Zum Jahresbeginn, Punkt 0:00 Uhr Mitternacht, wurde die alljährlich das „Neue Jahr“ gesungen. Eine Gruppe junger Männer (St. Josefs-Verein) ging von der Kirche aus durch die Straßen der Stadt, um mit den bekannten Neujahrsliedern den Bürgern eine Freude zu bereiten. In ihrem Bericht wies die Hönnezeitung darauf hin, dass früher zwei Nachtwächter diese Aufgabe wahrgenommen hätten.

Bemerkenswert und daher auch in diesem Buch erwähnenswert ist die Tatsache, dass in den dreißiger Jahren fünf Balver, davon drei aus einer Familie, zum Dr. med. promovierten: Karin Allhoff(1932), Ernst Allhoff (1935), Heinrich Allhoff (1937), Paul Grüning (1937) und Engelbert Stüecken (1943). (…)

Die Monate März und April 1938 standen auch in Balve unter dem Eindruck des Einmarsches der deutschen Truppen in Österreich. Der sogenannte Anschluss Österreichs an das Reich und der Tag des „Großdeutschen Reiches“ wurden mit Fackelzügen, Aufmärschen und Musik gefeiert. Diese Ereignisse ließen wegen ihrer Zwiespältigkeit auch bei vielen Balver Bürgern keine sonderliche Freude aufkommen. (…)

Am 19.3.1938 veranstaltete die NSDAP eine weitere „Aufklärungsversammlung“. Es sprach der Kreisleiter Dr. Teipel über „weltanschauliche Fragen“, wobei er vor allem gegen den „politischen Konfessionalismus“ und den bekannten Jesuitenpater Dr. Muckermann zu Felde zog (Pater Friedrich Muckermann SJ und sein Bruder Hermann Muckermann SJ (später Weltgeistlicher) waren beide entschiedene Gegner des Nationalsozialismus. Pater Hermann Muckermann bekämpfte vor allem die nationalsozialistische Rassenpolitik).

Am 10.4.1938 fand wiederum eine „Reichstagswahl“ statt, bei der nur mit Ja oder Nein abgestimmt werden konnte. Das Balver Ergebnis: 1149 Ja, elf Nein-Stimmen und sieben ungültige Stimmen spricht für sich. Es beweist erneut, dass das Stimmergebnis im Grunde genommen bereits vorher feststand. (…)

Am 20.5.1938 berichtete die Hönnezeitung über eine Sitzung des Verkehrsvereins, wonach 1938 in Balve 1609 Gäste mit 10.019 Übernachtungen, 1936 hingegen 2232 Gäste mit 10.120 Übernachtungen weilten; hierin waren die Tagesgäste (Sonderzüge) und die Erholungsgäste im Krankenhaus nicht enthalten.

Am 1.6.1938 veröffentlichte die örtliche Presse den Inhalt des Reichsflaggengesetzes, wonach die Bürger - auch bei kirchlichen Feiern - die Reichs-und Nationalflagge hissen mussten. Auch Kirchenfahnen und Girlanden durften nicht mehr auf privaten Grundstücken gezeigt werden. Lediglich auf kirchlichen Grundstücken war es weiterhin gestattet, Kirchenfahnen zu zeigen.

Am 19.6.1938 fand die von Leichnamsprozession unter großer Beteiligung um den Husenberg statt. Um die Kirche herum standen über 100 Kirchenfahnen. Dies war sicher auch eine Reaktion auf das sogenannte Reichsflaggengesetz. Die Privatleute verzichteten auf Fahnen, errichteten dafür in größerem Umfang als bisher Altärchen vor ihren Häusern. (…)

Am 26.6.1938 war die Mitsommerprozession. Sie nahm den gleichen Weg wie die Fronleichnamsprozession. Die Fronleichnams- und die Mitsommerprozession erfreuten sich einer überaus großen Teilnahme der Gläubigen. Der Musikverein gab den Prozessionen einen würdigen musikalischen Rahmen. Der Kirchenchor sang an den einzelnen Stationen. (…)

Am 13.7.1938 berichtete die Balver Presse über einen Beschluss des Musikvereins Balve, seine Tätigkeit aus „finanziellen Gründen“ einstellen zu wollen: „Alle Veranstaltungen werden ehrenamtlich, d.h. ohne Bezahlung wahrgenommen; die Spieler müssen die Kosten für ihre Instrumente selbst tragen.“

Zum Schützenfest in Balve vom 16. bis 18.7.1938 spielte das Musikkorps des Schützenregiments 4 aus Iserlohn. Der Schützenverein hielt - trotz Gleichschaltung  - an seiner alten Tradition, am Montagmorgen einen Schützengottesdienst abzuhalten, fest. (…)

Im September 1938 (15.09 und 20.09) kam zweimal der „Gläserne Zug“, einmal aus Duisburg bis Sanssouci, einmal aus Köln bis Binolen ins Hönnetal.

