Von 1933-1945 waren in Balve elf Schuljahrgänge durch Jungvolk, Hitlerjugend, Jungmädchen und BdM gegangen, das sind ca. 300 junge Leute, die mit den Ideen des NS-Staates Bekanntschaft machen. Wenngleich auch viele von ihnen zur gleichen Zeit kirchlichen Jugendgruppen angehörten, so ist es doch bemerkenswert, dass nach 1945 in diesen jungen Menschen - von Ausnahmen abgesehen - keinerlei NS-Gedankengut zurückblieb. Dies zeigt, dass autoritäre Regime nur so lange Anhänger haben, wie sie an der Macht sind. Die Natur des Menschen ist mächtiger als der Irrsinn der Machthaber.

Zusammenfassend kann nicht verschwiegen werden, dass auch der Musikverein - wie alle anderen nicht-kirchlichen Vereine und Verbände -»gleichgeschaltet« war. Insofern hat er sich durch seine Teilnahme und Mitwirkung an Festen der NS-Partei an der Verherrlichung des »Dritten Reiches« beteiligt und dadurch »schuldig« gemacht. Andererseits hat er durch sein konsequentes Einstehen für die Kirche Mut und Überzeugungstreue bewiesen, was den inneren Widerspruch vieler Mitmenschen in dieser Zeit ausgemacht hat.

Zu den extremen Besonderheiten des NS-Regimes gehört unter anderem auch der Zwang zum »Deutschen Gruß«. In allen öffentlichen Amtsstuben, an den Schaltern der Post, der Banken und Sparkassen und auch auf der Straße - bei der Begegnung mit Nationalsozialisten - war der Bürger gehalten, anstatt des herkömmlichen Grußes (Guten Morgen, guten Tag, guten Abend) den NS-Gruß »Heil Hitler« auszusprechen. Beim Vorbeimarsch von Kolonnen mit einer NS-Fahne (Reichsdienstflagge oder ähnliche) musste der rechte Arm ausgestreckt zum Gruß erhoben werden. Viele Bürger haben diese Sitte nur im »äußersten Notfall« mitgemacht. Gott sei Dank wurde in Balve auch in dieser Zeit noch oft und gern »Guten Tag« gesagt, wenngleich dies manchmal zu Rügen und Verhören führte.

Im Übrigen wurde auch in Balve seit 1933 kräftig »geführt« und »geleitet«. Die »Führer« und »Leiter« waren jedoch mehr oder weniger alle nur »Verführte« und »Verleitete«. Viele wussten es, sie machten nur mit, weil, wie sie meinten, »es ohne sie nicht ging«. Andere wiederum trugen Uniform und Titel »mit Stolz« und aus »Überzeugung«. Wir werden heute kaum in der Lage sein, dies zu differenzieren, noch weniger können wir uns das Recht herausnehmen, den einzelnen »zu richten« oder »mit ihm zu rechten«. Für die Zukunft muss jedoch die Lehre aus der Vergangenheit gezogen werden, dass der einzelne seine Freiheit nur dann behalten kann, wenn er den Mut hat sich gegen die Unfreiheit zu wehren, statt mit ihr zu »konkurrieren« oder gar zu »kokettieren«.

Ferner ist es sehr interessant, sich daran zu erinnern, dass in einigen Gliederungen der Partei - vornehmlich in der NS-Frauenschaft und dem BDM - gern zum Abschluss der »Heimabende« das alte Volkslied »drum Brüder eine gute Nacht./ Der Herr im hohen Himmel wacht./ In seiner Güte uns zu behüten,/ hat er die Macht.« Wollte man mit diesem Lied vielleicht ein wenig das eigene Gewissen beruhigen, da zwischenzeitlich der Letzte gemerkt haben musste, dass die NS-Weltanschauung mit dem Christentum und mit dem Glauben an einen persönlichen Gott »auf Kriegsfuß« stand? Im Übrigen wurden die Damen der NS-Frauenschaft öfter gebeten, Nadeln und Garn zum Häkeln mitzubringen. Die Partei wusste, dass man die Frauen nicht immer mit Politik »berieseln« konnte.

Die Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst (Lehrer, Angestellte, Beamte und Lehrlinge der Amtsverwaltung, der AOK, der VEW und der Sparkasse) standen während dieser Zeit unter »besonderen Zwängen«. Aber auch hier muss gesagt werden, dass sie sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen - während dieser Zeit »korrekt« und »bürgernah« verhalten haben. Besonders schwer war es für die Lehrpersonen, die gezwungen wurden, im Unterricht »NS-Gedankengut« zu verbreiten, obwohl dies den meisten im Laufe der Jahre zu einer »seelischen Qual« wurde.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass es während des Krieges zwischen jungen Balver Offizieren und anderen jungen Balver Soldaten, die nicht »gradiert« waren, zu »peinlichen Missverständnisse« kam, da die jungen Soldaten statt »militärisch« nur mit einem »guten Tag« grüßten. Es soll vorgekommen sein, dass solche »Falsch-Grüßer« angehalten und zu einem »korrekten militärischen Gruß« aufgefordert wurden. Wie schnell wachsen doch Menschen, wenn sie »etwas werden«, was sie vorher nicht waren, »über sich selbst hinaus«!

