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1933 bis 1945   1945

Mit dem 30. Januar 1933, an dessen Abend auch in Balve ein Fackelzug veranstaltet wurde, begann für alle, die guten Willens waren, eine Zeit der Bedrängnis und der Not. Eine Zeit lang versuchten die neuen Machthaber auf die Bürger einen guten Eindruck zu machen. Sie marschierten anlässlich des 1. Mai des Erntedankfestes mit ihren Verbänden und anderen örtlichen Gruppen zur Kirche, um im Anschluss an den Gottesdienst die politischen Feiern zu veranstalten. In dieser Zeit wurden auch in Balve die NSDAP und ihre angeschlossenen Gliederungen „zügig“ aufgebaut. Viele Mitbürger - mehr, als man hätte erwarten dürfen - traten der Partei aus den unterschiedlichsten Motiven bei: Überzeugte, Gutgläubige, Opportunisten und solche, die innerhalb der Partei „bremsen“, d.h. gefährliche innerörtliche Entwicklung verhindern wollen. Einige von ihnen erkannten schon bald ihren Irrtum und zogen sich aus der aktiven Mitarbeit in SA und Partei zurück. Nur wenige hatten den Mut, ihren Austritt zu erklären. Während dieser Zeit wurde bereits ein erheblicher Druck auf Verbände, die der Partei nicht angeschlossen waren, ausgeübt, um sie gleichzuschalten. Dass der Musikverein Balve schließlich diesem Druck nachgab und am 5.11.1933 (siehe dazu meine späteren Einlassungen) beschloss, als Musikzug der SA-Reserve Balve beizutreten, ohne seine Selbstständigkeit als Musikverein aufgeben zu wollen, ist nur aus der Zwangslage heraus zu verstehen, in der sich damals alle Vereine befanden. Um weiter spielen zu dürfen, mussten jeweils Genehmigungen vom Arbeitsamt und anderen Stellen eingeholt und besondere Auflagen der Behörden beachtet werden; auch scheute man, bei einem Eintritt in die „Reichsmusikerschaft in der Reichsmusikkammer“ neue hohe Beiträge zahlen zu müssen. Daher unternahm man auch aus finanziellen Gründen, zunächst den Versuch, ohne Beiträge und „ohne Kosten für eine Uniform“ der Balver SA-Reserve beizutreten. Der Musikverein konnte froh sein, dass aufgrund einer Anordnung der Obersten SA-Führung in Berlin schon im April 1934 alle Musikzüge der SA aufgelöst wurden. Dadurch war der Musikverein gehalten, dennoch der „ Reichsmusikerschaft in der Reichsmusikkammer“ beizutreten, was zwar höhere Beiträge bedeutete, aber für den einzelnen Musiker angenehmer, „neutraler“ und „unpolitischer“ war. Hierdurch entfiel auch der Zwang, bei Parteiveranstaltungen in SA-Uniform auftreten zu müssen.

Im Übrigen, so wird von Zeitzeugen berichtet, ist in den fraglichen Monaten sowohl von der Balver SA als auch von der SA-Führung in Arnsberg ein unerträglicher Druck auf den Musikverein ausgeübt worden. Innerhalb des Musikvereins hat es zu dieser Zeit nicht an erheblichen Auseinandersetzungen und Verstimmungen gefehlt, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass die 30-Jahr-Feier 1934 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht stattfand. Die Balver Presse schrieb dazu gleich zweimal, einmal im Januar 1934, in dem sie die Frage aufwarf, warum, wie man höre, der Musikverein sein 30-jähriges Bestehen nicht feiern wolle. Dann aber hieß es in einem Artikel Mitte Februar 1934, dass der Musikverein Balve stolz auf sein 30-jähriges Wirken zurückblicken könne. Aus diesem Artikel ist aber nicht ersichtlich, ob dieserhalb eine Feier stattgefunden hatte. Diese allgemeinen Ausführungen waren erforderlich, um die Vereinsgeschichte von 1933-1945 besser zu verstehen.

1933

Die Stadt Balve hatte Anfang 1933 1.751, das Amt Balve 7.058 Einwohner. Die Stadt Balve hatte gegenüber 1925 einen Zuwachs von 216, gegenüber 1905 von 550 Seelen.

