerade hl. Messe war. Dort waren alle Fluren und Treppen unten voll von Leuten, die dort auch die hl. Messe hören wollten. So habe ich doch noch die lieben Pfingstlieder singen können, aber ich mußte weinen, so drückend lagen der Ernst und die Schwere der Zeit auf mir -- Gestern abend soll ein feindl. Flieger hiergewesen sein. In Freiburg haben die Franzosen am hellen Tage, am 10. Mai, einen Kinderspielplatz bombardiert, wobei 13 kleine Kinder um´s Leben gekommen sind. Bestialisch! Vergangene Nacht sind mehrere Städte des Ruhrgebiets bombardiert worden. Unsere Flieger haben strenge Order, keine offenen Städte anzugreifen, sondern nur kriegswichtige Ziele, aber wenn die Feinde unsere offenen Städte bombardieren, werden wir mit denselben Maßnahmen

 

Sonntag, 18. Mai 1941

Schon wieder ist ein Jahr dahin, so reich an Erlebnissen, an Sorgen und Freuden und reichem Segen. Ein Sohn ist uns geboren! ...

So leben die Kinder in glücklicher Ahnungslosigkeit und wissen nichts von schweren Zeiten. Gut, daß es so ist. Nur in ihre Spiele mischt sich ab und zu eine kleine Begebenheit, die zeigt, daß sie hie und da mal etwas aufschnappen. Heute nachmittag spielten sie Kaufladen, da meint M., bei ihr könne man auch Schuhe "ohne Bezugschein" haben, worauf der Papa gleich 1 Paar Nr. 43 bestellte, die er so dringend braucht. Eines ihrer häufigsten Spiele ist "Fliegeralarm". M. ahmt die Sirene nach, dann ruft G. "Larm" und dann rennen sie mit Puppe und Puppenwagen in eine Ecke und nach einer knappen Minute ist Entwarnung. Das hat M. aus der Zeit her behalten, wo wir noch jede Nacht in d. Keller liefen. Jetzt sind wir ruhiger und bleiben schön oben. Dann kommt´s öfter vor, daß, wenn man noch zu den Kindern in´s Schlafzimmer geht, M. sagt: " Es ist Alarm, Entwarnung ist aber noch nicht gewesen. Die Flak hat aber kräftig geschossen." Wenn G. einen Flieger  hört, sagt sie "Tuka" (Stuka).                                          

 

  1. Mai, Christi Himmelfahrt. 1941

Es ist fast 12 Uhr. Es war ein so arbeitsreicher Tag heute. Wegen des Kriegseinsatzes mußte gearbeitet werden. Wir waren um 8 Uhr in der hl. Messe und dann hat´s den ganzen Tag hindurch viel Arbeit gegeben viel Patienten in d Sprechstunde, viel Besuche. - Ich bin jetzt auch ärztlich tätig. Schon ab Juni 1940 war ich dienstverpflichtet und habe abends hier im Hause Sprechstunden gemacht. Ab 3. März 1941 wurde ich für die Praxis von Dr. B. verpflichtet, wo ich jetzt volle Praxis ausübe. Ich fungiere dort als Hilfskassenärztin, arbeite auf Rechnung der kassenärztl. Vereinig. und erhalte dafür ein Gehalt von 9 Mk. pro Tag, dazu Vergütung für Nachtbesuche und Geburten und 15% des Privateinkommens. Für die Kinder und zur Oberaufsicht im Haushalt haben wir eine gute Kraft, die "Tante Nina", die die Kinder sehr gerne haben.

 

  1. März 1942

Sonntagabend! Allein und einsam sitze ich im Herrenzimmer, und nachdem ich den Feldpostbrief an den "Papa" besorgt habe, muß ich mich mal wieder der Chronik widmen. Fast ein Jahr ist seit der letzten Eintragung vergangen, ein Jahr voller Ereignisse, voll bitterer und schwerer Sorgen und dennoch auch wieder voller Glück und Freude. Am 22. Juni, einem Sonntag, begann der Krieg im Osten, dieser grausigste und blutigste aller Kriege, die wohl je die Welt erlebt hat. Den geschichtlichen Verlauf dieses furchtbaren Ringens wird man ja später nachlesen können, aber die Sorgen, die Ängste und Nöte, das tiefe Leid, das wir miterleben, werdet Ihr, meine lieben Kinder, wohl nicht mit- und nachfühlen können. Möge doch Euer Lebensweg ruhig, friedlich und sonnig sein! - Meine Brüder E. und H. rückten gleich am ersten Tage mit in Rußland ein, H. als Truppenarzt bei der Infanterie, E. als Chirurg in einem Feldlazarett. Schreckliches haben beide erlebt und mitgemacht, ganz besonders H., der immer mit in vorderster Front war und auch heute noch ist, er hat das E.K.1 bekommen. E. wurde im Dez. aus Rußland herausgezogen, aber gerade heute sind sie wieder ausgerückt zu neuem Einsatz. F.-J.  liegt auf der Insel Jersey. Die Sorge um die Brüder hat mir manche schlaflose Nacht gebracht, zumal die Nachrichten oft 6 Wochen und länger ausblieben und so viele Todesnachrichten von Bekannten eintrafen. Aber als wir in der Sylvesternacht Rückschau hielten über das vergangene Jahr, konnten wir doch dem l. Gott danken, daß er uns all´ unsere Lieben gnädig behütet und beschützt hatte. Zu 6 saßen wir zusammen am Sylvesterabend. Im Austausch der Erinnerungen an frohe vergangene Jahre in Jugendlust und Freude haben wir ein paar schöne Stunden verlebt, aber als das neue Jahr heraufzog, waren wir ernst und nachdenklich. Was mag uns nun das Jahr 1942 bringen? Als erstes brachte es mir Kummer, dann tiefes Glück. Am 26. Januar bekam B. seinen Stellungsbefehl und mußte zum 1. Februar, einem Sonntag, fort, gerade heute vor 4 Wochen. Im September war er auch schon mal für 14 Tage eingezogen, kam aber auf Reklamation des Kreisarztes und der Regierung wieder frei, da hier ja kaum noch Ärzte sind. 7 prakt. Ärzte sind nun eingezogen, nur 2 noch hier. Die Arbeit war oft kaum zu bewältigen, Tag und Nacht hatte B. zu tun. Bis zum 1. Dez. habe auch ich praktiziert. Aber B.´s Einberufung war mir doch sehr bitter, da wir ja gerade in jenen Tagen unser 4. Kindchen erwarteten. Aber das half nun alles nichts, solcherlei Rücksichten gibt´s im Kriege nicht. Am 5. Februar, einem Donnerstag, nachmittags um 4:05 Uhr wurde unsere kleine K. geboren. Die Geburt habe ich selbst geleitet mit Hilfe der Hebamme. Wie glücklich und dankbar war ich doch für den Segen, der uns zuteil geworden, als ich das kleine gesunde Wesen in meine Arme schloß. Die Geschwister waren ganz stolz auf das Schwesterchen und umstanden staunend das Bettchen. G. hüpfte vor Freude von einem Fuß auf den anderen, und B. hob sich immer wieder auf die Zehen und sagte "Kika". Dem Vater konnten wir die freudige Nachricht erst nachts gegen 11 Uhr geben, da er gerade an dem Tage versetzt war, und zwar zur Flak nach Neuß. Am 15. Februar feierten wir Taufe, sehr schön und würdig. Daran konnte der "Papa" leider nicht teilnehmen, er bekam keinen Urlaub. Die Trennung ist doch so schwer. Aber ich will nicht klagen. Wir sind ja so gesegnet mit unseren vier gesunden Kindern, die soviel Glück um sich verbreiten. Wenn uns nur all´ unsere Lieben gesund aus dem Kriege zurückkehren, will ich froh und dankbar sein.

 

  1. Februar 1943.

Wir stehen in ernsten, sehr ernsten und sorgenvollen Tagen und Wochen. Im Osten tobt der erbittertste Kampf, den wohl je die Welt erlebt hat. Ganz Asiens Horden türmen sich gegen unsere Fronten, jeden Tag meldet der Wehrmachtbericht von anhaltenden heftigen Kämpfen, von Verstärkungen des Feindes, von Vernichtung und Tod und Eis und Schnee. Was aber alle Gemüter am stärksten bedrückt, sie mit Kummer und Leid erfüllt, ist die Tragödie, die sich in diesen Tagen in Stalingrad abspielt. Seit etwa 2 Monaten ist dort die 6. Armee eingeschlossen, und in den letzten 14 Tagen hat sich dort ein Heldenepos von unvergleichlicher Größe abgespielt. Schon am 22. und 23. Januar konnte ich die erschütternden Berichte nicht ohne Weinen lesen, am 25. Januar hieß es dann: "Die 6. Armee in Stalingrad heftet unsterblichen Ruhm an ihre Fahnen." Täglich schloß sich der Ring der Feinde enger und enger, eine überwältigende Übermacht, der jedoch unsere Tapferen trotzen bis zur letzten Granate, "mit schmalen, ernsten Gesichtern", gezeichnet von Hunger und Entbehrung, schutzlos preisgegeben den eisigen Schneestürmen und dem Bombenhagel der feindlichen Flieger, die unaufhörlich über ihnen kreisten, umringt vom Feuerhagel der feindlichen Geschosse. Aber sie haben standgehalten, Tag um Tag, Nacht um Nacht, bis dann gestern die Nachricht kam, daß die Südgruppe unter Führung des Generalfeldmarschalls Paulus nach mehr als 2 Monaten heldenhafter Verteidigung von der Übermacht des Feindes im Kampf überwältigt worden sei. Die Nordgruppe behauptet sich noch immer.- Diese eine 6. Armee hat dort in Stalingrad mehrere Armeen des Feindes gebunden und durch ihr Opfer nur ist es möglich geworden, daß wir an anderen Fronten halten konnten. Aber große Trauer erfüllt alle Herzen. Es sind vorwiegend Westfalen und Rheinländer, die dort gekämpft haben, und ein jeder hier hat Bekannte darunter. Aus Lippstadt sollen über 100 Soldaten dabei sein, aus meiner kleinen Heimat Balve sind 15 Mann darunter. Wie furchtbar ist doch deren Geschick, wie schrecklich die Sorgen der Angehörigen. Werden sie je wieder von ihren Lieben hören? Ein junger Arzt, Dr. Böckeler,- vor einem Jahr verlebte er noch einen  fröhlichen Abend mit uns hier in der Wohnung - ist dabei, im April eingezogen. Die arme, junge Frau erwartet das zweite Kindchen, ich muß immerfort an sie denken. Mein Bruder E. lag den ganzen Sommer hindurch auf einem Hauptverbandsplatz vor Stalingrad, im Sept. bekam er eine Hirnhautentzündung und ist dadurch dem Kessel entkommen.-- Gestern, am 1 Februar, war es nun ein Jahr her, seit der "Papa" uns verlassen hat. In diesem bitteren Ringen um Deutschlands Sein oder Nichtsein, darf ja kein Opfer zu groß sein, und wir wollen das Opfer der Trennung gerne ertragen. Aber es ist doch oft so bitter und schwer. Ein Jahr, das uns hätte gehören sollen in gemeinsamem Glück, in der Freude an den heranwachsenden Kindern, in gemeinsamer Arbeit, in frohem Schaffen an der Zukunft, ein Jahr, das eines unserer schönsten hätte sein sollen. Und wie wenige Tage des Beisammenseins hat es uns doch nur vergönnt. Wie manche sorgenvolle Stunde hat es mir gebracht. Die Engländer greifen ja fast täglich die Städte des Westens mit ihren Bomben an, die Luftangriffe des letzten Jahres sind so fürchterlich gewesen und haben so viele Opfer gefordert, weite Stadtteile der einheimischen Städte sind vollkommen zerstört. Noch in der letzten Woche sind auf Neuß, wo B. bei der Flak ist, 5 Luftminen, über 20 Sprengbomben und über 400 Brandbomben gefallen. Da ist ein jeder gefährdet, jeden Tag und jede Nacht, und jede Nacht gibt´s auch Tote und Schwerverletzte, oft mehrere Hundert. Und doch - und trotz allem - wir müssen siegen! Dieser eine Wille beseelt das ganze Volk, und in diesem Willen bringt ein jeder das letzte Opfer. Aber daß meine Lieben gesund und wohlbehalten aus dem Kriege zurückkehren, daß der "Papa" uns erhalten bleibt, das ist mein und der Kinder innigstes Gebet an jedem Tage. Gott gebe es!

 

  1. Februar 1943

"Der Kampf um Stalingrad ist zu Ende", diese erschütternde Botschaft wurde heute nachmittag im Radio gemeldet. Furchtbares hat sich dort in den letzten Tagen abgespielt, Mannschaften, Offiziere und Generäle haben Seite an Seite gekämpft bis zur letzten Granate. "Sie starben, damit wir leben können." Tiefe Trauer, tiefstes Leid erfüllt alle

 

Mittwoch, 2. Juni 1943

Te deum laudamus! Danket den Herrn, denn er ist gut, und seine Güte währet ewiglich. Am 23. Mai, einem Sonntag, nachmittags um 4:15 Uhr ist unser kleiner U. geboren. Ein prächtiger Junge, 7 1/2 Pfund schwer, 52cm lang. Wie froh, wir glücklich, wie dankbar bin ich doch, daß alles so gut überstanden ist. Heute, nach 10 Tagen, bin ich aufgestanden und sitze zum ersten Mal wieder im Herrenzimmer, da will ich das freudige Ereignis gleich der Chronik anvertrauen, Ein gesunder, kleiner Sohn - welch kostbares Geschenk in dieser Zeit des Leides und der Zerstörung. In schwerer, bitterer Zeit bist Du zur Welt gekommen, mein kleiner Junge. Mögest Du in eine hellere, lichtere Zukunft hineinwachsen. Der Vater ist in Rußland am Ilmensee[viii]. Ob er wohl jetzt schon Kunde hat von unserem Glück? Ich konnte ihm die frohe Nachricht nur durch Luftfeldpost übermitteln, bis sie ihn erreicht, vergehen wohl 8-10 Tage. Er wartet gewiß in banger Sorge. Ja, das war schwer, als am 23. März abends der telef. Anruf kam, daß B. nach Rußland mit ausrücken mußte. Wir haben uns dann am anderen Tage in Wattenscheid getroffen, verlebten dort zusammen einen Nachmittag und eine Nacht und nahmen am nächsten Vormittag Abschied. Da jedoch die Waggone für den Transport noch nicht da waren, konnte B. am nächsten Tag noch für einige Stunden nach Balve kommen, wo ich mit den Kindern war. Er kam morgens 10 Uhr an, wir alle, die 4 Kinder und ich, holten ihn am Bahnhof ab. Dann haben wir im schönen Sonnenschein einen Spaziergang zur 2. Kapelle gemacht und dort im Grase gelegen. Der Vater hat die Kinder noch recht genossen, hat K.s erste selbständigen Schritte erlebt, B´s kindliche Gebete gehört, und M. und G. sangen Osterlieder, "Wahrer Gott, wir glauben dir", beide Strophen. Glückliche Stunden waren es, die wir da mit unseren Kindern verlebt haben, aber so kurz und überschattet vom Abschiedsweh. Um 1/2 4 fuhren wir dann nach Fröndenberg, M., G. und ich begleiteten den Vater bis auf den Bahnsteig, dann kam der Zug - ein letzter Kuß, ein letzter Segenswunsch, ein letztes Winken - und wir waren allein. Am nächsten Morgen sind sie dann ausgerückt, am 27. März. Aus Königsberg erhielt ich einen Kartengruß, und dann am 12. April den langersehnten ersten Brief aus Rußland. Da habe ich vor Freude geweint. Nun verlebe ich meine Tage in Sorgen und Bangen oder auch in Vertrauen und froher Zuversicht, je nachdem ob die Briefe kommen oder ausbleiben. B. schreibt ja alle 2 Tage, aber die Feldpost kann ja nicht so regelmäßig befördert werden, da gibt´s dann häufig Verzögerungen. Aber mein Gottvertrauen ist unerschüttert, und ich hoffe und bete, daß er mir all´ meine Lieben gnädig beschützt und uns den Vater nach dem Kriege gesund zurück gibt.

