Am 16.3.1935 wurde die “allgemeine Wehrpflicht“ wieder eingeführt. Gleich darauf begannen die Vorbereitungen für die Erfassung der Wehrpflichtigen. Schon damals gab es auch in Balve Mitbürger, die begriffen, dass „der Krieg bereits begonnen hatte“. (…)

Am Ostersonntag, dem 21.04.1935 , feierte Victor Heimann (er ist Weihnachten 1944 in einem Gefangenenlager im Donezgebiet im Alter von 37 Jahren verstorben) seine Primiz. Der Musikverein Balve brachte dem Primizianten ein Ständchen.

Am gleichen Tag wurde das Osterfeuer unter den Klängen des Musikvereins Balve abgebrannt. Die Hönnezeitung berichtete, dass leider keine Auferstehungslieder gesungen worden wären. Dieser alte Brauch müsse in Zukunft wieder mehr beherzigt werden. Während des Abbrennens des Osterfeuers wurde das Kreuz auf dem Schieberg wie im Vorjahr bengalisch beleuchtet.

Am zweiten Ostertag, am Montag dem 22.4.1935, wurde nach einem Festzug, an dem sich auch der Musikverein Balve beteiligte, das von Wilhelm Preuß gebaute erste Balver Segelflugzeug auf den Namen „Schmalen Jupp“ - Josef Schmale fiel im Ersten Weltkrieg als Flieger - von Meta Preuß “getauft“. Nach der feierlichen Zeremonie konnten trotz der schlechten Aufwinde ein Werdohler Segelflugzeug sowie auch das neue Balver Segelflugzeug einige Flüge absolvieren. An dem Treffen auf dem Wachtloh nahmen viele Balver teil.

Vom 1. Mai 1935 fand nach einem gemeinsamen Kirchgang ein großer Festzug mit musikalischer Begleitung durch den Musikverein statt. Vorher hatte der Musikverein ein Platzkonzert gegeben.

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Am 27.4.1935 hatte der Musikverein dem Propagandaleiter der NSDAP mitgeteilt, dass er gegen Zahlung von Reichsmark 45,- bereit sei, am 1. Mai zu spielen. Für den Fall, dass Gebühren nach Arnsberg abgeführt werden müssten, müsste pro Spieler noch ein Betrag von Reichsmark 0,50 zusätzlich erhoben werden. Wörtlich hieß es am Schluss dieses Briefes: „Von 17-18 Uhr für Reigen und Volkstänze können wir nicht, da wir bereits andere Verpflichtungen haben.“

Ab Mai 1935 nahmen die Vertreter der NSDAP und der SA nicht an den Sitzungen der Gemeindevertretung teil. Der Titel „Gemeindeführer“ wurde in „Beigeordneter“ umbenannt. Damit sollte nach außen hin der Eindruck erweckt werden, dass die Gemeindepolitik nicht direkt dem Einfluss der Partei unterlag. Dennoch behielt die Partei ihren starken Einfluss, denn ohne das Wort des Amtsbürgermeisters „lief nichts“. Er war schließlich auch der „stärkste“ Mann in der Ortsgruppe der NSDAP Balve.

Am 26.5.1935 fand in der Pfarrkirche eine kirchenmusikalische Andacht unter dem Motto „Ave Maria“ statt. Die Feierstunde wurde von Theodor Pröpper mit der Orgel-Introduktion von H. Weber eingeleitet. Höhepunkt der Andacht war das vom Kirchenchor vorgetragene Lied „Singt unserer Frau das Hohelied“. Das in die Orgel neu eingebaute Glockenspiel kann im Laufe der Andacht zum ersten Mal voll zur Geltung.

Am gleichen Tag trafen zwei Sonderzüge aus Wesel mit eigener Musikkapelle in Balve ein. Am 29.5.1935 berichtete die Hönnezeitung von einem Sonderzug von Arbeitern und Angestellten der Krupp-Werke aus Essen, die von der Balver Musikkapelle vom Bahnhof abgeholt wurden. (…)

Am Samstag und Sonntag dem 1. und 2. Juni 1935 wurde das Kreisfeuerwehrfest in Balve abgehalten. Am Samstag war um ein 20:00 Uhr einen Zapfenstreich, anschließend Kommersabend im Saale Allhoff. (…)

Im Juni und Juli kamen weitere Sonderzüge nach Balve, die wie gewohnt vom Musikverein am Bahnhof abgeholt und bis zur Stadtmitte geleitet wurden. (…)