Der Musikverein Balve verlor am 30. Januar 1933 seinen stellvertretenden Vorsitzenden, den Gastwirt und Hotelier Heinrich Kohne, der kurzfristig verstarb. Der Musikverein erwies ihm die letzte Ehre und spielte an seinem Grabe das Lied vom guten Kameraden. Seine Jägerkameraden bliesen ihm auf ihren Jagdhörnern ein letztes Halali.

Am 18.02.1933 verstarb Dechant Franz Amecke, Ehrenbürger der Stadt Balve. Seine Beisetzung gestaltete sich zu einem großen Bekenntnis der Treue und Anhänglichkeit an einen beliebten Seelsorger. Dechant Amecke wurde mit großen Ehren in der Krypta der Seitenkapelle zur schmerzhaften Mutter Gottes bestattet. Über 40 Geistliche, die Vertreter der Kirchengemeinde und der Stadt Balve, der Kirchenchor, die Schützenbruderschaft, der Musikverein, der Männerchor und eine Korporation seiner Studentenverbindung „Saxonia“ in ihren prächtigen Uniformen sowie fast alle Pfarrkinder nahmen an der Beisetzung teil. Der Sarg wurde von außen - die Rundmauer der Seitenkapelle war eigens dafür geöffnet worden - in die Grabkammer gesenkt. Ein Pfarrer, den alle geliebt und den seine Pfarrkinder in liebenswürdiger Weise „Franz-Pastäuer“ nannten, hatte seine letzte Ruhe gefunden. Alle, die ihnen gekannt haben, erinnern sich noch gern an seine väterliche Art, an seine sprichwörtliche Güte, an seine Unbefangenheit, Gutes zu tun, auch wenn er dabei mal “übers Ohr gehauen“ wurde. Der Musikverein hatte von 1908-1933, 25 Jahre lang, das beste Verhältnis zu dem aus Büderich bei Werl gebürtigen Pfarrer und Dechanten.

Mit der „Verordnung zum Schutze von Volk und Staat“ vom 18.02.1933 wurden bereits wesentliche Grundrechte der Bürger außer Kraft gesetzt. In diesen Tagen verstärkte sich schon der Druck auf die Politiker der anderen Parteien. Der Terror gegen politische Gegner begann.

Am 5.3.1933 fanden die letzten freien (“ halbfreien“, wenn man den Druck bedenkt, der schon auf den Wähler und die Kandidaten der einzelnen Parteien ausgeübt wurde) Reichstagswahlen statt. Leider ist das Balver Wahlergebnis mir nicht bekannt, da die Unterlagen der Stadt sich nicht mehr im Balve befinden und die Ausgaben der Hönnezeitung vom ersten Vierteljahr 1933 fehlen. Es ist jedoch anzunehmen, dass in Balve ähnliche Verschiebungen zugunsten der NSDAP stattfanden, wie im Reichsdurchschnitt. Das Sitzergebnis auf Reichsebene war wie folgt: NSDAP 288, SPD 120, KPD 81, Zentrum 73, DNV 52, BV 19, DST 5, DVP 2, kleinere Parteien 7 = insgesamt 647 Sitze. Die NSDAP verfügte also nicht über die absolute Mehrheit.

Bei den Gemeindewahlen am 12.3.1933, den letzten während der NS-Zeit, konnten noch mehrere Listen aufgestellt werden. Von den einzelnen Listen rückten ins Parlament der Stadt Balve ein: Hermann Hering (Wagenbauer), Heinrich Simon (Architekt), Josef Cordes (Kaufmann), Theodor Pröpper (Organist), August Betten (Elektromeister), Josef Allhoff (Gutsbesitzer), Wilhelm Hertin (Fabrikdirektor), Franz Drilling (Arbeiter), Carl Moog (Zigarettenhersteller), Johann Schäfer (Maurer). Zum Gemeindevorsteher wurde Hermann Hering (Wagenbauer) gewählt. Zu welcher Liste die einzelnen Vertreter gehört hatten, ist aus der Zeitungsmeldung leider nicht ersichtlich. Für die Wahl zur Amtsvertretung stellten sich zwei Listen zur Wahl, die Liste der NSDAP und die Freie Liste des Schreinermeisters Heinrich Bathe, Balve. Die Liste der NSDAP erhielt nur 1281, die Liste der „Freien Wähler“ hingegen 1790 Stimmen. Es zeigte sich, dass bei gegebener Auswahlmöglichkeit die Anhängerschaft der NSDAP im Amt Balve in der Minderheit war. Späterhin gab es keine Kommunalwahlen mehr. Die Ratsmitglieder wurden „ernannt“.