                                             

  1. Juni 1943.

Christi Himmelfahrt! Die Abendsonne scheint so schön zum Fenster herein, draußen singen und jubilieren die Vögel, von der Jakobikirche dringt leiser Orgelklang herüber. Um mich sind viele Blumen, Rosen, Nelken, Pfingstrosen und Margeriten, all´ die blühende Pracht des Sommers. Ein unendlicher Friede hier und in der Natur, daß man fast das Leid und Elend des Krieges vergessen möchte. Und doch sind alle Herzen so kummerschwer und beladen. Der Krieg hat ja so grausame Ausmaße angenommen, die Heimat bangt um ihre Lieben an der Front, die Soldaten sorgen sich um ihre Lieben in der Heimat. Die Terrorangriffe der feindlichen Bomber bedrohen fast Nacht für Nacht die Städte und Landgemeinden des Westens. Ein Greuel der Zerstörung sind all´ die blühenden Städte geworden, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Dortmund, Wuppertal und viele andere mehr. Tausende von Obdachlosen, die all´ ihre Habe und ihr Gut verloren haben, sind auf dem Lande untergebracht. Das grausigste aber war wohl die Bombardierung der Möhne- und Edertalsperre in der Nacht vom 16. zum 17. Mai. Haushohe Wasserfluten, wie im Sturm daherrollend, haben alles unter sich begraben, Häuser, Menschen und Vieh. Furchtbare Tragödien haben sich in jener Nacht abgespielt im Möhnetal, in Neheim, Wickede und bis herunter nach Fröndenberg. Die Leute sind oben auf die Hausdächer geklettert und haben gellend um Hilfe gerufen und konnten doch nicht gerettet werden. Die Opfer  betragen nach amtlichen Erhebungen bis jetzt etwas über 1700 außer Kriegsgefangenen, doch sind längst noch nicht alle Toten geborgen. Meine Geschwister M, L und H wurden gleich am nächsten Morgen vom roten Kreuz aus mit nach Neheim gebracht zur Hilfeleistung und haben dort den ganzen Tag und die nächste Nacht geholfen. Sie erzählten ganz erschütternde Einzelheiten. Von nah und fern, sogar von Köln und Aachen, ist das rote Kreuz, die technische Nothilfe, Wehrmacht und Arbeitsdienst zur Hilfe herbeigeeilt. Der ganze Verkehr im Ruhrtal stockt noch heute, da die Macht der Fluten auch die Eisenbahnbrücken zerstört hat.

 

  1. Juni

Jetzt sind wieder die hellen Nächte, und da haben wir seit 5-6 Tagen Nacht für Nacht Alarm. Düsseldorf, Bochum, Bremen, Kiel, Oberhausen sind wieder stark angegriffen. In der Nacht zu Pfingsten war das Geballer so stark, daß hin und wieder alle Fenster und Türen klirrten und klapperten. Als dann auch Flugzeuge kamen, sind wir alle in den Luftschutzkeller geeilt, U. wurde im Bettchen heruntergetragen und schlief ruhig weiter. K. und B. wurden in Decken verpackt und unten auf´s Sofa gesetzt. Sie waren beide hellwach, B. hat die ganze Zeit so drollig geplaudert, daß wir alle lachen mußten. Ihm war das sehr interessant und als gestern Frau Wemhoff herunterkam, meinte er: "Gehn wir jez wieder in Keller ?" Er weiß schon ganz genau Bescheid. Hört er die Sirene tagsüber, kommt er angelaufen. "Fiegeralarm?" "Nein, Voralarm" Dann geht er ganz beruhigt wieder in den Garten und spielt im Sand, aber bei Alarm bleibt er im Hause. Wir haben 2 große Koffer mit Leinen und Wäsche, Silber etc. nach Balve geschickt, ein Koffer mit Wäsche und Kleidungsstücken steht gepackt bereit und wird nachts mit in den Keller genommen. Es gibt ja soviele Leute, die im Nachthemd heruntergelaufen sind und nachher nichts anderes mehr hatten. Seit einiger Zeit schütten die Engl. Phosphor aus, da brennen die Kleider am Leibe. In Barmen sind die Menschen brennend in d. Wupper gesprungen. Grausiges Elend und Leid kommt so über Nacht, und morgens geht dann majestätisch und strahlend d. Sonne auf über Trümmern und Greueln der Verwüstung.

 

  1. Juni 1943.

Heute, an M´s Geburtstag, greife ich wieder zur Feder und will mich ein Weilchen der Chronik widmen. 6 Jahre wird sie nun alt, unsere älteste Tochter. Wie die Jahre dahineilen! Fast 4 Jahre tobt nun schon der grausige Weltenbrand, so vergehen unsere besten Jahre in Sorgen und Ängsten. M. und G. sind zur Zeit in Balve. Vom Papa aus Rußland ist ein Päckchen mit Bonbons gekommen, seine Zuteilung, die er nun seinem Töchterlein zum Geburtstag gesandt hat. Das ist ja auch hier ein seltener Artikel, nur mal zu Weihnachten und Ostern gibt´s eine kleine Zuteilung für Kinder.  - Am 6. Juni, G´s Geburtstag, haben wir U´s Taufe gefeiert. Das war ein schönes, würdiges Fest. ...

                               

  1. Oktober 1943.

Sonntagabend. Erntedankfest. Eine reiche Ernte hat das Jahr gebracht, und alles ist gut geborgen. Dem Himmel sei Dank. So krisenreich und schwer dieses Jahr 1943 war und noch ist, die Ernte war gut, und so ist die Ernährung gesichert, ein wichtiger Faktor für des Ausgang des Krieges. Die politische Lage ist ernst, sehr schwere und erbitterte Kämpfe toben in Italien und Rußland, unsere Truppen kämpfen heldenhaft an allen Fronten. Zu all dem kam noch der Verrat Stalins, ein so scheußlicher Betrug, wie ihn die Weltgeschichte wohl noch nie erlebt hat. Und der Luftterror nimmt immer furchtbarere Ausmaße an. Aber wir sind doch zuversichtlich, trotz allem. Das Volk weiß, daß es diesmal um Sein oder Nichtsein geht und will durchhalten um jeden Preis.- Gestern war B.s Geburtstag, 38 Jahre wurde er alt. Wie hatten wir uns in unseren Träumen dieses Jahrzehnt zwischen 30 und 40 doch so ganz anders vorgestellt! Der Sommer unseres Lebens! Ein arbeitsreicher Sommer sollt´ er uns Beiden werden in frohem, gemeinsamem Schaffen, im Bauen an der Zukunft für unsere Kinder. Wie anders ist das Leben für uns geworden! Aber leisten wir nicht mehr und Größeres? Unserer Generation ist es ja bestimmt, durch unseren Einsatz, durch zähes Durchhalten, durch Kampf und Leid und Opfer unseren Kindern eine glückliche Zukunft zu sichern, ihnen ihr Vaterland zu erhalten, und so bauen wir nicht nur den Kindern, sondern auch den Enkeln Häuser. Gott gebe es!

Den ganzen Sommer hindurch waren wir in meinem Elternhause in Balve, wo wir auch voriges Jahr von April bis Dezember verlebt haben. Die Kinder verbringen dort auf dem Lande, in der herrlichen Freiheit, der schönen Natur und mit all´ dem Getier eine schöne Jugendzeit und spüren nichts vom Ernst der Zeit.[ix] Da nun aber B´s Urlaub bevorsteht, haben wir jetzt schon hier Winterquartier bezogen und warten nur auf den "Papa", der wahrscheinlich Mitte Okt. kommt. Wir sind voller Freude in dieser frohen Erwartung, M. sagte: "Ich lasse den Papa gar nicht los im Urlaub." Die drei Großen erinnern sich des Papas sehr gut, K. weiß gewiß nichts von ihm, und den kleinen U., der schon vier Monate alt ist, hat der Papa noch gar nicht gesehen. Der kleine Mann entwickelt sich so prächtig, er lacht immerzu, ein richtiger Sonntagsjunge. Die Kinder sind meine ganze Freude und mein Glück, Sonnenstrahlen und Freudenbringer in dieser bitteren Zeit. Es ist mir nur so traurig, daß der Vater sie gar nicht sieht und erlebt, gerade in diesen Jahren, die doch unsere schönsten sein würden. 3 Wochen des Beisammenseins werden uns nun vergönnt sein, die müssen uns Mut und Auftrieb geben und uns entschädigen für lange Monate der Trennung. Am 13. Juni, am Tage vor Pfingsten, kam eine Luftfeldpostkarte hier an, die erste Nachricht, daß der Vater um die Geburt unseres kleinen U. wußte. Da erst konnt ich mich ganz dem Glück und der Freude um unser Söhnchen hingeben. Am Pfingstmorgen erhielt ich dann einen dicken, lieben Brief, in dem B. seiner großen Freude Ausdruck gab, und ein Briefchen an U. lag auch dabei. B. hat die Nachricht von der Geburt am 5. Juni abends spät erhalten, am Vorabend des Tauftages. Er lag in der Zeit gerade vorne in der Front, nahe bei Staraja-Rusja[x], einem vielumkämpften, häufig im Wehrmachtsbericht genannten Ort. Einiges aus dem Brief: "Meine Karin! Ich bin voll Glück und Freude. Endlich ist die beruhigende Nachricht da..................... Zuerst las ich den Luftpostbrief vom 27. 5. "Las" ist natürlich übertrieben, will lieber sagen, ich flog in den Inhalt. Da las ich dann: "Nun ist unser kleiner U. schon 4 Tage alt." Du kannst Dir vielleicht vorstellen, wie es mich heiß durchlief. Dann hetzte ich durch die anderen Briefe.----...Ich konnte mich auf das Lesen überhaupt nicht konzentrieren. Nachdem ich eine ganze Weile so dagesessen und die Nachricht erst mal verdaut hatte, habe ich dann alles nochmal gelesen........ Vorher habe ich die Sorgen um Dein Ergehen immer zurückgewiesen und gedacht, es wird und kann nichts passieren. Als ich aber die Nachricht bekam, überfiel mich die Angst erst ganz mächtig. ........ Ich hoffe, daß dieser Sohn, den Du unter so ungünstigen Verhältnissen in unserer schwersten Zeit allein hast zur Welt bringen müssen, Dir immer ganz besonders Freude machen und Dein Stolz sein wird. Ein Sonntagsjunge, und dazu im Mai geboren, das sind doch günstige Vorzeichen. ....... Ja, da wünsche ich, daß er ähnlich geartet sein möge wie sein Pate, durchaus anständig und sauber in seiner Gesinnung, gerade und ehrlich, mitfühlend und menschlich wie kaum einer, einsatzfreudig und pflichtbewußt, heimat- und naturverbunden, dabei von sprühender Heiterkeit und Lebensfreude. ........ . Heute, an G´s Geburtstag, feiert ihr die Taufe. Schöner kann für mich der Tauftag nicht sein, als daß ich gerade heute von der glücklichen Geburt dieses Täuflings höre und ihn als meinen Sohn aufnehme. Mit meinem ganzen Herzen bin ich heute bei Euch, bei Dir, meine liebste, beste Frau, bei meinem kleinen Sohn und bei der festlichen Runde. Seid froh und laßt die Gläser nicht leer werden. Wenn Familie Felker einen Glückstag hat, sollen sich alle mitfreuen ..........." B. schildert dann noch, wie er mit 2 Offizieren im Bunker mit 1/2 Flasche Schnaps gefeiert hat und wie herzlichen Anteil all´ die Kameraden an seiner Freude nahmen.- Und nun wird er bald seinen jüngsten Sproß begrüßen und mit uns allen 3 glückliche Wochen verleben.

Seit kurzer Weile höre ich das Brummen von Flugzeugen, ich frage mich gerade, "sind´s die Engländer oder deutsche Jäger?", da ertönt schon die Sirene. Alarm! Also feindliche Bomber. Das geht nun so Abend für Abend. Man ist längst daran gewöhnt und wartet erst ab, ob sie nur vorüberfliegen oder hier kreisen, bevor man den Luftschutzkeller aufsucht. Vor 2 Abenden war das Gebrumm ganz toll, da wurde Hagen angegriffen. Hoffentlich bleibt unser Lippstädtchen verschont.