Die Mittsommerprozession fand am Sonntag dem 30.6.1935, unter Mitwirkung des Kirchenchores und des Musikvereins um den Husenberg statt. Die Prozession wurde, wie das Pfarramt nach Mitteilung der Hönnezeitung bekannt gemacht hatte, erstmalig aus „Verkehrsgründen“ nicht durch die Stadt, sondern um den Husenberg abgehalten. Die Fronleichnamsprozession am 20. Juni hatte wegen schlechten Wetters durch einen Umgang in der Kirche stattfinden müssen. Es ist überliefert, dass im Verlauf der Mittsommerprozession zwei Balver Bürger, Heinrich Schulte und Clemens Betten („Betten Krause“), demonstrativ den alten Weg gingen, um gegen die Änderung aus „Verkehrsgründen“ zu demonstrieren. Obwohl die Bekanntmachung vom katholischen Pfarramt erfolgt war, war dennoch durchgesickert, dass die Änderung des Verlaufes der Prozession auf behördliche Anordnung zurückging.

Am 29. und 30.6.1935, an „Peter und Paul“ und dem darauffolgenden Sonntag, waren in Balve „fleischlose Tage“, da nach Mitteilung der Hönnezeitung bei den Bauern zu wenig Schlachtvieh vorhanden gewesen sei. Einige Tage vorher fand auf dem Baumberg eine „Sonnenwendfeier“ statt. Der Musikverein Balve und ein Spielmannszug des RAD (Reichsarbeitsdienst) spielten abwechselnd. Am 10.7.1935 erschien erstmalig ein judenfeindlicher Artikel in der örtlichen Presse. Sie berichtete über eine Ansprache des RAD-Feldmeisters Kemper vor dem alten Rathaus, in der er die „Lösung der Judenfrage“ gefordert habe.

Nach einem Bericht der Hönnezeitung vom 13.7.1935 hatte der cand.phil. Franz Lenze sein Staatsexamen in Münster mit dem Prädikat „gut“ bestanden. Auf seiner ersten Referendarstelle am Schiller-Gymnasium in Dortmund machte Franz Lenze schon bald Bekanntschaft mit der Gestapo, weil er während des Unterrichts sich „kritisch“ mit Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“ auseinandergesetzt hatte.

Am 13.7.1935 verstarb Frau Josefa Cramer an einem Insektenstich. Die Beisetzung fand am 16. Juli statt.

Am 17.7.1935 fand für die jungen Männer von Balve die erste Musterung seit 1918 in Sundern statt. Der Musikverein Balve holte die Gemusterten kurz vor Balve ab und geleitete sie mit Marschmusik zur Stadtmitte. Von dort aus verteilten sich die künftigen Soldaten auf die einzelnen Gasthöfe, um ihre Musterung zu feiern. Sicherlich ahnte niemand, welchen schrecklichen Sinn dieser Tag in Bälde für sie haben würde.

Am 18.7.1935 traf Weihbischof Augustinus Baumann zu seiner Firmungsreise in Balve ein. Die Straßen der Stadt waren mit Fahnen und Girlanden festlich geschmückt. Der offizielle Empfang fand am Abend in der Pfarrkirche statt. Zu Ehren des Bischofs hatte tags zuvor ein „schwindelfreier“ junger Mann eine gelbe Kirchenfahne oberhalb des Kreuzes auf dem Kirchturm angebracht. Dies sollte sicherlich ein Zeichen des Bekenntnisses und eine Demonstration der Volksmeinung sein.

Nach einem Zeitungsbericht vom 27.7.1935 hatte die Kreisbauernschaft einige Tage zuvor die Bauern gewarnt, weiter mit Juden Handel zu treiben. Gegebenenfalls würden die Bauern mit Repressalien zu rechnen haben, wobei an die Verweigerung von Zuschüssen gedacht war. (…)

Am Sonntag, dem 8. September 1935, führten die „Arnsberger Schlossspiele“ im Rahmen einer KdF-Veranstaltung (KdF=Kraft durch Freude) in der Balver Höhle das Spiel „Der 18. Oktober“ auf. Dieses „völkische“ Spiel, wie es im Aufruf der Hönnezeitung hieß, zeigte die Tragik der Soldaten, die als Deutsche in den Armeen Napoleons gegen ihr eigenes Vaterland kämpfen mussten. Bei dem Hinweis an die Balver, dass diese „Höhlenspiele“ ein voller Erfolg werden müssten, wiesen die Veranstalter darauf hin, dass Theodor Pröpper bereits in den zwanziger Jahren mit den Höhlenspielen große Erfolge gehabt hätte und es darum gehe, diese Tradition mit Erfolg fortzusetzen. Sicherlich wird Theodor Pröpper damals diese Zeilen nicht gern gelesen haben, da er jede Art von NS-Kultur völlig ablehnte. Im Übrigen wurden - im Gegensatz zur Ankündigung - im folgenden Jahr die Höhlenspiele nicht fortgesetzt.