Am 24.3.1933 verabschiedete der Deutsche Reichstag das „Ermächtigungsgesetz“, wodurch die Legislative (Gesetzgebung) auf die Reichsregierung übertragen wurde. Auf diese Weise konnte Hitler „legal“ seine diktatorische Macht auf- und ausbauen. Viele „bürgerliche Politiker“ hatten - ohne vielleicht zu ahnen, welche Folgen ihre Stimme für dieses Gesetz haben würde - der Vorlage zugestimmt.

Anlässlich einer Veranstaltung der SA in Balve (kurz nach der „Machtübernahme“) ließ Amtsbürgermeister Dinkloh die NS-Fahne, die nachts auf dem Amtshaus gehisst worden war, „herunter holen“. Er wurde deswegen seitens des Landrates Dr. Teipel gerügt. Die SA-Neuenrade, die die Flagge gehisst hatte, hatte eine Beschwerde eingereicht. Bürgermeister Dinkloh musste die Fahne erneut „aufhängen“. Am 10.4.1933 fand eine NS-Versammlung bei „Kohne“ statt. Es sprach ein auswärtiger Redner. Zum Schluss der Versammlung wurden das „Lied der Deutschen“ und das „Horst-Wessel-Lied“ gesungen. Beim Absingen des „Horst-Wessel-Liedes“ setzte sich Bürgermeister Dinkloh „spontan“ und erhob auch nicht die Hand zum „Deutschen Gruße“. Einer der Teilnehmer meldete diesen Vorfall erneut dem Landrat. Bürgermeister Dinkloh wurde vorgeladen und „verwarnt“. Landrat Teipel erklärte Herrn Dinkloh, dass er “ihn wohl verstanden habe“. Dinkloh hatte dem Landrat erklärt, dass „er als nicht-Mitglied der NSDAP sicher nicht würdig sei, das ´Horst-Wessel-Lied´ zu singen“.

Am 1. Mai 1933 umrahmte der Musikverein die Feiern aus Anlass des Tages der Arbeit. Es war ein Montag, der zum Feiertag erklärt worden war. Am 12.5.1933 stellte der Musikverein Balve einen Antrag an die Stadt Balve, sie möge einen Zuschuss von Reichsmark 40,- an den Musikverein zahlen, da der selber am 1. Mai sich in den „Dienst der guten Sache gestellt“ und “die Feiern verschönert“ habe. Eine Antwort der Stadt Balve ist nicht aktenkundig.

Die Einführung von Pfarrer Wilhelm Boedicker am Himmelfahrtstag, dem 24.5.1933, war ein für die Pfarrei Balve festliches Ereignis, welches während des Gottesdienstes durch die meisterhafte Kunst von Theodor Pröpper an der Orgel sein besonderes Gepräge erhielt. Alle kirchlichen und der Kirche nahestehenden weltlichen Vereine nahmen mit ihren Fahnenabordnungen am Gottesdienst und der Feier im Kirchensaal teil. Kirchenchor, Musikverein und Männerchor Balve umrahmten die Feierlichkeiten vor, während und nach dem Gottesdienst. Auch in den folgenden Jahren brachte der Musikverein - dies war sicher in jenen Tagen ein besonderes Bekenntnis zur Kirche - dem Ortspfarrer und dem Vikar zu entsprechenden Anlässen (Geburts- und Namenstagen) immer wieder ein Ständchen.