Am 1. September kam M. in Balve zur Schule. Ein ereignisreicher und wichtiger Tag. An meiner Hand tat es diesen Schritt in´s Leben und in die Pflicht. Stolz und glücklich, den Tornister auf dem Rücken, zog es mit mir dir Straße herauf, der Opa und die Tanten in Balve sahen uns nach und Onkel A. hat es geknipst. Die kleinen Bänkchen und Tischchen machten ihr großen Eindruck, ganz selig saß sie da an ihrem Platz, unsere große Tochter. Kurz vor 10 wurden sie wieder freigelassen, wir Mütter warteten draußen und zogen dann mit den Kindern zur Kirche, wo um 10 Uhr hl. Messe war, da nachts Fliegeralarm gewesen war. Nach der Messe gingen wir mit den Kindern zur Kommunionbank, wo jedes Kind vom Herrn Pastor den Segen bekam mit etwa folg. Worten: "Gott segne Deinen Schulanfang und schütze Deine ganze Jugendzeit." Der Papa sandte M. zum Schulbeginn ein Päckchen und einen lieben

 

Balve, den 1. Januar 1944

Neujahrsabend. Ich sitze hier in Balve auf dem "kleinen Saal". Still und behaglich ist es hier, der Christbaum erfüllt den Raum mit weihnachtlichem Zauber, Tannen- und Kerzenduft. So ist´s im ganzen Hause, so traulich und weihnachtlich.  Klavierspiel und Liedersang. das ist nun in diesem Jahr etwas anders geworden. Unsere fünf lieben Kleinen bringen ja Leben in´s alte Haus, und die Kinder erfreuen sich auch an der Weihnachtszeit. Aber wir Großen sind bedrückt und ernst, zu schwer lastet diese furchtbare Zeit auf uns allen. B. ist in Rußland, F-J an der Kanalküste in Cherbourg, (5 Jahre war er schon Weihnachten nicht zu Hause), E. in einem Flakturm in Berlin als Chirurg. Doch gestern Abend sind Oheim und Tante Marjo gekommen um Sylvester mit uns zu verleben, und auch Bruder H. ist in Urlaub. Wir saßen alle so gemütlich um den großen runden Tisch beim brennenden Lichterbaum und hielten Rückschau auf das verflossene Jahr, das schwere, ernste, krisenreiche Jahr 1943. Aber Gott hat uns doch alle gnädig beschützt und uns, B. und mir, noch ein großes Glück beschert, unseren lieben, kleinen Sohn. - Vater, der seit dem 2. Weihnachtstage kränkelt, ging um 11 Uhr zu Bett. Um 12 Uhr dann ging mein herzliches Gedenken durch die stille Nacht zu meinem lieben Manne, in Rußlands weite Ferne, und mit ihm viel gute und heiße Wünsche. Dann wünschten wir alle uns gegenseitig ein "glückliches neues Jahr" und gingen mit gefüllten Gläsern an Vaters Bett, Oheim mit einem Kerzenleuchter mit 5 brennenden Kerzen, voran. Wir stießen mit Vater an auf Glück und Gesundheit, bewegten Herzens, aber doch voller Zuversicht und Hoffnung. Dann, wieder auf dem kl. Saal, sangen wir, wie alljährlich, das Lied "Lobpreiset all zu dieser Zeit" und brannten 5 Kerzen ab für unsere Soldaten. Was mag uns nun das neue Jahr bringen? Es wird schwer und hart sein in Kampf und Not. Aber wir müssen ja durchhalten, es geht ja um Sein oder Nichtsein, um Leben und Zukunft für uns und unsere

 

Lippstadt, d. 17. Februar 1944

Seit Montag Abend, den 14. Februar, bin ich wieder hier im eigenen Heim mit meinen drei Kleinen. M. und G.sind in Balve geblieben, da wir, der größeren Sicherheit wegen, auch vor Ostern wieder dorthin fahren. Schwere Wochen liegen hinter uns. Am 5. Januar abends 10:20 Uhr, ist mein lieber, lieber Vater nach einem "glücklichen, arbeitsreichen und gottesfürchtigen Leben", wie es im Todesbriefe heißt, sanft entschlafen. (...)

"Als das All im tiefsten Schweigen lag, und die Nacht in ihrem Laufe des Weges Mitte erreichte, da kam Dein allmächtiges Wort o Herr, vom Himmel, vom königlichen Throne herab."

 

  1. März 1944

Mein Geburtstag! Abend ist´s, gleich 10 Uhr. Ich sitze allein hier im Herrenzimmer bei einem Glase Wein, gehe ab und zu mal in´s Schlafzimmer und sehe nach meinen drei Kleinen, die friedlich schlafen. Nachdem ich eben den Feldpostbrief an B., meine tägliche Plauderstunde mit ihm, beendet hatte, saß ich lange sinnend hier, da geht die Sirene "Fliegeralarm", der dritte am heutigen Tage. So geht das nun Tag für Tag. Bisher ist ja Lippstadt verschont geblieben, - wie lange noch? Über Balve sind vor einiger Zeit eine Sprengbombe und ungefähr 200 Brandbomben abgeworfen worden, die aber glücklicherweise in´s Feld gefallen sind und außer fast sämtl. zertrümmerten Fensterscheiben und einigen abgehobenen Hausdächern weiter keinen Schaden angerichtet haben.

Meine Gedanken gehen ins  russische Land, voll Sorgen und Bangen. B.lag seit langer Zeit in Pleskau, da wird nun täglich von schweren Kämpfen im Raum v. Pleskau[xi] berichtet. Ich hoffe ja, daß die Einheit zurückverlegt ist, habe aber seit dem 22. Februar keine Nachricht mehr, auf die ich täglich so schmerzlich warte.

Doch was hilft alles Grübeln und Sinnieren? Ich will an vergangene, glückliche Tage denken und davon berichten.

Am 10. Oktober 43, einem Sonntag, als ich gerade nach Tisch mit den Kindern mich hingelegt hatte, schellt es heftig an der Tür. Ich laufe hin,- und da steht mein B. da, aus Rußland in Urlaub gekommen, nach 7 Monaten der Trennung. Unsere Freude kann ich gar nicht schildern. B. und G. stürzten auch gleich herbei und sprangen dem Vater in die Arme, lachend und jubelnd. M. war in Balve, wurde aber gleich am nächsten Tage nach hier gebracht. Was war das eine Seligkeit, dieses Wiedersehen nach so langer Zeit. Als wir endlich an K´s Bettchen kamen, hatte es sich inzwischen vollgemacht und stand ganz unglücklich da im Pölterchen. Und den U. machte ich erst fein, bevor ich ihn dem Vater präsentierte, diesen 5 Monate alten Sohn, den ich dann voll Glück und Stolz herantrug und ihn dem Vater in den Arm legte, der ihn ja zum ersten Mal sah.

Dann haben wir 3 strahlende, glückliche Wochen mit den Kindern in unserem schönen Heim verlebt. Ein paar Tage waren wir auch in Balve mit allen Lieben zusammen.

Am 1. November kam dann der Abschied. M , G., B.und ich brachten den Vater zur Bahn. B. weinte laut, als der Zug abfuhr, er wollte doch mit nach Rußland und die Russen totschießen. Er gab sich erst zufrieden, als ich im sagte, wir müßten erst sein Schießgewehr aus Balve holen, dann könne er zum Papa fahren.

Nun sind schon wieder 4 Monate dahingegangen seit jenen glücklichen Tagen, Monate des Alleinseins, des Sorgens, Tage der tiefsten Trauer um unseren lb. Vater, Tage des Hoffens und der Zuversicht auf bessere Zeiten.

Und heute bin ich 38 Jahre alt geworden. Noch ist Sommer, Sonne des Lebens. Werden wir wieder vereint sein, ehe der Herbst beginnt? Gott gebe es, und er schütze und behüte uns alle in dieser gefahrvollen

 

Lippstadt, d. 15. März 44.

Mittwoch Abend, 11 Uhr ist´s gleich und eigentlich Schlafenszeit. Da wir aber wieder Alarm haben, kann ich doch nicht zu Bett gehen und will mich noch ein Weilchen der Chronik widmen. Der Feldpostbrief an meinen B. liegt fertig da. Am Tage nach meinem Geburtstag kam mit dem Geburtstagsbrief auch noch ein kurzer Luftfeldpostbrief mit der beruhigenden Nachricht, daß die Einheit endlich aus dem gefährdeten Pleskau nach Riga zurückverlegt ist. Wie glücklich bin ich

 

Balve, den 4.4.44.

Nur, um das Datum festzuhalten, will ich heute ein wenig der Chronik erzählen. Es gibt ja genug zu berichten, Ernstes und Frohes.

(...)

Samstag vor 8 Tagen, am 25. März, erhielten wir eine sehr traurige Nachricht, die auch die "Chronik" mitangeht. Paula Hentschel, meine treue Hilfe, die 4 Jahre lang bei uns war, die liebevolle Betreuerin meiner Kinder, war gerade seit 8 Tagen aus ihrem Heiratsurlaub zurück, den sie mit ihrem Manne, Ritterkreuzträger Hentschel, in St. Anton verlebt hatte. Da brachten die Zeitungen die Nachricht, daß ihr Mann, Bordfunker des bewährtesten Kampffliegers Major Rudel, mit dem er über 1500 Fronteinsätze geflogen war, auf der Flucht vor den Sowjets im Dnjestr[xii] ertrunken war. Meine Paula war im vollen Glück, da geschah dieses Furchtbare. Ich habe es ihr unter Weinen erzählt und in meinen Armen hat sie sich ausgeweint. [xiii].

 

Paula habe ich nun erst in den Urlaub geschickt, sie wird dann noch für kurze Zeit zurückkommen, uns aber bald verlassen, da sie ein Kindchen erwartet. Die arme, junge Frau! Vor 5 Wochen, als ihr Bräutigam sie in Lippstadt zur Hochzeit abholte, haben wir Drei bei festlichem Mittagsmahle uns so nett unterhalten. Als aber Paula dann aus dem Hause ging, mußte ich weinen. Ich wünschte ihr so aus vollem Herzen alles Glück für´s Leben, es war mir aber so eigen zumute. Nun hat der grausige Krieg nach so kurzer Dauer auch dieses Glück zerstört. - 18. Sept. 44 hat Paula eine kleine Tochter

 

Balve, d. 9. April 1944

Ostersonntag Abend! Wie schön und festlich war dieser Tag, so wie Ostern eben nur hier in Balve sein kann, und wie es hier in alter Tradition Jahr für Jahr begangen wird. Seit langen Jahren ereignete es sich zufällig, daß wir 7 Geschwister heute alle beisammen sind. Da fehlt uns mein lieber Mann, den ich nun besonders vermisse. Mein Gedenken geht in den fernen Osten, aber ich tröste mich in der festen Zuversicht, daß bald auch für unser Volk Auferstehung und Erlösung werde aus Qual und Not, und hoffe, daß B. im nächsten Jahre wieder bei uns sein wird.- Das ist nun auch das erste Osterfest, das wir ohne unseren lieben Vater begehen. Das war uns sehr schmerzlich. Wir waren alle sehr ergriffen, als  heute zum ersten Male bei Tisch F-J. unser ältester Bruder, Vaters Platz einnahm und das Essen segnete, und dann nachher er beim Pälmen der Prozession durch´s Haus voranschritt und das Haus segnete, wie Vater es immer tat. da muß ich nun mal erzählen, wie wir hier von jeher Ostern feierten, in schönem, alten

 

Balve, d. 3. Sept.1944

5 Jahre Krieg! Ein Sonntag ist´s heute, genau wie vor 5 Jahren, als die erschreckende Nachricht kam, daß England und Frankreich uns den Krieg erklärt hatten. 5 Jahre, und jedes neue stand härter und unerbittlicher vor uns als das vergangene. Einer Prüfung haben wir standgehalten in diesen Jahren, wie sie wohl selten einem Volke auferlegt worden ist. Unvergleichliches hat der deutsche Soldat kämpfend und stürmend geleistet auf seinem Marsch über alle Weiten des Kontinents und heute steht der Feind an den Grenzen des Reiches, das konnte ihm nur gelingen durch seine erdrückende Übermacht an Menschen und Material. Aber heldenhaft kämpfen an allen Fronten unsere tapferen Soldaten, und auch die Heimat ist zum letzten Einsatz und Opfer angetreten. Gott schütze unser liebes, treues, aus allen Wunden blutendes Vaterland, lasse uns nicht untergehen! Einmal muß doch nach diesem furchtbaren Leid die Wendung zum Guten kommen. "Wann wirst Du Dich erbarmen, Gott, und trocknen unsere Tränen, wann hilfst Du uns aus aller Not, wann stillst Du unser Sehnen?" Die Sorge, die Angst, das Leid in dieser Zeit lassen sich nicht in Worten ausdrücken, aber auch nicht die Opferbereitschaft, das Heldentum an der Front und im Lande, die Zuversicht trotz aller Not.

Mein B. liegt in Baltischport[xiv], wohin er vor 3 Wochen von Riga aus verlegt wurde. Bange Wochen liegen hinter mir, seitdem der Russe im Sturm gegen Mitau[xv] und dann gegen Tuchum, bis an die Rigaer Bucht vordrang, und dann zunächst jede Nachricht ausblieb. 4 Wochen lang war die Heeresgruppe in Lettland abgeschnitten, seit 8 Tg. ist wieder eine Landverbindung da, die Verkehrswege sind allerdings noch in russ. Hand. Aber die Post kommt per Schiff, man hört wenigstens wieder voneinander. Aber die Sorge bleibt und die bange Frage, wie die Truppen da oben aus d. Abschnitt wieder herauskommen sollen? Doch mein Vertrauen auf Gott ist fest und unerschütterlich, er muß uns helfen und uns alle wieder zusammenführen. Im Juni sollte Bernh. in Urlaub kommen, ich wartete jeden Tag auf seine Ankunft. Da kam, gerade 1 Tag vor seiner Abreise, die Urlaubssperre. Nun wird es bald ein Jahr, seit wir uns zuletzt gesehen haben. Die Trennung ist hart und schwer. Die Kinder wachsen heran, und der Vater sieht und erlebt sie nicht, gerade in ihren schönsten Jahren. Aber wenn uns nur später ein Wiederbeisammensein vergönnt ist, wollen wir dieses Opfer gerne tragen. H. ist auf dem Balkan seit Mitte Juli, Truppenarzt bei einem Batl. zur Bandenbekämpfung, E. in Ostpreußen, F-J. im Sudetenland. Nun wird A. auch noch fortmüssen. H, unser Vetter, ist in Lublin vermißt. Nach 4 Wochen des Wartens auf Nachricht kam vor 2 Tg. die Vermißtenmeldung. Das ist furchtbar, ein Mann von 53 Jahren, Vater von 4 Kindern, in russische Hände gefallen, ob lebend oder tot, wer weiß es? Es ist erschütternd, M´s leidgezeichnetes Gesicht zu sehen. Heute Abend kniete sie in der Andacht auf dem Fußboden, kniete da die ganze Zeit. Nach der Andacht nahmen wir Beide uns an den Arm und gingen weinend, ohne ein Wort zu sprechen, die Kirchstraße herunter. Leid und Tränen und Not.... und Heldentum, Kampf bis zum letzten Tropfen Blut, immer noch Zuversicht.... das ist unsere Zeit. Und die Welt ist so schön! Glutende Herbsttage, Sonne und Blüten und zauberhaft Mondnächte. Aber man kann sich nicht mehr  daran erfreuen. Wird uns mal wieder die Sonne

 

Balve, d. 6. Okt.44

Es ist schon spät, gleich 11 Uhr. Soeben kamen wir aus dem Luftschutzkeller, worin wir nach 1/4 nach 8 saßen. Jetzt liegen die Kinder alle wieder in ihren warmen Bettchen. Sie wissen noch nichts von der Schwere der Zeit, von dem furchtbaren Geschehen, das menschliches Fassungsvermögen fast übersteigt. Nur M. hatte etwas Angst, betete aber sehr andächtig zum hl. Schutzengel. Dörte meinte in ihrem Eifer, sie wolle jetzt den ganzen Rosenkranz beten, als ich ihr sagte, ein Vaterunser zum hl. Schutzengel sei jetzt genug, sagt sie: "Ja, und der hl. Michael, der hilft uns" 10 kleine Kinder hatten wir unten im Keller, unsere Fünf, H.´s beide Töchterlein, E´s Margaretchen, der kleine Jörg B. und ein Kind aus der Nachbarschaft. Es war ein wüstes Gebrumm von Flugzeugen, von weiter her hörte man auch Bombenabwürfe. Als G. einmal meint: "Gut, daß der Papa wieder in Deutschland ist", zwitscherte Jörg B. Stimmchen (der Kleine ist 4 Monate jünger als unser B.): "Mein Papa ist tot. Aussem Flugzeug abgestürzt." Das war ergreifend zum Weinen, wie der kleine, herzige Junge diese traurige Wahrheit, die er ja in seiner Schwere noch nicht erfaßt, herausplapperte.