Am 29.9.1938 fand in München ein Treffen zwischen dem französischen Ministerpräsidenten Daladier, dem britischen Premierminister Chamberlain, den deutschen Reichskanzler Hitler und dem italienischen Ministerpräsidenten Mussolini statt es wurde an diesem Tag das sogenannte »Münchner Abkommen« unterzeichnet, wonach das »Sudetenland« an Deutschland fiel. Wieder konnte Hitler einen außenpolitischen Erfolg erzielen, ohne dass die westliche Welt ihm Widerstand leistete. Chamberlain kehrte nach England zurück und verkündete dem britischen Volk: »wir haben den Frieden gerettet! Am 1. Oktober 1038 marschierte die deutsche Wehrmacht im Sudetenland ein.

Zum Erntedankfest in Balve am 2.10.1938 war um 6:00 Uhr Wecken durch den Musikverein Balve, elf bis 12:00 Uhr Platzkonzert, ab 15:00 Uhr Festzug, später Tanz bei Kohne. Es spielte wieder der Musikverein Balve: Der Auflösung Beschluss schien überholt zu sein. Wer weiß, ob nicht auch andere als finanzielle Gründe eine entscheidende Rolle gespielt haben. Aber das Leben ging weiter.

Am 2.11.1938 berichtete die Zeitung, dass der nach Kanada verzogene frühere Balver Bürger Schulz (Krummpaul) dem Balver Heimatmuseum einen 6 kg schweren Mammutzahn geschenkt habe.

In der berüchtigten „Reichskristallnacht“ (9.11.1938) blieb die Wohnung des Balver jüdischen Mitbürgers David Bondy unbeschädigt, da die Balver SA-Männer sich geweigert hatten, ihrem eigenen Mitbürger dieses Leid anzutun. Einige Tage später - wahrscheinlich am 11.11.1938 - kamen zwei auswärtige SA-Männer, die das schändliche Werk der Zerstörung fremden Eigentums und der Schmähung eines Menschenbruders durchführten. Einige Dutzend Balver Bürger waren zusammengeeilt, konnten aber nur zähneknirschend zusehen, wie die braunen Schläger „ihr Werk vollbrachten“. Als Vikar Drilling erbost „Unerhört!“ dazwischen rief, gab ihm einer der SA-Männer zur Antwort: „Warte nur, bald bist du auch dran!“ Heinrich Falke, der mit Engelbert Gercken, Theodor Berken, Vikar Drilling und anderen zum Zeugen diese Ereignisse wurde, erinnert sich, dass unser Mitbürger David Bondy, nur mit Hemd und Hose bekleidet, von einem Polizeibeamten „mehr zu seinem Schutz“ abgeführt wurde. Auf dem Amt soll er von Amtsinspektor Wiesemann erst einmal eine warme Jacke erhalten haben. Auch Amtsbürgermeister Romberg, so berichtete David Bondy am nächsten Tag, soll ihn „korrekt“ behandelt haben.

Am 20.11.1938 verstarb 78-jährig Theodor Berken sen. Krieger- und Musikverein gaben ihm am 24. November das letzte Geleit.

Am 5.12.1938 sprach auf einer NS-Versammlung der Gauredner Dr. Collin über das Thema „Juda - Pest der Welt!“ An dieses Referat werden sich viele ehemalige Versammlungsteilnehmer nicht gerne erinnern.

Im Herbst 1938 übernahm Josef Mertens, Kormke, als Nachfolger von Heinrich Falke den Vorsitz im St. Josephs-Verein. Er hatte wie sein Vorgänger oft Schwierigkeiten und wurde mehrfach vom Amtschef oder von der Gestapo verhört. Unter anderem war verboten, im Josefsverein „weltliche Lieder“ zu singen oder „weltliche Spiele“ zu veranstalten. Der Verfasser erinnert sich, dass der Vorsitzende des Josefsvereins einmal sich eine Rüge des Amtschefs zuzog, weil nach einem religiösen Heimabend „Schinkenklopfen“ (eine „weltliche Veranstaltung“) stattgefunden habe.

Am Silvesterabend 1938 feierte der SGV sein Familienfest. Hauptlehrer Josef Röhren erhielt für 40-jährige Mitgliedschaft die goldene, Theodor Hörster für 25-jährige Mitgliedschaft die silberne Ehrennadel. Nach dem offiziellen Teil blieb man noch einige Stunden bei Musik und Tanz zusammen. Um Punkt 12:00 Uhr Mitternacht sprach man sich gegenseitig die besten Neujahrswünsche aus und sang gemeinsam „Wir wünschen euch, euch wünschen wir ein glückseliges neues Jahr“. Zum Selbstkostenpreis von Reichsmark 0,20 wurden Balver Brezel angeboten, die als ein gutes Omen für das neue Jahr angesehen wurden. Es wurden 75 Brezel verkauft.