Am 28.5.1933 fand eine gemeinsame „Schlageterfeier“ der männlichen Schuljugend des Amtes Balve und der NS-Organisationen auf dem Schulplatz vor den am 1. Mai 1933 gepflanzten drei Eichen statt. Nach dem Lied „ich hab mich ergeben“ hielt der Propagandaleiter der NSDAP eine Ansprache, in der er das Leben Albert Leo Schlageters zu würdigen versuchte. Mit dem Lied „Ich hatt einen Kameraden“ fand die Feier ihren Abschluss. Die Musikvereine Balve und Garbeck hatten die Feierstunde umrahmt. Im Übrigen wurde das Andenken an Albert Leo Schlageter bald von den Nationalsozialisten verdrängt, weil Schlageters tiefe Religiosität - er war überzeugter Katholik - auf die Dauer nicht in das Konzept der NSDAP passte. Albert Leo Schlageter war 1923 während der Ruhrbesetzung durch französische Truppen nach einem Prozess vor einem Militärgericht wegen Sabotage zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Dem noch amtierenden Amtsbürgermeister Dinkloh war kurz vorher mitgeteilt worden, dass „er nicht würdig sei“, die Ansprache zu halten. Er wurde, wie er sich heute noch gut erinnert, von einigen Fanatikern als „Römling“ bezeichnet.

Am 4.6.1933 beschwerte sich der Musikverein Balve unter der Rubrik „eingesandt“ in der Hönnezeitung über die Tatsache, dass in letzter Zeit der Musikverein in der Öffentlichkeit mehr und mehr lächerlich gemacht würde. Wörtlich hieß es: „Sollten sich die Vorfälle häufen, wird der Musikverein seine Konsequenzen ziehen“.

Am 24.6.1933 fand auf dem DJK-Sportplatz ein “Fest der Jugend“ mit „Wehrsportübungen“ der Stahlhelm-Jugend und Sportwettkämpfen der übrigen Jugend, umrahmt von Musik, Spiel, Volkstanz und Gesang, statt. In der Einladung hieß es weiter: „Punkt 9:00 Uhr abends Antreten auf dem Weg zur Schule, jedoch nur die Männerwelt von Balve; Formierung wie beim 1. Mai. Der Marsch geht über die Hauptstraße bis zum Baumberg, wo eine Sonnenwendfeier, verbunden mit einer schlichten Weihestunde, stattfindet.“ Auch der Musikverein wurde zu dieser Veranstaltung eingeladen. Die in den folgenden Jahren durchgeführten „Reichsjugendwettkämpfe“ sollten der „körperlichen Ertüchtigung“ dienen. Sie fanden bei der Jugend regen Zuspruch, wenngleich manche Jugendliche die politischen Zielsetzungen des “Dritten Reiches“, soweit sie imstande waren, diese zu beurteilen, bzw. entsprechend im Elternhause beeinflusst wurden, nicht teilten.

Zum Balver Schützenfest vom 15. bis 17.7.1933 richtete der Musikverein Balve die Musik aus.

Am 20.7.1933 wurde das „Reichskonkordat“ zwischen dem Deutschen Reich und dem “Heiligen Stuhl“ unterzeichnet. Es trat mit dem 10.09.1933 in Kraft und hat auch heute noch seine Gültigkeit. Dem Konkordatsabschluss waren jahrelange Verhandlungen (noch mit den vorhergehenden demokratischen Regierungen) vorausgegangen.

Am Sonntag, dem 6.8.1933, veranstaltete der Männerchor Balve ein Gesangsfest in der Balver Höhle. Anlass war die Feier des 50-jährigen Bestehens. Im Programm hieß es unter anderem: „Die Musik wird ausgeführt von Musikverein Balve unter persönlicher Leitung seines Dirigenten, Herrn Johann Mesters“. Auch dieser Tag begann um 6:45 Uhr mit dem Gang zur Kirche. In der heiligen Messe wurde die neue Fahne des Gesangsvereins eingeweiht. (Der Männerchor ging damals noch vom Gründerjahr 1883 aus. Später - nach dem Zweiten Weltkrieg - wurde festgestellt, dass die Gründung bereits 1874 erfolgt war.)