Es ist so eine herrliche Mondnacht. Hell und strahlend steht der Mond über den Bergen, wieviel Leid und Not bescheint er doch. Wo mögen heute wieder die Bomben gehaust haben? Gestern waren sie in Münster, Köln, Rheine, Koblenz, Dortmund, Saarbrücken. So geht das nun Tag für Tag. Münster, die schöne, alte, vertraute Stadt ist fast ganz hin, all die alten Bauten, das ehrwürdige Rathaus, der Dom, der Prinzipalmarkt, alles zerstört. Und so überall das gleiche - die europäische Kultur versinkt unter Trümmern. Was ist denn eigentlich der Sinn dieser Zeit? Auch der Fliegerhorst in Lippstadt hat gestern wieder 200 Bomben bekommen, die Stadt selbst ist bis jetzt verschont geblieben. Was mag alles noch über uns kommen? An allen Fronten steht unsern Soldaten eine riesige Übermacht von Feinden entgegen, und der Bombenterror hat furchtbare Ausmaße angenommen. Und doch, und doch - und doch! Wir müssen und wollen und werden aushalten bis zum Siege! Es geht um Sein oder Nichtsein. Gott hilf uns und rette unser armes, liebes, geprüftes Vaterland!

Mein B. ist wieder im Lande. Nach Tagen schwerer Sorgen und Ängste kam am 26.9. das erlösende Telegramm aus Gotenhafen: "Gut gelandet. Kein Urlaub. B."[xvi]

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Ich habe vor Freude gelacht und geweint. Seit dem 14 September waren im Baltikum sehr schwere Kämpfe, in 10facher Übermacht rannten die Sowjets gegen unsere Stellungen an. In Sorge und Spannung verfolgten wir jeden Tag die Berichte am Radio. Nach dem Abfall Finnlands, Anf. Sept., hatten ja nun auch die Russen den Westen und Süden Finnlands als Angriffsbasis. Dann erfuhren wir, daß Reval aufgegeben war, am nächsten Tage, daß Pernau besetzt sei. Somit waren die Truppen oben in Estland, bei denen auch B. war, abgeschnitten, nur der Seeweg noch frei. Wie innig habe ich doch gebetet, und ich hatte auch solches Vertrauen und ein so sicheres Gefühl, daß B. doch gut da heraus kommen würde. Aber die Sorgen ließen sich natürlich nicht verdrängen. Russische Gefangenschaft, das ist ja das Furchtbarste, was einen treffen kann, schlimmer als der Tod. Nie wieder bekommt man Nachricht von den in Rußland Gefangenen oder Vermißten, und ihr Los muß furchtbar sein. Und diese  ewige Ungewißheit ist ja für die Angehörigen so traurig und bedrückend. Wie glücklich war ich doch, als ich nach langen Tagen dann die befreiende Nachricht erhielt, daß B. glücklich im Lande war. Der liebe Gott hat sichtbarlich geholfen, hat B. aus großen Gefahren errettet. Ich lege den Brief ein, den ich vor 2 Tg. erhielt und der den Abtransport und die Seefahrt 

 

Gotenhafen, d. 26.9.44 

Meine liebste Karin!

Nun wirst Du lange keine Post bekommen haben, bis auf den kurzen Brief von unserer Ankunft. Den habe ich auf dem Dampfer noch im Anlegen schnell geschrieben und sofort einwerfen lassen. Da wir mit dem Platz sehr beschränkt waren, konnte ich Dir an Bord keinen Brief schreiben. Gestern wollte ich nun telephonieren, aber ich konnte nicht durchkommen. Es hieß, Telegramme dürften nicht geschickt werden. Heute Mittag bin ich aber selber zur Post gegangen, und da ging es doch. Du wirst nach kurzem Angstschock sehr froh gewesen sein, zu hören, daß ich heil rausgekommen bin. Wir haben aber auch viel Glück gehabt. Am 17. bekamen wir die erste Ankündigung unseres Stellungswechsels. Ich schrieb Dir davon schon von Baltisch-Port aus. Aber ich glaube nicht, daß der Brief ankam. Wo nun wohl Deine Post geblieben ist? Du wolltest mir noch ein Bild von Klein -Karin schicken, das ist nun auch wohl fort. Na, nun will ich erstmal weiter erzählen. Wir hatten keine Ahnung von der Lage. Die Befehle zum Abtransport wechselten. Erst dachten wir, wir kämen per Schiff fort. Dann hieß es, Landmarsch nach Pernau. Einen Teil der Geräte haben wir dann Richtung Pernau geschickt. Am Mittwochmorgen hieß es: Abtransport per Schiff. Ein Schiff für uns lag im Hafen. Wenn die Geräte nicht mehr verladen werden könnten, dann sollten nur die Mannschaften fortgeschafft werden. Den ganzen Mittwoch haben wir verladen. Abends schliefen nur noch einige wenige im Schloß. Donnerstagmorgen zogen wir alle auf´s Schiff. Die Verladung ging den ganzen Tag weiter. Es war ein etwa 1600 BT-Dampfer. Da geht ja ungeheuer viel rein. Während der Verladung kamen schon Meldungen, daß estnische SS unsere Leute, wenn sie rankonnten, entwaffneten. Soldaten wurden beschossen. Einen Schwerverwundeten brachte ich noch auf einen Zerstörer, da wir kein Lazarett mehr hatten. Dann gingen die Häuser von Baltisch-Port in Flammen auf. Ein grandioser, furchtbarer Anblick. Nachher stellte sich heraus, daß die Esten selbst Feuer angelegt hatten. plötzlich mußten Soldaten abgestellt werden zum Löschen, denn am Hafen stand ein großer Munitionsschuppen. Dazu lagen am Kai hunderte von Minen. Wenn das Feuer an den Schuppen kam, war alles hin. Dann hätte man von ganz B.P. samt Schiffen nichts mehr gesehen. Bis in die Nacht hinein wurde verladen. Wir brauchten noch etwa 2 Stunden, da kam der Iwan, der mittags schon aufgeklärt hatte. Das war eine sehr ungemütliche Situation. Ein Teil von uns sauste vom Schiff an den Strand. Da das aber doch keinen Sinn hatte, blieb ich mit anderen an Bord. Der Russe hat schlecht geworfen. Da die Stadt, das heißt, die Ansammlung von einigen Holzhäusern und wenigen Steinbauten lichterloh brannte, konnte er gut sehen. Dazu setzte er grelle Leuchtbomben. Aber er hat nichts getroffen. Viel ging ins Wasser, viel in die unbebaute Gegend. Aber schön wars doch nicht, so nahe bei gestapelten Sprengmitteln zu liegen. Als der Iwan fort war, haben wir die Verladung abgebrochen. Unsere Leute waren zu erschöpft. Morgens ging es dann in aller Frühe weiter. Da noch ein Schiff kam, wurde ein Teil dorthin abgeschoben, und wir fuhren gegen 8 Uhr aus. Nun begannen auch schon unsere planmäßigen Sprengungen. Mittags um 15 Uhr ging der ganze Hafen in die Luft. Zwei Stunden später zog Iwan ein. Nach dem Nachtangriff warteten wir mit Spannung auf den ersten Tagesangriff. Bei unserem Auslaufen war wieder ein Aufklärer da. Da wußten wir ja, daß es was geben würde. Es wurden alle Maschinenwaffen aufgestellt, die wir an Bord hatten. 6 2cm-Kanonen und 16 Maschinengewehre. Dazu wurde befohlen, daß bei einem Angriff alle Leute auf Deck sein sollten, mit Karabiner. Sonst ist es üblich gewesen, die Leute unter Deck zu schicken. Aber bei uns hat es sich so bewährt. Wir trafen auf einen Geleitzug von 3 Truppentransportern und 3 Torpedobooten, die aber schneller waren, als wir, dann auf 4 Frachter, die dann mit uns liefen. Um 11 Uhr ging dann der Zauber los. Wir fuhren gestaffelt. Rechts vorn ein kleiner Pott, dicht daneben wir, dann weiter zurück 2 andere Schiffe. Da gab es Alarm. Tiefflieger. Sie kamen von Osten her, flogen dann in weitem Bogen um uns herum und setzten aus der Sonne heraus zum Angriff an. Unser Kapitän machte geschickte Abwehrbewegungen. Dazu setzte ein ganz irrsinniges Feuer ein. Zwar waren noch nicht alle Maschinengewehre aufgestellt, aber es schossen auch etwa 400 Karabiner, ein ganz toller Feuerzauber. Der Russe hat darum nicht richtig zielen können. Er bog direkt vor uns ab auf den ersten Dampfer und legte ihm 2 Torpedos vor, die aber nicht trafen, da er noch im Schwenken war. 2 Bomben gingen ins Wasser. Mit seinen Bordwaffen schoß er, traf aber nichts, nur ein Seil von unserem Takelwerk war durchgeschossen, ein anderes angekratzt. Sonst ist nichts passiert. Einen kleinen Vorgeschmack von dem, was uns hätte passieren können, sahen wir kurz vorher. Da schwammen einige Rettungsringe und ein paar leere Rettungsboote herum. es hatte also vorher einen erwischt. Der Dampfer, der den Rest unserer Leute mitnahm, war an der gleichen Stelle nachmittags gegen 17 Uhr erwischt worden. Er ist mit Schlagseite kurz nach uns hier eingelaufen. 2 Tage haben die Leute nur Wasser geschöpft. Sie hatten über 40 Verwundete. Wir erlebten den 2. Anflug der Russen auch gegen 17 Uhr. Er ist aber nicht näher herangekommen. Wir haben dann einen großen Bogen gemacht, sind auf Schweden zugefahren und dann nach Süden abgebogen. Damit hatten wir die gefährliche Ecke von Libau bis Memel umgangen. So kamen wir dann auch hier unbehelligt an. Ich kann nur sagen, daß ich heilfroh war, als wir festen Boden unter den Füßen hatten. Vorläufig fahre ich nicht mehr zur See. So ein Transport ist doch bescheiden. Hier sind viele Schiffe mit Treffern eingelaufen, einige auch gar nicht angekommen. Etwa 20 LKWs haben wir auf dem Landmarsch losgeschickt. Sie sind am Freitagmorgen losgezogen, mußten erst Richtung Reval und bogen dann nach Pernau ab. Um 10 Uhr war der Russe nun schon in Reval. Hoffentlich sind sie da nicht zwischengekommen. Daß der Russe schon so weit war, hörten wir erst auf der Fahrt. Wir hatten uns vorher die meiste Sorge gemacht, wie sie durch Glogau kämen. Dort lag ein estnisches Regiment, das den Rückzug decken sollte. Diese Bande hatte aber schon am Donnerstag gemeutert (?), Wagen und Waffen von Einzelfahrern einkassiert. Den Russen haben sie ohne Widerstand die Waffen übergeben. Aber nun genug von diesem Stoff. Da könnte man noch lange davon erzählen. Was aus uns wird, wissen wir noch nicht. Es heißt vorläufig, daß wir in den mitteldeutschen Raum sollen. Genaues ist noch nicht raus. In den nächsten Tagen geht es los. Waggons sind bestellt. nun setze Du Dich hin und schreibe mir schön weiter. Aber diese Briefe sende ich erst ab, wenn ich Dir unseren festen Standpunkt sagen kann. Vorläufig wird uns keine Feldpost erreichen. Das ist mir sehr bitter, aber es hilft ja alles nichts. Ich bin erstmal froh, da oben heil rausgekommen zu sein. Wo mag Josef Happe stecken? Er wird wahrscheinlich Richtung Pernau oder Riga abgedreht haben. Von Mitteldeutschland aus werde ich auf jeden Fall versuchen, ein paar Tage zu Euch kommen zu können. Wenn das nicht geht, mußt Du kommen. Hierher zu kommen hat keinen Sinn da wir zwar 8 Tage bleiben können, aber auch plötzlich den Befehl zum Verladen bekommen können. Wir warten täglich darauf. Unterkunft haben wir in einer Marine-Kaserne gefunden. Das ist mal eine gute Schlafstätte für uns. Ich habe soviel Zeug zu schleppen, da müßte ich unbedingt was nach Haus bringen. Ich brauchte 2 Mann zum Tragen. Wenn man doch schicken dürfte. Danach muß ich mich noch erkundigen. Nun ist der Brief aber lang geworden. Wenn ich nochmal in die Lage käme, einen Seetransport durchmachen zu müssen, hätte ich Dir seine Gefahren nicht so einzeln und ausführlich geschildert. Jetzt brauchst Du ja nur noch Gott zu danken, daß es noch so gut ging. Drei von unseren Kameraden, darunter der Kommandeur haben schon ihre Frauen getroffen. Da ist meine Sehnsucht sehr, sehr quälend geworden. Als gestern zum Ausladeplatz die Frau eines Wachtmeisters kam, und die beiden sich einen Begrüßungskuß gaben, kamen in mir doch Gefühle hoch, die fast an Neid grenzten. Da wir wieder im Reich sind, hat man doch so das Gefühl, man müßte sich bald sehen. Wir werden es ja auch, mein Liebstes, nicht wahr? Angeblich soll Wittenberge bei Berlin unser Ziel sein. wenn wir in 8 Tagen hier fort sind, haben wir uns in 14 Tagen schon gesehen, so oder so. Mein Gott, das kann man kaum fassen. Ich habe oft daran gezweifelt, ob wir herauskämen. Aber nun ist ja alles gut. Grüß mir meine lieben, prächtigen Kleinen. Der Papa ist wieder im Land. Grüße auch alle anderen dort, bes. Mutter. Sei Du, mein geliebtes Herz, ganz innig und voll brennender Sehnsucht geküßt von Deinem B.