Am 15.9.1935 wurden die „Nürnberger (Rassen-) Gesetze“ verkündet. Mit ihrer Verabschiedung verstärkte sich der Kampf der NS-Machthaber gegen die jüdischen Mitbürger. Durch „Verbote“ und „Gebote“ wurden die Juden endgültig als „Menschen zweiter Klasse“ eingestuft. Durch immer neue Erlasse wurde das Leben der jüdischen Mitbürger immer unerträglicher gemacht. (…)

Wie sehr bereits 1935 die NSDAP gegen kirchliche Vereine „Front machte“, zeigt die Tatsache dass ein aktives Mitglied des St. Josefs-Vereins Balve am 11.10.1935 von der Ortsgruppenleitung der NSDAP die Mitteilung erhielt, dass die Mitgliedschaft im St. Josefs-Verein eine Mitgliedschaft in der NSDAP ausschließe. Er sei daher seiner Funktionen in der Partei enthoben worden und dürfe keine Uniform ertragen. Falls er die Mitgliedschaft im St. Josefs-Verein nicht aufkündige, würde er aus der Partei ausgeschlossen. Der Gemaßregelte entschloss sich, Mitglied des St. Josefs-Vereins zu bleiben, und teilte dies dem Kassierer der NSDAP mit, wodurch sein Parteiausschluss rechtskräftig wurde.

Nach 30-jähriger Tätigkeit als Dirigent des Musikvereins Balve verzog Johann Mesters 1935 von Balve nach Unna, von dort aus später nach Ennigerloh. Für kurze Zeit übernahmen Fritz Strohdeicher II und Ewald Pütter kommissarisch das Amt des Dirigenten, bis Anfang 1936 Anton Werth zum Dirigenten ernannt wurde.

Die kirchenmusikalische Andacht am 24.11.1935 war ein großer Erfolg für Theodor Pröpper und den Kirchenchor. Sie stand unter dem Motto „König ist Christus unser Gott“. Theodor Pröpper spielte Werke von J. S. Bach, Max Reger und S. Karg-Elert. Der Kirchenchor sang die schwierige Motette „Christus lebt“ von Theodor Pröpper, wobei er sich, wie die Hönnezeitung schrieb, selbst übertraf.

Am Sonntag, dem 8.12.1935, fand eine öffentliche Veranstaltung der NSDAP im Kohneschen Saale statt. Es sprachen Gauinspektor Dr. Teipel und Kreisschulrat Eickelmann über das Thema „Volk, Religion, Nation“, wobei sie die bekannten NS-Thesen verbreiteten, die bei dem Publikum wenig Anklang fanden. (…)

Im Übrigen wurden seit 1935 die Tätigkeiten der kirchlichen Vereine durch entsprechende Anordnung und Erlasse staatlicherseits erheblich eingeschränkt. Die kirchlichen Vereine durften nur noch rein religiöse Tätigkeiten - und zwar nur in kirchlichen Räumen - ausüben. Seit dieser Zeit fehlt auch jede Berichterstattung über Veranstaltungen kirchlicher Vereine in der Presse. Zuletzt hatte die Hönnezeitung über die große Wallfahrt der Kolpingsfamilie nach Köln zum Grabe Adolf Kolpings berichtet, die am Himmelfahrtstag 1935 stattfand und an der 70 Mitglieder aus Balve teilgenommen hatten. Die Theaterarbeit des St. Josefs-Vereins konnte nun auch nicht mehr fortgesetzt werden. Zum letzten Male hatten die Spieler der Theaterabteilung des St. Josefs-Vereins Anfang Januar 1935 mit der Aufführung des „Goldbauern“ die Bühne betreten und mit dieser Aufführung einen großen Erfolg erlebt.

Im Dezember 1935 und Anfang Januar 1936 hielt der Tod reiche Ernte. (…)