Am 8.8.1933 teilte der Vorstand des Musikvereins eine Mitglied mit, dass es aus dem Verein ausgeschlossen worden sei. Der Ausgeschlossene wurde aufgefordert, sein Instrument dem Verein zurückzugeben. Am 10.8.1933 berichtete die Zeitung, dass Ferdinand Schneider (Schüler Theodor Pröppers und Dirigent des Musikvereins in den fünfziger Jahren) seine Vorprüfung in Aachen mit “gut“ bestand. Am 13. August 1933 feierte der Musikverein Affeln sein 25-jähriges Jubiläum. Der Musikverein Balve konnte leider an dieser Veranstaltung nicht teilnehmen. Am Sonntag dem 20.9.1933, veranstaltete der Musikverein einen Ausflug zum Gasthof Schulte in Volkringhausen. Alle, auch die passiven Mitglieder und deren Angehörige, sowie Freunde und Gönner waren herzlich eingeladen.

Am 31.8.1933 teilte der Bürgermeister der Stadt Balve (i. V. Schulte) den Musikverein mit, dass künftig bei allen Veranstaltungen mindestens 14 Tage vorher das Programm zur Prüfung (Verhinderung von „Kitsch und Schund“) durch den Kreiskulturwart vorgelegt werden müsste.

Am 10. September 1933 schrieb Johann Mesters an Musikdirektor Hahn in Arnsberg, dass der Musikverein Balve 20 aktive und 60 passive Mitglieder habe. Die Aufgaben des Vereins umriss er wie folgt: „Der Verein spielt bei kirchlichen Anlässen und bei Festen, die in Balve vorkommen, zum Beispiel Kriegerfeste, Kriegerbeerdigungen, kleine Sängerfeste und vaterländische Veranstaltungen“. Er wies darauf hin, dass der Verein nur kleine Entgelte erziele, die der Vereinskasse zu flössen. Die Spieler selbst würden keine Entgelte erhalten, auch der Leiter des Musikvereins erhielt keine Entschädigung. Wörtlich schrieb er unter anderem: „Als Äquivalent für die Sommerkonzerte, die dem Interesse der Gemeinde und der fremden Werbung dienen, stellt die Stadt Balve in der Volksschule ein Übungslokal zur Verfügung. Der Verein stellt ferner dem katholischen Kirchenchor seine Hilfe bei kirchenmusikalischen Andachten zur Verfügung. Auswärtige Feste zwecks Nebenverdienst werden nicht angenommen.“

Das Erntedankfest vom 1.10.1933 hatte ein umfangreiches Programm für den ganzen Tag. Wenngleich, wie am 1.5.1933, um 9:30 Uhr auch ein Festgottesdienst stattfand, hatte dennoch der Feiertag ein einseitiges NS-Gepräge.

Abends ab 20:00 Uhr waren, so hieß es wörtlich im Programm, fröhliche Abendfeiern mit Freitanz in den Lokalen der Stadt. Die Worte “fröhliche Abendfeiern“ und „Freitanz“ verraten auch hier eine „neue Sprache“.

Ähnlich verhielt es sich mit der Handwerkerwoche vom 15. bis ein 20. Oktober 1933. Am Sonntag, dem Eröffnungstag dieser Woche, fand wiederum ein gemeinsames Hochamt für alle Vereine, nachmittags ein Festzug mit Musik statt, zu dem nach der Vorankündigung außer den NS-Gliederungen auch der Handwerker-und der St. Josefs-Verein (Gesellenverein) eingeladen waren; im Bericht über den stattgefundenen Festzug hieß es dann allerdings, dass aus guten Gründen die Gliederungen der Partei an diesem Festzug nicht teilgenommen hätten. Abends spielte der Musikverein Balve, der zu diesem Zweck zwei Spielgruppen gebildet hatte, in zwei Balver Gasthöfen zum Tanze auf. Beide Feste zeigten, wenn man sie genau analysiert, das Bemühen der neuen Machthaber, auf jedem nur erdenklichen Wege alle Bedenken gegen ihr Regime bei der Bevölkerung auszuräumen. Zu diesem Zweck war den neuen Herren jedes Mittel recht, auch wenn die Bauern-und Handwerkerschaft, die örtlichen Vereine und die Kirche in diesem Täuschungsprozess einbezogen wurden. Mit besonderer Genugtuung wies der Berichterstatter der Hönnezeitung darauf hin, dass eigens ein Hirtenbrief aus Anlass des Handwerkertages verlesen worden sei, dessen Worte nur jeder beherzigen möge. Dennoch ahnten manche Balver in diesen Tagen der Anpassung und der Täuschung, dass sich der Kurs der neuen Machthaber, erst einmal fest im Sattel, bald ändern würde.