Nun hoffen wir, daß wir uns bald mal für ein paar Tage wiedersehen werden. Am 10. Okt. wird es ein Jahr, seit B. zuletzt in Urlaub kam. Wie hart und schwer ist doch solch lange Trennung, doppelt schwer, wenn man sich so umeinander sorgen muß. Und was hat sich alles ereignet, was hat ein Jeder an Schwerem getragen, ohne es dem Anderen mitteilen zu können. Hätte der Krieg doch einmal ein Ende, und käme wieder Ruhe und Glück und Ordnung in diese mordende und zerstörende Welt. Es ist mir auch so bitter, daß B. die Kinder gar nicht sieht. Der U. läuft nun schon seit einiger Zeit, noch recht tapsig und ungeschickt, aber das ist ja gerade so drollig. Wie könnten wir uns doch gemeinsam daran erfreuen! Und K. ist so ein drolliges, kleines Mädchen. Es fängt jetzt mit Macht an zu reden, nachdem es sich über Gebühr lange in Schweigen gehüllt oder nur ganz wenig gesprochen hat. Aber nun legt es los, redet sehr ulkig und reizend. Sobald die Sirene ertönt, ruft es:"Puffkehr", d.h. Luftschutzkeller, und dann will es gleich die Treppe herunter. Es war heute 3 mal im Keller, 2 mal saß K. alleine mit Tante Elisabeth drin. Die Beiden sind ein ganz besonderes Gespann, sie lieben sich sehr, und es ist ein köstliches Bildchen, wie sie tägl. Hand in Hand spazieren gehen.- B. ist ein fröhlicher, stets lachender Junge. Er treibt sich den ganzen Tag auf dem Hof und bei den Pferden herum, sitzt auch schon ganz allein und stolz hoch zu Roß. Er will natürlich Bauer werden. Sitzt er auf einem Pferde oder einem Wagen, dann ist sein Gesicht wie verklärt.- Dörteken ist unsere feine Dame, unser Fräulein "Print". Wie sie sich dreht und wendet, das ist zum Lachen, und wie gerne sie fein ist! Aber auch unser Spaßmacher mit ihren drolligen Aussprüchen, und sehr bemüht, recht lieb und brav zu sein, und das ist sie wirklich. M., die große Tochter, ist rührend lieb zu den kleinen Geschwistern und betreut sie schon ganz fürsorglich. Sie ist schon so verständig und hilft so fleißig in Feld und Garten. Heute war sie mit auf dem Kartoffelfeld und hat tüchtig Kartoffeln gelesen. Die Schule macht ihr keine Mühe. Und von dieser Entwicklung der Kinder, von all der Freude an ihnen bekommt der Vater nichts mit. Unsere schönsten Jahre! Aber ich erzähle alles brieflich von den Kindern im täglichen Feldpostbrief und will daraus später mal einige Stellen über das Erleben mit den Kindern herausziehen und aufschreiben.

E. war 14 Tage in Urlaub, er ist vor 10 Tagen nach Italien abgereist. Wir hatten schöne Stunden miteinander, und E. hat auch zum ersten Mal in seiner Ehe mal recht sein eigenes kleines und sehr behagliches Heim auf dem "Türmchen" genossen. Da vor 4 Wochen die Lage im Westen so besonders kritisch war, trafen wir Vorkehrungen, einige Sachen in Sicherheit zu bringen. 

F-J ist bei der Eisenbahnflak, er begleitet von Freiburg aus Transportzüge in´s Elsaß. Sie haben fast dauernd Angriffe durch Tiefflieger, die ja jetzt sehr Bahnen und Nachschubwege bombardieren. Ein sehr gefährlicher Einsatz. Hoffentlich übersteht er alle Gefahren gut.

Von H. kam endlich auch wieder Post, durch Sprengungen von Banden waren die Bahnen zerstört auf dem Balkan. H. schreibt immer so besonders zuversichtlich und vertrauend und ergeht sich in langen Betrachtungen, daß und warum Deutschland nicht unterliegen dürfe und werde.- Sein altes Regiment, mit dem er so lange in Rußland war, ist jetzt in russische Gefangenschaft

 

Balve, d. 8. Okt. 44.

Sonntagabend! Heute vor 1 Jahr kamst Du, mein B. in Urlaub. Dem Datum nach war es der 10. Okt., aber der heutige Sonntag. So ganz im Stillen hatte ich gehofft, Du kämest auch heute plötzlich herein. Man hofft ja so gerne auf das, was man so sehnlichst wünscht. Wer hätte das gedacht, daß wir uns ein ganzes Jahr und länger nicht wiedersehen würden? Das ist der bittere, schwere Krieg. Und doch muß ich froh und dankbar sein, daß Du so glücklich den furchtbaren Gefahren, der russischen Gefangenschaft, entronnen bist. Wenn Du nur wiederkommst, will ich ja gerne das Opfer der Trennung mit allen Sorgen und Ängsten ertragen. Möge Gott Dich weiterhin schützen und behüten,- ihm vertraue ich, dem starken Helfer in der

 

Sylvester 1944

Das Jahr 1944 neigt sich nun dem Ende zu. Es ist ein Sonntag heute- ein herrlicher Wintertag. Die ganze Welt in Reif und Schnee, in wunderbarer, leuchtender Pracht. Die anderen sind alle in der Kirche im Orgelkonzert, ich wollte eine Stunde der Ruhe und des Gedenkens für mich allein haben und sitze nun hier im weihnachtlich geschmückten Raum. Die Kinder spielen oben auf dem kl. Saal, wo der große Christbaum steht. Gleich wollen wir alle mit ihnen ein paar Weihnachtslieder singen.

Das Jahr war hart und schwer. Durch den Verrat des 20. Juli kamen unsere Fronten ins Wanken, und Ende Sept. sah es so aus, als ob der Feind uns überrennen wolle. Dann geschah das Wunder. Bei Aachen kam die westliche Front, in Ostpreußen und bei Warschau die Ostfront zu Stehen und wurden gehalten gegen ungeheure Menschen- und Materialüberlegenheit. Was unsere Truppen in den letzten Monaten, nach solchen Rückschlägen geleistet haben und leisten, ist unvergleichlich heldenhaft. Der Bombenterror hat furchtbarste Ausmaße angenommen, all unsere blühenden Städte sind ein Trümmerhaufen geworden. Ganze Familien liegen tot unter den Trümmern, Millionen sind obdachlos geworden und all ihres Hab und Gutes beraubt. Soviel Elend und Not hat gewiß die Welt noch nicht gesehen. Oft liest man Anzeigen in der Zeitung, wo ein Soldat, der im Felde steht, den Tod seiner ganzen Familie anzeigt, Frau, Kinder und Eltern, die alle durch Terror umkamen. Erschütternd sind auch die vielen Suchanzeigen: Frau A. T. und Tochter, wo befindet ihr Euch? Ich bin Meschede, bei Familie B. So steht eine Spalte unter der anderen, viele, viele. Die Familien sind auseinandergerissen und wissen nicht, wo ihre Angehörigen sich befinden. Und doch hat das ganze Volk nur den einen, heldischen Willen: Durchhalten um jeden Preis bis zum Siege. Es geht ja um die Zukunft, um Sein oder Nichtsein.

Trotz aller Schwere der Zeit, die drückend auf uns lastet, muß ich doch heute dankbaren Herzens auf das alte Jahr zurückblicken. Zwar wurde ja in den ersten Tagen des Jahres unser lieber, guter Vater von uns genommen, den wir noch an jedem Tag schmerzlich vermissen. Aber sein Leben war erfüllt, ein reiches und glückliches und erfolgreiches Leben. Und wir können an seinem Grabe weilen - wie Vielen ist das nicht vergönnt. Letzte Nacht, als wir einen Abend mit lieben Bekannten verbracht hatten, gingen wir Geschwister noch zum Grabe der Eltern. Es war eine zauberhafte Nacht, Hell und weiß, am Himmel der leuchtende Vollmond, ab und zu verdeckt von jagenden Wolken. So friedlich und still war es an der Gruft unserer lieben Eltern, die nun nach schönem, glücklichen Leben vereint dort schlafen. Viel Trost und Ruhe geht von diesen lieben Gräbern aus. Aber sonst hat Gott auch in diesem Jahre, das so viel Leid und Not über Unzählige brachte, unsere engere Familie sichtbarlich beschützt. F-J, der lange in Cherbourg lag, wurde Anfang April als einziger seiner Truppe ins Land zu einem Lehrgang abkommandiert, dadurch ist er dem Tode oder der Gefangenschaft entronnen, da nach der Invasion Cherbourg abgeschnitten war und bis zum Letzten verteidigt wurde. Mein lieber B. ist aus Rußland noch in letzter Stunde glücklich herausgekommen, entronnen der russ. Gefangenschaft. H. und E. geht es noch gut, und wir alle hier leben und sind beisammen im alten, lieben Hause. Gott gebe uns auch im nächsten Jahre seinen Schutz und Segen.

Im Oktober lag B.s Einheit 3 Wochen lang in Thorn in Ruhe. Da bin ich hingefahren, kam nach 36stündiger, sehr anstrengender Fahrt an einem Sonntagmorgen in Thorn an. Zwei Nächte hindurch hatte ich im Zug gestanden, eingekeilt zwischen Koffern und Menschen, meist Flüchtlingen, die sich und ihre letzte Habe in Sicherheit bringen wollten. In Thorn haben wir dann nach einem Jahr der Trennung 10 herrliche, glückliche Tage verlebt, die mir leuchtend in der Erinnerung bleiben. Wie ist man doch dankbar für solch ein Geschenk. - Dann mußte plötzlich die Einheit abrücken, binnen weniger Stunden. Ich fuhr auch abends von Thorn ab, kam am nächsten Morgen in Berlin an, und erwischte dort einen Zug, der nachmittags 2 Uhr in Hamm sein sollte. Wieder mußte ich stehen, ganz eng waren wir aneinandergedrückt. Vor Hannover gab es Alarm, 2 Stunden lang lagen wir auf der Strecke, bereit, sofort den Zug zu verlassen, wenn er angegriffen würde. Das ging aber gut, doch war Bielefeld bombardiert worden, da mußte der Zug umgeleitet werden, und endlich landeten wir abends um 10Uhr in Lippstadt, wo ich ausstieg und in meine Wohnung ging. Am nächsten Morgen fuhr ich weiter, kam in 2 Züge wegen Überfüllung nicht herein, und landete um 1/2 12 in Soest. Da stehe ich auf dem Bahnsteig. Auf einmal fährt auf dem Nachbargleis ein Militärtransport ein, und als Ersten erblicke ich meinen lieben B. . Ich rufe, rufe - und winke - der Zug hält, B. kommt gelaufen, und wir konnten eine 1/4 Std. miteinander sprechen. Dann kommt mein Zug, ich steige ein - ein Winken noch, und beide Züge fahren ab. Ich kam dann abends 7 Uhr in Balve an, aber alle Strapazen der Reise, alles Gedränge und Warten konnten mir nach diesem glücklichen Treffen nichts mehr anhaben, ich war froh und selig noch tagelang.

Am 14. Nov. nachmittags, als ich gerade recht in sorgenden Gedanken über meinem Brief an B. saß, geht die Tür auf. G. ruft: "Wen hab ich hier", und da kommt B. herein. 2 Tage Urlaub, Dienstreise. M. sprang dem Vater laut jubelnd in die Arme. B. und G. hatte der Vater auf der Straße getroffen, die beiden hatten Brot geholt, und hätten sich da herumgetrieben, eins auch mal ein Brot fallen lassen. Dann hat B. sich vor sie hingestellt, auf einmal hat G. gerufen:"Papa". Sie sagte nachher:"Ich meinte erst, es wäre die Polizei". K. kannte den Vater nicht, aber dann war es sehr lieb und zärtlich und hat ihn die beiden Tage nicht losgelassen. ... "So einen schönen Abend habe ich noch nie gehabt, es war so wunderwunderschön" sagte M. immer wieder. Am 17. Nov. morgens brachten wir dann den Vater zur Bahn, er mußte wieder zum Westen. Dann habe ich 4 Wochen lang auf Post warten müssen, daß mir schon angst und bange wurde. Gewiß, es liegt an den Verkehrsschwierigkeiten, an der dauernden Bombardierung der Züge und Bahnstrecken, daß die Post so lange unterwegs ist und oft ganz ausbleibt. Aber Sorgen und Ängste wollen doch bei aller Zuversicht nicht schwinden. Zu Weihnachten erhielt ich den Weihnachtsbrief, der am 3. Dez. geschrieben war, der hatte sich mal beeilt, rechtzeitig einzutreffen. Aber der Brief vom Vater an die Kinder, zu gleicher Zeit geschrieben, ist noch nicht hier. B. lag in der Schneeifel, in der Gegend von Prüm, ich erhielt gestern einen Brief vom 5. Dez. Die letzte Nachricht. In dieser Gegend ist nun am 17. Dez. unsere Westoffensive erfolgt, wohl 100 km sind unsere Truppen da vorgestoßen - eine gigantische Leistung. B.s Einheit ist gwiß dabei, sie war für einen neuartigen Einsatz vorgesehen. Der Wehrmachtsbericht erzählt täglich von sehr schweren Kämpfen, heute heißt es, die Hälfte aller feindl. Divisionen im Westen sei an dieser Stelle eingesetzt. Da bin ich sehr in Sorge, aber ich will auf Gott vertrauen und bitte ihn innig, daß er unseren lieben "Vater" schütze und segne.

Die Weihnachtstage haben wir schön verlebt. Die Kinder bringen ja Freude und Leben ins Haus und so bitterschwer die Trennung von unseren Lieben ist - es hilft ja nichts. Wir müssen durch! Keiner unserer Soldaten war in Urlaub, von B. und H. waren aber Briefe da, die wir beim Morgenkaffee vorgelesen haben. Die Photos unserer lieben Soldaten und das Bild der Eltern haben wir alle nebeneinander aufgestellt. So sind sie auch in unserem Kreise, und unsere Gedanken sind bei ihnen in jeder Stunde.

Es ist Abend geworden. Gleich finden sich alle hier auf dem kl Saale ein, die letzten Stunden des alten Jahres, des harten, schicksalsschweren Jahres 1944 wollen wir gemeinsam begehen. Oheim hat in Essen durch Bomben auch seine beiden Häuser und seine Wohnung verloren, auch d. Krankenhaus ist zerstört. In Gedanken bin ich an der Westfront, bei meinem lieben Manne. Wolle uns doch das neue Jahr ein gesunde Wiedersehen bescheren. Schweres wird noch zu bestehen sein, aber wir sind voll Mut und Zuversicht. Der alte Gott lebt noch. Er wird uns helfen durch alle Not und alles Leid, durch Nacht zum Licht uns führen. Gelobt sei Gott in aller Not, er macht uns frei, der treue Gott, lobpreiset seinen Namen.

 

Balve, Sylvesterabend 1944.

Mein liebster B.!

Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu, da muß ich noch eine Weile bei Dir sein, mein liebster, liebster Mann. Ich sitze hier auf d. kl. Saal, gleich werden alle da sein, ... Oheim und Tante Marjo sind schon da, aber ich lasse mich nicht stören. Die Oma ist erkältet und wollte lieber zu Bett gehen, Tante El. kommt auch noch. Mir ist es sehr störend, daß die anderen schon hier sitzen, ich wollte doch ruhig und ungestört mit Dir plaudern, aber es findet sich fast d. ganzen Tag keine Stunde. Immer ist wieder jemand da, das ist lästig, aber nicht zu ändern. Wie würde ich in Lp. heute mich so ganz in Dich vertiefen, aber das Alleinesein würde auch hart sein. So ist´s schon so am besten. In Gedanken bin ich ja ganz bei Dir, mein Liebster, in jeder Stunde. Heute drücken mich rechte Sorgen, da der Wehrmachtsber. von den furchtbaren Kämpfen in Eurem Abschnitt berichtet. Es kommt ja auch keine Nachricht, das ist sehr bitter. Immer die Angst, in welchen Gefahren Du bist, unter dem Hagel der feindl. Bomben. Aber doch habe ich Zuversicht, es darf Dir nichts passieren, Du mußt mir wiederkommen. Könntest Du doch bei uns sein! Wie sehnsüchtig habe ich Dich hergewünscht in ds. Tagen. Immer, wenn ein Zug in Balve einlief, hegte ich die stille Hoffnung, er brächte Dich mir, und voll Sehnsucht sah ich d. Leuten entgegen. Aber nein - Du kamst ja nicht. Wüßte ich nun doch, wo Du bist und wie es Dir geht. Wann kommt wohl endlich der Tag, der Dich uns bringt? 15 Monate der Trennung, das ist eine zu lange Zeit für Menschen, die so innig zusammengehören und sich so lieb haben, wie wir Beide.- Nun sind schon alle da - ich will morgen früh noch mit Dir Rückschau auf das alte Jahr halten. Trotz aller Schwere müssen wir dankbar darauf zurückblicken. Möge Gott uns doch auch im neuen Jahre gnädig sein, Dich, mich und uns alle erhalten und wieder zusammenführen. Gute Nacht, mein Liebster. Ich bin bei Dir an diesem Abend, in dieser Nacht, innig und lieb, mit viel heißen Wünschen, mit meiner ganzen Liebe. Um 12 trinke ich Dir zu, sehe Dich an und küsse Dich zärtlich. Über Raum und Zeit hinweg werden unsere Gedanken sich begegnen in dieser hellen, klaren, weißen Nacht. Gott schütze Dich:

                In Liebe und Sehnsucht - Deine eigene Karin.

 

Neujahr 1945

Mein Liebster! Der erste Federstrich im neuen Jahre soll für Dich sein. Ich sende Dir viel innige, gute Wünsche und liebe Grüße. Heute Nachmittag mehr, jetzt soll d. Brief fort. Möge uns das neue Jahr bald ein frohes Wiedersehen bringen. Ich habe Dich ganz maßlos lieb, bin aber sehr in Sorge um Dich. Bleib mir gesund. Ich bin immer bei Dir. Ganz Deine 

 

Balve, den 5. Januar 1945

Abend vor dem Dreikönigstage. Wir sitzen wieder, wie im vorigen Jahre, auf dem Kl. Saal beim Weihnachtsbaum zusammen und gedenken unseres lieben Vaters, der heute vor einem Jahr von uns ging. Wie schnell ist dieses Jahr verrauscht, wie im Traum. Aber an jedem einzigen Tage haben wir Vater schmerzlich vermißt, er war doch der Mittelpunkt der Familie, unser starker Halt in dieser schweren Zeit. Vater wußte Rat und Trost in jedem Kummer und immer umgab uns seine nimmermüde, so große und tiefe Liebe. Sein sonniges und fröhliches Gemüt macht auch uns alle so froh. Wie großzügig war er doch immer uns Kindern gegenüber, wie verständnisvoll, wie vertrauend auch . "Ich habe Euch erzogen, nun erwarte ich auch, daß ihr Euch im Leben bewährt." Und gerade dieses starke Vertrauen ist wohl neben der religiösen und moralischen Grundlage, die unsere lb. Eltern uns gaben, der tiefste Halt in allen Situationen des Lebens gewesen. Heilig waren ihm Ehe und Familienleben, und dankbar gedenken wir Kinder der schönen Jahre, die wir so harmonisch im Elternhause verlebt haben. Vater war ein tief innerlicher, religiöser Mensch. Mich hat es immer so ergriffen, wenn ich bei der Fronleichnamsprozession das weiße Haupt so ehrfurchtsvoll geneigt hinter dem Allerheiligsten hergehen sah. Und dann beim Einzug in die Kirche, wenn die Orgel brauste und das Volk sang: "Großer Gott, wir loben Dich" standen Tränen der Rührung in seinen Augen. Nie werde ich diese Bilder vergessen. Die hohen Feste des Kirchenjahres, Weihnachten, Ostern und Pfingsten, sind in unserem Elternhause immer so besonders festlich gestaltet 

 

Balve, d. 3. Febr. 45.

Mein liebster B.!

 Samstagabend - Blasiustag. Wir haben das altehrwürdige Patronatsfest ein bischen festlich begangen, wie es hier Tradition ist. Um 10 Uhr (wegen d. nächtl. Alarms) war feierliches Hochamt. Nachher habe ich mir den Blasiussegen für Dich geben lassen, ich selbst hole mir ihn Morgen nach der Andacht mit meine Fünfen. ...Heute Nachmittag hatten wir Frauen von 2-6 Uhr Gebetsstunden, ich habe von 3-4 Uhr vorgebetet. Um 1/2 6 war dann feierliche Schlußandacht.- Ich hörte soeben die 10 Uhr Abend-Nachrichten. Die Lage im Osten scheint sich ja zu stabilisieren. Hoffentlich gelingt es uns dann auch, den Bolschewisten eine entscheidende Niederlage beizubringen, damit sie nicht in einigen Monaten wieder mit neuen Kräften starten können. Die Kämpfe im Westen, die sich im Waldgebiet der Schneeeifel abspielen, machen mir Deinetwegen Sorge. Ich frage mich immer, ob ihr wohl noch da seid und evtl. infanteristisch eingesetzt seid. Ich könnte mir denken, daß ihr evtl. gar nicht so schnell fort könnt. Hätte ich doch erst mal Nachricht aus diesen Tagen. Immer wieder, wenn ich mal aufgeatmet habe, fängt die neue Sorge an. Und ich bin doch dankbar, daß ihr damals aus Thorn herauskamet, da hättet ihr doch gewiß bleiben müssen, und dann wäre Dein Schicksal heute besiegelt. So hat Gott doch immer wieder geholfen, er wird es auch weiter tun. Ich vertraue fest auf ihn. Von F-JH bekamen wir heute Post vom 29. 1. Da kam er gerade aus Ostpr. zurück, wo der Russe schon dicht davorstand. Das Flüchtlingselend sei furchtbar, er könne es gar nicht schildern. Er habe lange Trecks auf den Straßen gesehen, Pferdewagen, Handwagen und Rodelschlitten, darauf alte Leute und Kinder. Wie dankbar ist man da, daß man seine eigene Brut noch so warm im Neste hat. Mir tun die armen Leute schrecklich leid, ich frage mich nun, was alles noch über uns kommen wird, da es uns bisher so gut gegangen hat? Hoffentlich passiert Dir nichts, ich könnte damit nicht fertig werden. Die letzte Nachricht von Dir ist vom 14. 1. Wie mag es Dir inzwischen ergangen 

 

Balve, d. 8. Febr.45.

Mein liebster B..

Ich bin in der Zahl verkommen, 49 od. 50, will aber mal annehmen, es sei 49 und schicke die goldene 50 also Morgen. Jetzt muß ich mir schon etwas die Zeit stehlen zum Schreiben. Gestern Abend standen plötzlich die Siegener da, Onkel Walter, Tante Erna und Tante M.. Sie sehen entsetzlich aus, haben alles verloren. Nach d. ersten Angriff hatten sie vor, sich ihren Keller als Wohnung einzurichten, jetzt, vorigen Montag, ist wieder ein schlimmer Angriff gewesen und hat auch d. Keller d. Rest gegeben. Nun werden sie wohl vorläufig hierbleiben, wir überlegen, ob wir ihnen oben eine Wohnküche einrichten auf dem jetzigen Bügelzimmer. Wir sind uns vollständig darüber im Klaren, daß wir noch mehr Leute aufnehmen müssen. Zündorfs werden gewiß auch eines Tages dastehen. Wo sollen die Leute noch alle hin? Georg Kramann schrieb mir gestern, daß Grete und die Kinder mit einem Lazarettzug bis Halle mitgenommen worden seien. Wir denken, daß sie nach Balve kommt, Herings haben sich erboten, ihr ein Zimmer zu geben. Ohne d. Lazarettz.. wäre sie nicht herausgekommen, die Bahnhöfe und Züge seien überfüllt gewesen und viele Kinder erfroren. Das ist doch ein ganz furchtbares Elend, was über unser Land hereingebrochen ist. Mußte das alles so kommen? Ich weiß es nicht. Ich klammere mich wie ein Ertrinkender an d. Strohhalm, an die leise Hoffnung, daß wir noch etwas [...]

Gerade kommt ein Brief v. 26.1. v. H. Er ist unverändert zuversichtlich, wenn es noch so dunkel würde, es ginge gut, das fühle 

 

Balve, 13. März 1945.

Lange hat wieder die Feder geruht, aber man findet ja auch nicht die innere Ruhe, das furchtbare Erleben und Geschehen der jetzigen Tage niederzulegen. Sovieles wäre zu berichten, aber es läßt sich nicht in Worte fassen. Die Welt ist voller Morden, voller Elend und Not. Nach all´ den glänzenden Siegen und Waffentaten unserer tapferen Truppen in den ersten Jahren des Krieges, kam mit der Katastrophe bei Stalingrad der Rückschlag. Seitdem haben wir von Jahr zu Jahr gehofft auf die Wende des Krieges, auf das alte Waffenglück. Aber der materiellen Überlegenheit unserer Gegner, ihrer überwältigenden Luftwaffe gegenüber konnten wir nicht mehr standhalten. Wir haben ja keine Rohstoffe, kein Benzin, keine Erze. Unsere U-Boote sind ausgeschaltet, da unsere Feinde bei Dieppe das Radar-Gerät erbeutet und ausgebaut haben, unsere V-Waffen vielleicht zu spät fertig geworden, sodaß sie nicht mehr in voller Auswirkung zum Einsatz gebracht werden konnten. Dazu kommt der Abfall all´ unserer Verbündeten. Unsere Rüstungsbetriebe, unser Transport, der gesamte Verkehr liegen dauernd unter dem Bombardement tausender, feindlicher Flugzeuge und Tiefflieger, die auch vor Menschen, die draußen im Felde sind, nicht halt machen und sie einfach erschießen. So wurde in Plettenberg eine Mutter von 7 Kindern, die im Park spazieren ging, von einem Tiefflieger erschossen, und solcher Fälle gibt es Viele. Ununterbrochen ist Alarm, die Leute können aus den Kellern kaum heraus. Und dennoch haben unsere Truppen in heldenhaftestem Kampf der Übermacht der ganzen Welt standgehalten und leisten heute noch Unvergleichliches. Deutsche Soldaten müssen die ganze Welt bezwingen in mannhaftem, ehrlichem Kampfe, Mann gegen Mann. Aber das materielle Übergewicht der Gegner ist zu erdrückend, vor allem ihre Luftwaffe, mit der sie ununterbrochen über den Stellungen unserer Soldaten kreisen. Der ganze amerikanische und russische Kontinent können ja ungestört rüsten.- Und heute ist nun der Feind im Lande, der Russe vor Berlin, die Engländer und Amerikaner am Rhein, bei Remagen schon darüber. Ohne Aufhören wütet der Bombenterror, selbst hier in Balve sitzen wir täglich stundenlang im Keller. Das Schlimmste von allem aber ist das Flüchtlingselend. Als der Russe in deutsche Lande einbrach, war grimmigste Kälte, Frost und tiefer Schnee. In aller Eile, ohne die notwendige Habe mußten Millionen deutscher Frauen und Kinder sich auf die Flucht begeben, mit Handwagen, Schlitten und Fuhrwerken. Transportmittel standen kaum zur Verfügung. Endlose Trecks sind da durch den tiefen Schnee gewatet, tagelang ohne ein schützendes Dach. Dieses Elend läßt sich gar nicht schildern. Viele Kinder sind unterwegs erfroren, Mütter wurden von ihren Kindern getrennt, verloren sie im Gedränge. Dann kamen die Bombenangriffe auf die Städte Berlin und Dresden, wo Tausende Flüchtlinge, denen es gelungen war mit der Bahn zu fahren, angekommen waren, und die nun durch Bomben ihr Leben verloren. In Dresden seien 15000 zu Tode gekommen, darunter auch eine mir bekannte junge Arztfrau mit ihrem Söhnchen. Die Männer mußten zurückbleiben und im Volkssturm kämpfen, alle Männer zwischen 15 und 60 Jahren. Und hier im Westen sehen wir nun täglich die Trecks der Ostarbeiter, die das rheinische Gebiet verlassen mußten. Zu Fuß, mit geringer Habe, durchnäßt, ziehen Tausende daher mit abgestumpftem, müdem, trostlosem Gesichtsausdruck. Mütter mit kleinen Kindern sind dabei, sie ziehen die endlosen Straßen mit unbekanntem Ziel. Wohin? Eine Nacht hatten sie im Freien übernachtet, ein Treck von 3000 Menschen, die vor einigen Tagen hier durchzogen. Ich habe laut geweint, als ich dieses Elend sah.

Und was mag aus uns noch werden? Dunkel und bange liegt die Zukunft vor uns. Was wird mit uns und unseren Kindern? Gott allein kann uns helfen, alle Fäden liegen in seiner Hand. Das ist der einzige Lichtblick in allem Dunkel dieser schicksalsschweren Zeit. Aus diesem tiefen Leid muß doch einmal eine neue Welt geboren werden.-

Unser Haus hier hat weiteren Zuwachs erfahren. Die Verwandten aus Siegen, die dort ihr herrliches Haus und ihre gesamte Habe verloren haben, nahmen wir gerne und freudig auf, Onkel Walter, Tante Erna, Tante M. und die 88 jährige, blinde Tante Therese Nies mit ihrer 71 jährigen Pflegerin Marie. Beide sind krank und bettlägerig. 6 Wochen lang haben sie krank im Bunker gelegen, bis dann endlich eine Möglichkeit gefunden wurde, sie im Lastwagen nach hier zu schaffen. Ich habe mein Zimmer geräumt und schlafe jetzt mit meinen 5 Trabanten in einem Zimmer. Man hat ja auch das Gefühl, man müsse jetzt möglichst nahe beisammen sein. Und wenn ich abends im Bett liege, dann ist´s mir, als ob eine Krallenhand mir nach dem Herzen greife, mich packt eine tiefe, entsetzliche Angst, was noch kommen, was aus uns werden mag.- Sonntag wurde in d. Kirche ein Papstjubiläum gefeiert und aus diesem Anlaß das Tedeum gesungen. Dunkel und schwer, in gewaltigen, düsteren Mollakkorden wogten die Orgeltöne durch die Kirche bei der 3. Strophe "heilig, Herr der Kriegesheere, starker Helfer in der Not.". Das hat mich tief gepackt und erschüttert.

