Der Einsiedler von Balve

Balve, 19. November 

Eine weit und breit bekannte Persönlichkeit ist vor wenigen Tagen nach schwerer Krankheit verschieden: Der Einsiedler Josef Heimann aus Klingelnborn. Ein bewegtes Leben hat hiermit seinen Abschluss gefunden. Der Naturliebende und Wanderlustige wanderte im November 1900 als 32-jähriger nach Brasilien aus, wo er in dem damals noch unwirtschaftlichen Lande in Joinville bei einem höheren Offizier Gelegenheit fand, sich zu betätigen. 

Josef Heimann wirkte in Brasilien als Hauslehrer und Gesellschafter und widmete sich dem Studium des Landes und seiner vielen Naturwunder, sowie der Bienenzucht, an der er viel Freude hatte. Er hielt es jedoch nicht lange hier aus. Sehnsucht und Heimweh nach dem Sauerlande ließen ihn im März 1901 den Weg in seine Heimat zurück finden.

Nachdem er nun eine Zeit lang sich mit dem Bau von Bienenkörben beschäftigt hatte, siedelte er sich im Balver Walde in einem idyllischen Talwinkel im Klingelnborn an. Er erwarb hier eine Waldparzelle und erbaute sich selbst eine größere Bienenhütte mit Schlaf- und Wohnraum, die er trotz aller Primitivität immer sehr sauber und freundlich hielt. 

Seitdem ist er im Volk unter dem Namen »der Einsiedler im Klingelnborn« bekannt geworden. Viele Freunde und Einheimische fanden sich des Sonntags stets zu einem Plauderstündchen bei ihm ein und bedauerten dann stets, dass er keine Gastwirtschaft besitze. Er suchte deshalb die Wirtschaftskonzession nach und bewirtete seine Gäste im Walde an selbst gezimmerten Tischen und Stühlen unter rauschenden Eichen. Von nah und fern fanden sich viele Gäste ein, besonders auch aus der Iserlohner Gegend. Er war jetzt gezwungen, sein Anwesen zu vergrößern. Er errichtete zum größten Teil wieder selbst ein stattliches Fachwerkhaus als Gastwirtschaft. Seinen Unterhalt gewann er aus einer großen Bienenzüchterei. Alsbald hielt eine junge Frau ihren Einzug in die Waldschenke und im Laufe der Jahre hallte der Waldwinkel wieder von lustigem Kinderlachen und -spielen.

Doch den Wanderburschen packte ab und zu die Sehnsucht nach dem sonnigen Süden. Weil er Frau und Kinder versorgt wusste, reiste er wie die Zugvögel im Herbst oder Winter ab. Er traf dann im brasilianischen Sommer am Ziele an. In der Gegend von Blumenau hatte er eine Farm erworben, die er bewirtschaftete. Er zog Kaffee, Bananen und Reis. Nach der Abernte machte er sich wieder auf den Weg in die Heimat und brachte dann stets von den Seltenheiten Brasiliens eine große Anzahl mit, Schmetterlinge, Schlangen, Vögel und vor allen Dingen Papageien, auch einige Affen und größere Vögel.

Diese Tiere bevölkerten dann eine Zeit lang seine Einsiedelei, bis sie nach und nach Ankäufer fanden. Die Sehenswürdigkeiten zogen jedes Mal viele Fremde in seine Waldeinsamkeit. Besonders Schulen kamen oft und gern zum Besuch. Im Ganzen ist Heimann siebenmal in Brasilien gewesen. Der Verstorbene wird in der ganzen Gegend in bestem Andenken fortleben. Er war ein treuer und biederer Charakter, sehr arbeitsam und äußerst anspruchslos, dabei von seltener Gemütstiefe. Seine Erlebnisse in Brasilien hat er in einer kleinen interessanten Schrift niedergelegt, die besonders durch schöne Naturschilderungen und durch Mitteilungen über viele Landsleute für die Nachwelt wertvoll sein wird.

Auch manche alte Geschichte aus der Heimat hat er in den letzten Jahren verfasst, wobei ihm sein Erzählertalent sehr zustatten kam.