Am 5.11.1933 an den Gasthof Scheele eine Generalversammlung des Musikvereins Balve statt, in der über den Beitritt des Musikvereins Balve zur SA bzw. SA-Reserve beraten wurde. Im Protokoll wurde wörtlich festgehalten: “In der auf heute 10 ½ Uhr in den Gasthof Scheele einberufenen Generalversammlung des Musikvereins wurde Folgendes verhandelt: Die Sturmabteilung der NSDAP hat mündlich den Antrag gestellt, uns zur Bildung einer SA-bzw. Reserve-SA-Musik (d.h. Musikzug) zu äußern. Die Sach- und Rechtslage wurde eingehend besprochen. Es wurden Vorschläge gemacht über die “Umbildung des Musikvereins als SA-Kapelle“. Beschlossen wurde: wir sind grundsätzlich bereit, Reserve SA-Kapelle zu werden, damit wir die heute erforderliche Lizenzkarte für jedes Mitglied bekommen, die zur Aufführung musikalischer Werke durch den Musikverein sowie auch durch einzelne Mitglieder berechtigt. Der Musikverein als solcher bleibt bestehen, behält das gesamte Vereinsvermögen, Instrumente, Noten pp., und spielt die von ihm angenommenen Festlichkeiten, Beerdigungen, Prozessionen pp., ohne dass dazu die Genehmigung des Reserve-SA-Sturmführers erforderlich ist, selbstständig und in dem vom Musikverein bestimmten Vereinsanzug. Wir unterstehen nur als Reserve-SA-Kapelle dem Sturmführer der SA-Reserve. Als Musikverein unterstehen wir dem Leiter des Vereins. Unkosten dürfen dem Verein oder einem einzelnen Mitglied nicht entstehen. Die SA-Uniform wird von der SA-Reserve Balve angeschafft, ebenso übernimmt die Kasse der SA-Reserve die Zahlung der Monatsbeiträge von 1,30 Reichsmark pro Mitglied. Dirigent Mesters wurde vom Musikverein beauftragt, mit den maßgebenden Personen der SA-Reserve Fühlung aufzunehmen und das heute Beschlossene vorzutragen.“ Aus einer handschriftlichen Aufzeichnung, die dem Protokoll beigefügt ist, geht hervor, dass im November 1933 von den 20 Mitgliedern des Musikvereins fünf der NSDAP und sechs dem Stahlhelm angehörten. Am 7.11.1933 teilte Johann Mesters die Beschlüsse vom 5. November 1933, ohne alle speziellen Einzelheiten zu erwähnen, schriftlich dem Sturmführer der Balver SA, Bartels, mit. Mesters schrieb unter anderem wörtlich: „Die Unterzeichnung der Verpflichtungsscheine und die Ausfertigung eines Lebenslaufes ist leider bis zum Ablauf der Sperre nicht mehr möglich. Mesters meinte sicherlich „bis zum Beginn der Sperre“. Er schloss seinen Brief mit der Bemerkung, dass der Musikverein sich schon bisher in „uneigennütziger Weise“ in den Dienst der NSDAP gestellt und sämtlichen Veranstaltungen, vaterländischen Kundgebungen und Wahlversammlungen „seine Mitwirkung geliehen“ habe. Wörtlich hieß es: „Aus diesen Tatsachen heraus bitten wir, die verspätete Anmeldung noch nachträglich zu genehmigen und uns die Bedingungen einer SA-Kapelle mitteilen zu wollen.“ Ein Antwortschreiben der SA ist in der Akte nicht enthalten. Dass von allen Seiten Druck auf die noch nicht der Partei angeschlossenen Vereine ausgeübt wurde, geht auch aus der Tatsache hervor, dass sich ein „Reichskartell der deutschen Musikerschaft“ in der Reichsmusikkammer gebildet hatte. Am 7.11.1933 bat Johann Mesters Musikdirektor Hahn, Arnsberg, um eine Aufklärung über obige Institutionen und um Zusendung von Fragebögen und näherer Bedingungen für die Aufnahme.