 

  1. April 1945.

Heute vor 1 Jahr schrieb ich in die "Chronik ". Wievieles hat sich doch seit dieser Zeit verändert. All unsre Träume, unsere Hoffnungen, unsere Zuversicht auf ein siegreiches Ende dieses Krieges sind dahin. Sosehr wir auch den Nazis den Untergang gewünscht haben, im Vordergrunde unseres Wünschens und Hoffens stand doch der deutsche Sieg. Was jetzt mit Deutschland geschehen wird, darüber geben wir uns keinen Illusionen hin, von unseren Feinden haben wir nichts Gutes zu erwarten. Aber sosehr ich mich früher, wenn mir Zweifel am guten Ausgang des Krieges kamen, in schlaflosen Nächten mit Sorgen gequält habe - jetzt, da die Gefahr nahe ist, bin ich ganz ruhig und sehe allem Kommenden mit Fassung entgegen. Der alte Gott lebt noch! Hätte ich nicht das große Gottvertrauen, so wäre diese Zeit kaum zu ertragen. Aber das Wissen darum, daß Gott alle Fäden in seiner Hand hat und die Geschichte der Völker lenkt, daß er unser lieber Vater im Himmel ist, gibt einem Mut und Kraft in diesen Tagen. Was mag uns nun die nächste Zeit bringen? Seit einigen Tagen sind wir eingeschlossen in dem großen Kessel, den die amerik. und engl. Truppen ums Ruhrgebiet und Sauerland gezogen haben. Lippstadt, Soest, Brilon sind in Feindeshand, der Ring schließt sich enger und enger. Wir hören den Kanonendonner in den Nächten besonders laut und dröhnend, auch heute Abend. Häufig hatten wir in letzter Zeit Tieffliegerangriffe, aber d. Bomben fielen in d. Umgebung von Balve. Wir sind bisher gnädig beschützt worden. Täglich ziehen Soldaten und Panzer durch Balve, dazwischen die Trecks der Flüchtlinge aus dem linksrh. Gebiet und die großen Trecks der gefangenen Russen und Franzosen, die weiter zum Osten sollten. Aber nun bewegt sich das alles hier im Kessel hin und her. Jede Nacht sind Ställe, Böden und Scheunen, sogar alle Zimmer gefüllt mit Soldaten, und die Scheunen mit Russen, diesen ausgemergelten, elenden Gestalten. Die durchziehenden Franzosen sind in guter Verfassung und loben alle die gute Behandlung, die sie in deutscher Gefangenschaft genossen haben. Warum nur wurde den Russen nicht die gleiche Behandlung zuteil? Sollen diese Menschen es büßen, was man den deutschen Soldaten antat, die in russische Hand fielen und die furchtbaren Grausamkeiten ausgesetzt waren? In dieser Zeit des Mordens heißt unser Motto: "Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da", und wir helfen, wo wir nur können, teilen Brot und Milch aus an die Gefangenen und gewähren Obdach, soviel es eben geht. Gebe Gott, daß bald all diese Not ein Ende hat! - Um unsere Lieben sind wir in großer Sorge. B. wurde vor 4 Wochen zum Osten kommandiert, seitdem weiß ich nichts mehr von ihm. H. ist in Kroatien, F-J bei der Eisenbahnflak, die täglich dem tollen Bombardement ausgesetzt ist. Von allen haben wir längere Zeit keine Nachricht, auch nicht von E., der wohl in Holland liegt. Jetzt werden wir nichts mehr von unseren Soldaten hören und müssen geduldig warten, ob sie wohl eines Tages nach d. Kriege wieder auftauchen. Die Ostertage am 1. und 2. April haben wir trotz des seelischen Druckes noch recht schön verlebt. Zwar konnten wir nicht zum Wachloh, solche Wege sind wegen der Tiefflieger zu gefährlich, aber die Kinder konnten doch ihre Ostereier im Garten suchen. Weiter dürfen sie sich nicht mehr vom Hause entfernen, damit sie bei Alarm schnell im Keller 

 

Balve, d. 9. April 1945.

Heute sind es 5 Wochen, seit mein B. morgens in dunkler Frühe Abschied nahm, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört, weiß nicht, wohin er verschlagen ist und habe auch keine Adresse, ihm zu schreiben. So ist nun jede Verbindung zwischen uns hin, nur die Gedanken, meine sorgenden und quälenden Gedanken, begleiten ihn zu jeder Stunde und nachts liegt es mir wie ein Alpdruck auf der Seele. Durch telefon. Verbindung, die ich nach häufigem vergeblichem Bemühen endlich vor 2 Tagen bekam, erfuhr ich von seiner Quartierswirtin, daß er 2 Std. nach seiner Ankunft von hier mit einem Transport abgefahren sei, der nach Stettin gehen sollte. Wann werde ich wieder von ihm selbst hören? Nun muß ich warten, warten und hoffen, daß und ob er eines Tages nach dem Kriege wieder auftaucht. Gott nehme ihn in seinen Schutz und führe ihn glücklich wieder zurück zu mir und den Kindern.- Hier spüren wir nun sehr den Krieg. Wir sind eingeschlossen in den Kessel, der Ruhrgebiet und Sauerland umfaßt. Der Ring wird enger und enger, der Kanonendonner rückt täglich näher.  Unaufhaltsam ziehen Truppen durch unser Städtchen, Panzer, Autos und geschlossene Kolonnen. Aber leider macht sich auch der Mangel an Munition, Verpflegung und Bekleidung bemerkbar. Erschütternd sind die Bilder - Alte Männer, Volkssturmleute ziehen durch, kommen zurück, ziehen hin und her im Kessel, ohne Waffen, müde und hungrig, ihre Bündel auf dem Rücken, ziehen so der Gefangenschaft entgegen. Letzte Nacht schliefen 200 Soldaten auf unserem Heuboden, auch die Sofas im Hause waren belegt. Heute Morgen haben wohl 60 Mann hier Kaffee getrunken, manche baten um Brot und Kartoffeln, sie waren seit Tagen ohne Verpflegung. M. hat eine Seite Speck unter diese Leute aufgeteilt.- Das sind nun die Reste unserer einst so ruhmreichen Armeen,- ein Bild, das einem in tiefster Seele wehe tut. Zwischen den Kolonnen deutscher Truppen sieht man auch immer wieder Trecks von Ostarbeitern und Gefangenen, zerlumpt und hungrig. Seit Wochen sehen wir diese Trecks hier durchziehen, dazwischen Frauen mit kleinen Kindern. Mich hat dieses Elend manchmal so gepackt und erschüttert, daß  ich abends vor dem Bette lag und mich vor Weinen schüttelte. Und nun sehen wir dasselbe Elend bei unseren deutschen Soldaten. Die Not, das Leid dieser Zeit lassen sich gar nicht schildern. Und dann die bange Frage: was wird uns die Zukunft bringen? Fast meinen wir ja, schlimmer könne es nicht kommen, aber wer weiß, was unsere Feinde über uns verhängen? Doch abgesehen von der Sorge um unsere Lieben draußen sehen wir den kommenden Tagen mit Ruhe und Fassung entgegen.- Die feindlichen Flugzeuge machen uns viel zu schaffen, sie schwirren fast den ganzen Tag über uns, und heute Mittag liefen wir alle wieder eiligst  in den Keller, als in der nächsten Nähe die Bomben fielen. Hoffentlich bleibt unser Balve verschont. (Allendorf b. Balve wurde am 10.4 fast ganz zerstört und hatte 37 Civiltote, auch fast alle Bauernhöfe in d. Umgebung durch Bomben zerstört)

Die Kinder erleben diese Tage auf ihre Art. Die vielen Soldaten erregen ihr Interesse, und von dem Zeitgeschehen hören sie Dies und Jenes aus unseren Gesprächen und sie unterhalten sich darüber, daß die Engländer bald kommen. Aber keine Sorge und Furcht rührt sie an, sie fühlen sich in unserer Obhut sicher und geborgen. G. ergeht sich in Wunschträumen: "Ich wollte, es gäb en Knall und der Krieg wär´ aus", oder "Ich wollte, der Papa käm und hätte ein Jahr Urlaub, und dann wär der Krieg aus." Vom Papa sprechen sie viel, daß er wiederkommt, das ist für sie ganz sicher. Sie tollen draußen in der Sonne herum, sind fröhlich und vergnügt, nur dürfen sie wegen der Luftgefahr nicht aus der Umgebung des Hauses heraus. Abends, wenn ich im Bett liege und alle Fünf so friedlich atmen höre, geht mir doch trotz allen seelischen Druckes das Herz weit auf vor Glück und Freude. Der U. ist jetzt ein wilder Bursche, er turnt und klettert überall herum, schlägt auf die Großen ein und behauptet sich sehr. Aber wir haben doch alle unseren Spaß an dem kleinen Burschen, und die größeren Geschwister können auch über ihn herzlich lachen. K. redet immer noch so drollig, schwätzt den ganzen Tag mit süßem Stimmchen und ganz drolliger und ulkiger Aussprache. "Ute Nacht, piepe Mutter. Ich möchte ein Fapettchen (Tablette)" "Meine Puppe hat de Hose naß macht, ich pepe ihr läge." All ihre lustigen Weisheiten kann ich leider nicht zu Papier bringen. B. treibt sich immer bei den Pferden herum, die sind sein ganzes Glück. Gestern Abend spät im Bett sagt er auf einmal: "Mutter, das K., das hat gesündigt,- ja das hat ganz schlimme Sünden getan." "Was hat sie denn getan?" "Ja, es hat gesündigt." "Was denn?" "Es hat ganz schlimme Wörter gesagt." "Was denn für Wörter?" "Nee, das sag ich nicht, dann komm ich in die Hölle." Mit M. und G. bespricht er allerlei Fragen: "Die Meßdiener, gehen die auch nachts in´s Bett?"  Kürzlich hörte ich mal folgendes Gespräch. B: "Der Pastor, ist das der liebe Gott?" D: "Nee, der is nur heilig." M., die "gelehrte" Tochter: "Nein, das ist der Stellvertreter Gottes auf Erden, und Christus ist das unsichtbare Haupt." M. erfaßt schon manches vom Kriege und hat auch manchmal etwas Angst, wenn das Grollen von der Front abends so nahe dröhnt, aber sie läßt sich doch durch Mutters Ruhe beschwichtigen. Ihr Lehrer hat durch Bomben in Finnentrop seine Frau und 4 Kinder verloren, 30 Personen sind in dem Keller zu Tode gekommen. Solche Geschehnisse rühren doch schon sehr an ihr weiches, kleines Herz. Gebe Gott, daß unsere Kinder in eine glückliche Zukunft hineinwachsen. ob sie einmal begreifen und verstehen werden, welch´ schwere Zeit ihre Eltern durchstehen müssen? Sollen nun all diese furchtbaren Opfer, all das Heldentum umsonst gewesen sein? Ich kann es nicht glauben. Gott hat seine eigenen Pläne und wird schon wissen, wofür er all Dieses schickt. Eines ist gewiß: diese furchtbare Zeit ist auch eine Gnadenzeit für die, die aufgeschlossenen Sinnes sind. Das ist mein fester Wunsch und Wille, meine Kinder zu aufrechten, kompromißlosen Christen zu erziehen, die in ihrer Religion Trost und Halt in jeder Lebenslage finden. Möge es gelingen!

Die Aufzeichnungen vom 4. und 9. April hatte ich in jenen Schreckenstagen auf kleine Blättchen geschrieben und erst später hier eingetragen, leider für die Notizen vom 16. 4. nicht genug Platz gelassen, sodaß ich sie so einhefte. Damals, im April 45, war die "Chronik" gut verpackt in irgendeiner Truhe im Keller, wohin wir alles geschafft hatten, Kleider, Porzellan, Bücher, Eßwaren und alles was wir brauchten, um es vor Brand durch Bomben zu schützen. Die meisten Sachen waren irgendwo versteckt und eingemauert. In den Wochen und Tagen, bevor die Amerikaner einrückten, haben wir fast Nacht für Nacht Truhen und Koffer verpackt, weggeschafft und vermauert, es mußte ja in aller Heimlichkeit geschehen. Und es war gut so, sonst wären wir stärker beraubt und geplündert

 