Lebensmittelkarten, Bezugsscheine, wie Wiegescheine bei Hausschlachtung waren alltägliche Dinge, die manchmal viel Geduld erfordern. Bei Hausschlachtungen war entscheidend, wer »wie« wiegen würde. Oftmals wurden gerade bei kleinen Leuten die Schweine genauestens gewogen, sodass die eigene Mühe sich kaum gelohnt hätte, da in manchen Fällen ein voller Abzug aller Lebensmittelkarten für Fleisch und Fett erfolgte. Johannes Florissen weiß hierüber zu berichten. In manchen Fällen hat er »kleinen Leuten« zu einer »Korrektur« der Wiegescheine verhelfen können. Im Übrigen soll auch hier mit »zweierlei Maß« gewogen worden sein. Aktive Mitglieder der NSDAP hatten »gewisse Vorrechte« und Vorteile gegenüber den Gegnern des Regimes.

Während der Kriegszeit - und das verdient festgehalten zu werden - war Nachbarschaftshilfe eine Selbstverständlichkeit. Der eine half dem anderen in und aus der Not, soweit dies in »jenen Tagen« möglich war. Es kann hier in diesem Buch nicht beschrieben werden, wie viel Tröstung von Haus zu Haus vermittelt wurde, wenn die Nachrichten über einen Gefallenen oder Vermissten eintrafen. Ein altes Sprichwort sagt: »Not lehrt beten!« Abgewandelt könnte man über jene Zeit sagen: »Not bringt die Menschen gegenseitig näher!«.

Zwischen Balve und Langenholthausen hatte die »Flugwache« ihren Dienst. Hermann Herdes, Engelbert Gercken, Paul Streiter, Willi Klüppel und andere versahen dort ihren Dienst. Über die Balver Flugwache wurden während des Krieges und noch lange nach dem Kriege nicht nur ernste, sondern auch viele heitere Geschichten erzählt. Sicherlich hätte uns Hermann Herdes, wenn er noch leben würde, manches »Döneken« hierüber erzählen können.

Während an den Fronten im Westen, Osten, Südosten und Süden die Soldaten der Wehrmacht die tödliche Umklammerung des »Reiches« in verzweifelten Schlachten abzuwehren versuchen, die Gefahr einer völligen deutschen Niederlage jedem Einsichtigen immer klarer vor Augen stand, konnte man als Soldat im Heimaturlaub feststellen, dass die örtlichen Größen der Partei und viele ihrer devoten Anhänger immer noch an den Sieg und an die »Wunderwaffe« des Führers glaubten, die er zu gegebener Zeit einsetzen würde. Wenige Männer in der Heimat waren in der Kriegsindustrie beschäftigt. Die Bauern, soweit sie nicht eingezogen waren, hatten die »Ernährungsschlacht« zu führen. Die Frauen trugen die ganze Last des Kriegsalltags und die Angst, was da kommen würde. Auch ging mehr und mehr die Angst vor der Gestapo und der Partei um. Das Abhören feindlicher Sender war strengstens untersagt. Örtliche »Funktionäre« gingen Abend für Abend ihre Kontrollgänge, ob aus irgend einem Haus die Stimme der BBC zu hören war. Bei seinem letzten Urlaub im Februar 1945 besuchte der Verfasser dieses Buches einen Balver Bürger, der leider bereits verstorben ist. Als es auf Mitternacht zuging, stellte derselbe – er hatte früher nie ein Radio besessen - seinen »Volksempfänger« an, und zwar so leise, dass ich kaum etwas verstehen konnte. Auf meine Frage, ob man den Sender nicht besser empfangen könne, antwortete mein Gesprächspartner: »Oh ja, man kann, wenn man will. Aber wir müssen eher in den Apparat rein kriechen, als uns von den Lauschern erwischen zu lassen!«. Man hatte Angst.

Im Übrigen wurden während des Krieges, sowohl an der Front als auch in der Heimat, viele »politische Witze« erzählt, was sicher nicht immer ganz ungefährlich war. Es gab eine Menge von »Führer-Witzen« und von Witzen über Hermann Göring, der sich den Namen »Meier« durch seine großspurig Aussage: »Ich will lieber Meier heißen, als dass auch nur ein feindliches Flugzeug in den deutschen Luftraum eindringt« zugezogen hatte. Im Übrigen war es bezeichnend, dass bei der Wehrmacht das Erzählen von »Nazi-Witzen« ungefährlicher war, als in der Heimat.

Sicherlich werden Sie in diesem Buch viele Daten, die Sie persönlich interessiert hätten, nicht auffinden. Dieses Buch konnte und sollte aber nicht ein Buch über die Balver Geschichte, sondern über die des Musikvereins sein. Dennoch habe ich - besonders während der Zeit des »Dritten Reiches« , einige Daten über den Rahmen der Geschichte des Vereins hinaus aufgeführt und beschrieben, da hierüber zu wenig Wissen - vor allem bei jüngeren Menschen - vorhanden ist. Auch diese Zusätze sollen weder anklagen noch verharmlosen, sondern jeden von uns zum Nachdenken und manchen zum Überdenken eigenen Verhaltens in dieser Zeit veranlassen. Denn nur derjenige kann sich selbst finden und verwirklichen, der aus seinem Leben keine Stunde zu streichen versucht, sondern sich bemüht, eigene „Fehler und Fehlentscheidungen« zu erkennen. Wir, die ältere Generation, haben allen Grund, darüber vorurteilsfrei nachzudenken.