Am 11. November 1933 wurde den Amtsvertretern im Laufe einer Sitzung mitgeteilt, dass Amtsbürgermeister Dinkloh in den Ruhestand versetzt worden sei. Eine Begründung wurde nicht gegeben. Ob eine Diskussion über diesen Punkt erfolgte, ist aus der Hönnezeitung nicht ersichtlich. Seit Juli 1933 war der Name des Amtsbürgermeisters bei Berichten über Gemeinde- bzw. Amtsvertretersitzungen nicht mehr genannt worden, was den Schluss zulässt, dass Bürgermeister Dinkloh bei der NSDAP in Ungnade gefallen war. Die Verfügung zu seiner Entlassung erging Anfang September 1933 vom Regierungspräsidenten in Arnsberg. Bürgermeister Dinkloh, ein untadeliger Beamter, war als überzeugter Katholik und langjähriges Mitglied der Zentrumspartei den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Er erinnert sich heute im Alter von 94 Jahren noch genau an die Ereignisse zur Zeit des „Überganges“ von der Demokratie zur Diktatur, an die Vorgänge in Balve vor und nach dem 30. 1.1933. Er hat hierüber eine kleine private Akte angelegt, die er jedoch nur für seine Kinder bestimmt hat. Er will sie nicht veröffentlichen, „um keine Wunden aufzureißen“. Nach seiner (Dinklohs) Zwangspensionierung übernahm sein Stellvertreter Heinrich Schulte die Amtsgeschäfte als kommissarischer Bürgermeister bis zur Ernennung Anton Rombergs am 1.12.1934.

Am Abend des gleichen Tages, am 11. November 1933, wanderten die Musiker des Musikvereins Balve über den Schad nach Mellen, um ihrem Mitbegründer Theodor Drees ein Ständchen zu dessen 60. Geburtstag zu bringen. Wie verlautet, ist es ein langer „Meller Abend“ geworden.

Am 12.11.1933 fanden zwei „Wahlen“ statt: 1. die „Wahlen“ für den Reichstag (es gab nur noch eine Liste), 2. die „Volksabstimmung über die Politik der Reichsregierung, des Kanzlers Adolf Hitler“. Die „Wahlen“ in Balve hatten folgendes Ergebnis: 1. „Reichstagswahl“: 1021 “gültige“ Stimmen, 79 “ungültige“ Stimmen. Die gültigen Stimmen hatten der Liste zugestimmt, die ungültigen Stimmen sie verworfen. 2. „Volksabstimmung“: 1077 “Ja-“, 18 “Nein-“ Stimmen, elf “ungültige“. Es ist anzunehmen, dass die Auszählung der Stimmung großzügig zugunsten der NS-Partei erfolgte. Wahlfälschungen waren schon zu dieser frühen Zeit der NS-Macht an der Tagesordnung

Am Sonntag, dem 19., und am Dienstag dem 21.11.1933, führte die Theatergruppe des St. Josephs-Vereins im Kohneschen Saale das Lustspiel „Pension Tullius“ auf. Unter der Regie von Heinrich Falke zeigten einzelne Spieler großartige Leistungen. Die Hönnezeitung wies empfehlend auf diesen Theaterabend hin und trug durch ihre Voranzeige sicher dazu bei, dass die Aufführungen sehr gut besucht waren.

Am 8.12.1933, an Mariä Empfängnis, veranstaltete der Trägerverein Balve seine Generalversammlung. Der Musikverein erfreute die Mitglieder des Kriegervereins mit seinen Darbietungen.