Balve, d. 16. April 1945

Montag Nachmittag. Auf der Suche nach einem ruhigen Zimmer, wo ich für 1/2 Stündchen sitzen kann, bin ich auf dem kleinen Saal gelandet, im Heime der Cramers Töchter, die hier Aufnahme gefunden haben. Unruhevolle, aufregende Tage liegen hinter uns, so geballt von Ereignissen und Schrecken. Ich will versuchen, einiges aus meiner Erinnerung wieder hervorzuholen. Donnerstag Mittag machte es sich bemerkbar, daß nun auch für Balve die Stunde geschlagen hatte. Deutsche Truppen fluteten zurück, mit Fuhrwerk, mit Autos, zu Fuß, in jagender Eile, dazwischen Panzer und Geschütze - ein Heer auf der Flucht. Unsere Soldaten, unsere Männer und Jungen, die  Tapferen, die jahrelang  der überwältigenden Mehrheit des Feindes standgehalten hatten. Abgekämpft, müde, ohne ausreichende Munition und Waffen jagten sie nun in rasender Eile daher. Ein erschütterndes Bild, das einen weinen machte. Aber zum Nachdenken war keine Zeit. In aller Eile wurde alles in den Keller geschafft, Lebensmittel, Milch, Wasser, Brot, Butter - alles was für einige Tage zum Leben nötig war, auch Bettzeug und warme Sachen. Von allem ist mir fast nichts mehr gewärtig, als die dumpfe, grauenvolle Atmosphäre in Erwartung der kommenden Stunden. V.2-4 grauenvolle Ruhe, Straßen leer. Dann wurden die Kinder heruntergebracht, die Oma Felker, die beiden alten Damen Lukas, und so nach und nach gingen wir alle herunter. Die meisten Leute aus Balve waren mit Rucksack in die Balver Höhle gezogen, auch die Soldaten, die in letzter Stunde noch in Balve lagen. Aber einige Soldaten kamen nicht mehr hin, und so hielten sich 7 Mann auch bei uns im Keller auf, darunter ein 63j Offizier, der wortlos und traurig dasaß. Er hatte alles geopfert, seinen einzigen Sohn, seine beiden Häuser und alle Habe und wußte nichts von Frau und Tochter, und nun sah er d. Ende kommen. Gerade waren wir alle unten, da setzte nachmittags 4 Uhr das Artilleriefeuer ein. Ein Krachen, ein Dröhnen - und immer wieder neue Einschläge, nah, und dann wieder entfernter. Um unser Haus herum waren 5 Einschläge, die die Mauer vor dem Hause und einen Teil des Oberstockes beschädigt haben. Aber im Ganzen sind wir sehr gut davon abgekommen, während in der Unterstadt mehrere Häuser stark mitgenommen, zwei ganz ausgebrannt sind. Kohne und Wollmer Volltreffer Wir waren alle sehr ruhig, die Kinder musterhaft artig. B. sagte einmal:"De Welt is so ßön und nun kommen die Engländer". Da gerade in letzter Stunde Balve noch als freie Stadt erklärt wurde, dauerte das Artilleriefeuer, da es nicht erwidert wurde, nicht zu lange an. Einige Einschläge noch in d. nächsten Stunden, dann wurde es ruhig am Abend gegen 9 Uhr. A. ging mal aus dem Hause heraus, und als er sah, daß Drögen Haus brannte, hat er dort mit 2 Mann gelöscht, bis d. Panzer, (amerik. od. deutsche?) ihm d. Schläuche durchfahren haben. Er kam um 11 Uhr ins Haus zurück und sagte, die Amerik. seien da, er war angerufen worden, "hands .up. " "Hände hoch" und gesagt worden, er solle ins Haus gehen. Wir hatten inzwischen im Keller zu Abend gegessen, Butterbrote und Kaffee, und dann wurden die Kinder und alten Damen hingelegt, auf Matratzen, in Sessel, auf Bänken und auf der Erde. Hernach ging Ad. mal heraus, um nach dem Vieh zu sehen, da hieß es: Amerikaner im Hause. L. und ich gingen die Kellertreppe herauf, oben im Eingang standen 3 amerik. Soldaten, hielten ihre Flintenläufe in d. Keller herein und auf uns zu. Eine Minute lang standen wir sprachlos vor ihnen, hoben (jetzt muß ich fast lachen) dann die Hände hoch. "Soldaten?" "Ja". Das war schwer und bitter, als nun die 7 deutschen Soldaten, mit denen wir die langen Stunden verbracht hatten, die Treppe heraufmußten mit erhobenen Händen und sich gefangen geben mußten. Wir gaben ihnen zum Abschied die Hand, wünschten alle Gute und dann wurden sie abgeführt. Kurze Zeit darauf kamen die Amerik. zurück um d. Waffen abzuholen, durchsuchten d. Keller, ob noch Soldaten da seien, und sagten "Go to bed!" Wir wollten heraufgehen, da ging aber wieder ein so tolles Schießen los, daß wir es doch nicht wagten und haben dann alle schlecht und recht im Keller geschlafen, auf Stühlen und Bänken. Die Ereignisse des nächsten Morgens sind mir vollkommen entfallen, aber nach und nach fanden sich einige Leute hier ein, die Milch holten und erzählten, wie es ihnen ergangen war. Bei Happes und im oberen Balve waren die Amerikaner schon um 10 Uhr gewesen. ... In der Pastorat waren wohl 100 Amerik., haben Wein getrunken, bei Kohne das Eingemachte verzehrt, b. Nolte ebenso und Anzüge an d. Russen gegeben. Wir waren ja dagegen sehr gut davon abgekommen. Am nächsten Mittag kamen hier amerikanische Panzer durch, Unmengen, eine starke, motoris. Armee. Da haben wir erst den richtigen Begriff bekommen, was unsere deutschen Truppen geleistet haben, die sich dem Ansturm solcher Waffen und solchen Materials so lange und tapfer entgegengestellt haben, Unmenschliches haben sie geleistet. Als einmal eine Panzertruppe für einige Stunden hier Halt machte, kamen die Amerikaner in die Häuser, suchten die Keller durch nach Wein und Waffen. Bei uns fand einer, der ganz verwegen aussah und betrunken war, eine Flasche Wein. Ich bin mit ihnen durch den Keller gegangen, er suchte jede Ecke durch, fand Borwasser und Himbeersaft. "What´s that?" "Fruit and medicine for eyes" Auf dem großen Saal stöberten 6 Soldaten herum, öffneten jede Schublade und nahmen B´s und E´s  Fliegerdolch mit. Andere kamen und forderten "eggs". Wir hatten verstanden "axe", holten die Axt, aber sie gingen einfach in den Hühnerstall und holten die Eier heraus. So ging das bis zum Abend, dauernd  kamen Sold. herein, die alles durchsuchten. Hilde Gerken ist dabei um ihre Uhr, Frau v. Ottegsaven um 2 kostbare Ringe gekommen. Bei uns ging es trotz der vielen Soldaten noch gut ab. Wir waren alle auf dem Posten und standen dabei, wenn sie durchsuchten. Einer nahm noch den Affen eines deutschen Soldaten mit. Inzwischen war Befehl gekommen, daß mehrere Häuser binnen 40 min od. 1 Std. geräumt werden mussten, darunter Oheims Haus, Falken und Cramers. Da sind wir gelaufen, und haben geschleppt, was zu holen war, Kleider, Betten und Lebensmittel. Die Insassen dieser 3 Häuser sind bei uns untergekommen, sodaß wir jetzt 56 Mann im Hause sind. Wir kochen gemeinschaftlich und sind alle ganz gut untergebracht. Außer ds. 3 Häusern musste in der Oberstadt die Apotheke, Dr. Kirchhoffs Haus, Scheele, Bathe geräumt werden und so noch sicher 20 andere Häuser. Gerken behielten im Haus 3 kl. Zimmer für 18 Pers. Alles andere wurde besetzt. In d. nächsten Nacht schliefen wir alle oben in d. Zimmern, Cramers in d. Kl. Saal, Falken auf Nr. 1, Oma und Schneiders Damen auf 8, Meier auf dem Badezimmer, L. oben bei M., Regina bei uns und den Kindern, Evakuierte aus dem Nachbarhaus auf M.´s Wohnz. und Mädchenz., die Siegener auf d. lk. Giebelz. und Waschmanns, die Damen Lukas im Keller, Tante El und .L. im Stübchen. Außer tollem Geschützdonner verlief ds. Nacht ohne Störung. Am nächsten Morgen erfuhren wir, um 1/2 9 sei hl. Messe, L. und ich liefen schnell noch zur Kirche. Da sagt Herr Vikar:"Morgen sind hl. Messen um 1/2 9 und 1/2 11" "Wie," frage ich nachher "2 Messen?" "Ja, morgen ist doch Sonntag", das wollte mir gar nicht in den Sinn, ich dachte es sei etwa Donnerstag. Wir waren alle in der Zeit verkommen und haben erst durch Nachrechnen das Datum ermittelt. Da fällt mir eben ein, daß wir Freitag Abend noch eine besondere Aufregung hatten und die Nacht doch in Spannung und Sorge verbrachten. Herrmann Schulte-Vennbur: Dieses ganze Kapitel will ich einmal später aufzeichnen, das werde ich nicht vergessen. Am nächsten Mittag mußten alle Männer aus Balve bei der Kirche antreten. Alle, die Wehrdienst geleistet hatten und entlassen waren, ebenso die Parteileute, wurden abgeführt. Engelbert Gerken war einige Tg. vorher entlassen worden und morgens hier angekommen. Er hatte sich 5 Tg. lang durchgeschlagen, wurde nun aber auch in die Gefangenschaft gebracht. Nachmittags wurden alle in Autos abtransportiert. Während noch die Männer bei der Kirche standen, hörten wir wieder Artillerieeinschläge. Dieses Mal war es die deutsche Artillerie, die hier hereinschlug, dabei ist Cramers Haus z. T. zerstört worden. In aller Eile hasteten wir wieder in den Keller und mußten uns dort bis zum Abends aufhalten. Später wagten wir es, mal wieder nach oben zu gehen, mußten aber nach kurzer Zeit wieder herunter und haben dann alle im Keller und Flur geschlafen. M. hatte sich schon früh im Keller ein Lager gemacht, sie war gar nicht zu bewegen, nach oben zu gehen. Sonntag morgen setzten die Plünderungen der freigelassenen Russen und Ostarbeiter ein. Dadurch, daß wir alle das Haus bewachten und Ad. gleich auf der Treppe mit den Leuten sprach und ihnen zu Essen gab, ging es hier gut. Nebenan bei Falken zogen die Russen ein und aus, haben im Keller alle Kisten und Truhen geöffnet und sich eingekleidet. Endlich lief jemand zur Kommandantur, da kamen amerik. Soldaten und trieben die Russen heraus. Aber den ganzen Tag hindurch strolchten sie herum und nahmen, was sie fanden, und wir mußten dauernd das Haus bewachen. Mittags mußten wir noch einmal wieder alle in den Keller herein; da kam eine amerik. Soldat und ein Franzose als Polizei, suchten nach Waffen und Alkohol. Der Amerik. war anständig, aber als er wieder heraufging, wollte der Franz. uns die Uhren abnehmen. Wir mußten alle die Arme zeigen, zum Glück hatte niemand eine bei sich. Seit gestern Abend ist es nun ruhiger, wir heben die Nacht alle wieder oben verbracht, im 2. Stock, heute konnten die Kinder wieder im Garten spielen. Auf die Straße dürfen Erwachsene von morgens 8 bis abends 7 Uhr - heute den ganzen Tag fuhren Lastautos durch mit gefangenen deutschen Soldaten, die gepfercht auf den Autos standen. Ich habe bitterlich geweint, wie schon manches Mal in diesen Tagen. Am Morgen der Besetzung konnte ich d. Schluchzen nicht Einhalt tun, als ich diese gut genährten Amerikaner sah, die gar nicht zu kämpfen brauchen bei ihrem Material, und dann an unsere Tapferen dachte, die 6 Jahre standgehalten hatten, die ihr Leben einsetzen mußten. Und nun diese endlosen Autotransporte von deutschen Soldaten! Ganz Deutschlands Männer in Gefangenschaft! Wir sangen heute Morgen nach der Messe ohne Orgel :"Oh mein Christ, lass Gott nur walten" Ja, auf Gott müssen wir vertrauen, er weiß, was für uns gut ist, und wird uns helfen, in Zukunft, wie er uns geholfen hat in diesen schweren Tagen. Wir können ihm nicht genug danken, daß er uns das Leben erhalten hat und unser Haus so sichtbarlich beschützt hat. Nun haben wir noch die große Sorge um unsere Lieben. Seit B. mir vor 7 Wochen im Dunkel entschwand, habe ich nichts mehr von ihm gehört, aber, wie mein Vertrauen sich bewährt hat, in diesen Tagen, so vertraue ich auch, daß Gott unseren Lieben eine glückliche Heimkehr beschert.

Samstag Mittag wurde bekannt, daß Herr Pröpper und Dr. Brüggemann Bürgermeister seien. Diese Namen klingen nach guter alter Zeit und geben Vertrauen. Heute Abend sind wir alle in Spannung, da ein Russenlager rebellisch sei, und d. Gefahr besteht, daß sie über Nacht über uns herfallen. Da wollen wir abwechselnd wachen. - Nachrichten hören wir gar nicht mehr, seit Tagen sind wir ohne Licht und Strom. Gerüchte besagen, daß Roosevelt gestorben sei und daß die Engländer in Berlin seien. Was mögen uns nun die nächsten Tage bringen? Der alte Gott lebt noch, er wird uns weiterhin schützen und unsere Lieben wieder zu uns zurückführen. - Die Tage sind frühlingswarm und sonnig, die Welt voll Blüten und Grün. Unsere Kinder tollen heute wieder draußen herum, sie haben die Schrecknisse wenig gespürt und lachen in die Welt hinein. Gott erhalte ihnen alle Zeit ihren frohen Sinn und lasse ihnen die Zukunft hold sein.

[i] Theodor Pröpper 1896- 1979, Kirchenmusiker, Komponist und Heimatdichter in Balve, Gründer der Balver Heimwacht und Mitbegründer des Sauerländer Heimatbundes, Mitbegründer und Organisator der Balver Höhlenfestspiele, Ehrenbürger der Stadt Balve (1964), Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse (1966) und der Orlando di Lasso Medaille (1974)

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[iii] Stephan Lochner 1400-1451, bedeutendster Maler der Kölner Malerschule, schuf u.a. den Flügelaltar der Kölner Stadtpatrone

[iv]

[v] Bergisel, Hügel im Süden der Stadt Innsbruck

[vi] Annette von Droste-Hülshoff

[vii] Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) , im 19. Jahrhundert viel gelesener deutscher Schriftsteller

[viii] See bei Nowgorod im Nordwesten Rußlands zwischen Moskau und St. Petersburg, bei dem 1942 die Befreiung aus einem Kessel gelang

[ix]

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[x]Staraja Russa, mittelgroße Stadt am Südufer des Ilmensees

[xi]Großstadt, knapp 300kw südwestlich von Sankt Petersburg, nahe der Grenze zu Estland; wichtiger Verkehrsknotenpunkt

[xii] Dnister, 1300km langer Fluß, der in den ukrainischen Waldkarparten entspringt und im schwarzen Meer mündet.

[xiii] [der Teil fehlt, daher aus dem Internet:

Beim einem Einsatz am 20. März 1944 in der Nähe von Nikolayev, der das Ziel hatte, einen russischen Brückenkopf über den Dniester abzuschneiden, wurde eine Maschine aus Rudels Kampfgeschwader zu Boden gezwungen. Rudel landete, um die Besatzung zu retten, wie er es vorher auch schon 6 Mal getan hatte. Diesmal konnte er aber auf dem morastigen Boden nicht wieder starten. Auf der Flucht vor den russischen Soldaten liefen die Männer mehrere Kilometer in voller Montur, Dann zogen sie die Fliegeranzüge und Stiefel aus und rutschten die steilen Klippen zum Dniester hinunter ins Wasser. Der Fluß führte Hochwasser, war etwa 600m breit und vereist. Als Rudel das andere Ufer erreichte, warf etwa 70m hinter ihm sein Bordschütze Erwin Hentschel die Arme hoch und ging unter. Rudel schwamm zurück, konnte seinen Kameraden aber nicht mehr finden. Die anderen wurden bald gefangen genommen, aber Rudel, der wusste, daß ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt war, lief weiter und schaffte es bis hinter die deutschen Linien, obwohl er barfuß, völlig durchnäßt und mit einer Schußwunde in der Schulter zu Fuß vor mehreren Hundert Soldaten mit Hundestaffeln floh.

Bis dahin hatten Rudel und Hentschel über 1400 Einsätze zusammen geflogen.

Rudel und Hentschel]

[xiv] Paldiski

[xv] Jelgava im Kurländer Kessel

[xvi]