Am 11.12.1933 übersandte Kapellmeister Laue, Arnsberg, 60 Fragebogen und bat um Rücksendung in dreifacher Ausfertigung. Er wies darauf hin, dass sowohl das Eintrittsgeld wie der Monatsbeitrag pro Mitglied Reichsmark 1,- betrügen. 15. Dezember 1933 antwortete Johann Mesters, dass der Musikverein Balve im Augenblick nicht in der Lage sei, solche Beiträge aufzubringen. Außerdem sei der Musikverein seit November SA-Kapelle, so das künftig keine besonderen Einnahmen zu verzeichnen sein. Wörtlich fügte er hinzu: „Wir bedauern daher, den Eintritt in dieser Zeit nicht vollziehen zu können.“

Aus einem Artikel der Hönnezeitung vom 14.2.1934 kann geschlossen werden, dass die Balver SA dem Antrag des Musikvereins vom 7. November 1933 entsprochen hatte. Die Hönnezeitung schrieb wörtlich: „Die jetzige SA-Kapelle und früherer Musikverein Balve konnte am letzten Sonntag auf ein 30-jähriges Bestehen zurückblicken. Drei Gründer des Vereins, und zwar Dirigent Mesters, Spediteur Lohmann und Holzarbeiter Schmöle sind noch heute aktiv in der Kapelle. Die gesamte Bürgerschaft ist dem Musikverein zu großem Dank verpflichtet, hat er doch durch 30 Jahre hindurch das Leben unseres Städtchens in Freud und Leid begleitet. All die vielen Veranstaltungen ließen sich ohne die Mitwirkung des Musikvereins gar nicht denken. Wir hoffen, dass der Musikverein, jetzt SA-Kapelle, uns noch so manche Stunde verschont und danken ihm dafür.“

Am Sonntag, den 17. Dezember 1933, ging ein lang gehegter Wunsch der Balver evangelischen Christen in Erfüllung. Das nach den Plänen und unter Bauleitung des Balver Architekten Heinrich Simon errichtete Gotteshaus (evangelisches Gemeindehaus mit Kirchentag) wurde seiner Bestimmung übergeben. Von der Landwirtschaftsschule aus, in der bis zu diesem Tage die sonntäglichen Gottesdienstfeiern abgehalten worden waren, bewegte sich ein großer Festzug mit Musik (Deilinghofener Posaunenchor) durch Balve bis zur neuen evangelischen Kirche. Nach der Schlüsselübergabe fand die kirchliche Einweihung der neuen Kirche durch den Generalsuperintendenten D. Hümme statt. Pfarrer Wilhelm Boeddicker überbrachte die Grüße und Glückwünsche der katholischen Kirchengemeinde Balve. Nach der kirchlichen Feier, die durch einen Deilinghofener Chor mit dem Lied „die Himmel rühmen des ewigen Ehre“ eingeleitet worden war, begaben sich die Teilnehmer in den Saal des Hotels Kohne. Die anschließende Feierstunde wurde von Gesängen, Ansprachen und Musikvorträgen umrahmt. Vor Errichtung des neuen Gotteshauses hatten die Balver evangelischen Christen über Jahrzehnte hinweg im Amtsgericht, im Gasthof Krüdewagen und zuletzt in der Landwirtschaftsschule ihre sonntäglichen Gottesdienste abgehalten. Dass in Balve von jeher zwischen den Christen beider Konfessionen und den Kirchengemeinden ein gutes Einvernehmen bestand, zeigt uns, dass es auch damals schon eine vom Volk gelebte und praktizierte „Ökumene“ gab.

Am 17.12.1933 ehrte die Hönnezeitung in einem großen Artikel den am 19.12.1933 in Köln zu Grabe getragenen Architekten Albert Betten, der 1872 auf dem Wocklumer Hammer geboren war. Albert Betten hatte in seiner langen Tätigkeit als Architekt - sein Büro war in Köln, wohin er als junger Mann nach Abschluss seiner Studien verzogen war - sich durch eine fruchtbare Tätigkeit in Deutschland einen Namen gemacht. Die lange Liste der von ihm geplanten Bauten: Kirchen, Krankenhäuser, Theater, Banken, Hotels, Geschäftshäuser und Verwaltungsgebäude - von Köln bis Kattowitz, von Wiesbaden bis Stralsund - bewiesen seine unerhörte Schaffenskraft. Seine letzte Arbeit war der sorgfältig geplante Kapellenanbau am Sankt Elisabeth-Krankenhaus im sauerländischen Bigge. Die ältesten Balver können sich noch an Albert Betten, den Bruder des Schreinermeisters Clemens Betten, erinnern.