Ende Januar 1944 wurden auf Betreiben der Staatspartei die Kreuze aus den Schulen entfernt. Lehrer Hans Hölling, der als Nachfolger von Hauptlehrer Josef Röhren am 25.1.1944 nach Balve kam und auch das vakante Amt des NS-Propagandaleiters übernahm, ließ sich bereitwillig als Werkzeug der Machthaber gebrauchen. Gegen diese Maßnahme gab es in der Bevölkerung einen so starken Widerspruch, dass seitens des Katholischen Frauenbundes eine öffentliche Protestaktion gestartet werden sollte. Dieser Protest unterblieb jedoch, da bereits im Stadium der Vorbereitung Repressalien der Behörden angedroht worden waren. Dennoch ist dieser Versuch erwähnenswert, zumal er deutlich die Haltung vieler Balver Katholiken markierte. Ist es nicht bemerkenswert, dass es Frauen waren, die diese Protestaktion durchführen wollten? Nach einer anderen Version sollen Kinder - ohne Wissen ihrer Mütter - zu dieser Protestdemonstration eingeladen haben. Sie sollen die besorgten Gespräche ihrer Mütter über das Vorgehen der Nazis gehört und daraus entnommen haben, dass eine Protestdemonstration geplant sei. Im Übrigen untersagte Lehrer Hölling auch das tägliche Schulgebet. Es wurde überliefert, dass in den meisten Klassen jedoch weiter gebetet wurde, da nicht alle Lehrer sich dem Befehl des Schulleiters unterwarfen. Sein Vorgänger, Hauptlehrer Josef Röhren, hatte die entsprechenden Anordnung der Schulbehörde (Entfernung der Kreuze aus den Schulen und Abschaffung des Schulgebietes) nicht befolgt, was ihm zur Ehre nachgesagt werden muss. Er ging im Herbst 1943 in Pension.

Am 24.4.1944 wurde Pater Kilian Kirchhoff OFM in Berlin-Plötzensee hingerichtet (siehe auch P. Bürger 2014). Er war von einer Frau denunziert und vom »Volksgerichtshof« wegen »staatsfeindlicher Tätigkeit« zum Tode verurteilt worden. Einige Tage nach dem 24.4.1944 wurde in Balve eine Seelenmesse für ihn gelesen, ohne dass der Name des Toten aus begreiflichen Gründen genannt werden konnte. Nur einige Eingeweihte wussten um den Namen des Verstorbenen. Pater Kilian Kirchhoff, gebürtiger Rönkhauser, hatte in Balve viele Freunde. Bis kurz vor seiner Verhaftung war er in Küntrop als Seelsorger tätig gewesen. (Fußnote des Verfassers: In den sechziger Jahren wurde die »Straße am Schaar« in »Pater-Kilian-Straße« umbenannt, um den Märtyrer aus dem benachbarten Rönkhausen, der in Balve viele Freunde hatte, zu ehren). (…)

Im Rahmen dieses Buches verdient ein Vorgang erwähnt zu werden, der nicht überall im damaligen »Dritten Reich« den gleichen Ausgang genommen hätte. Nach dem 20. Juli 1944, dem missglückten Attentat auf Hitler, hatte eine Balver Frau einer Nachbarin gegenüber geäußert: »Schade, dass dieser Hitler nicht umgekommen ist. Sonst wäre der Krieg sicher bald vorbei!« Die Frau wurde angezeigt und vom damaligen Chef der Amtsverwaltung verhört. Beeinflussend stellte Amtschef Romberg die Frage: »Sie haben diese Äußerung, dessen bin ich mir sicher, doch nicht getan?« Mit diesem Verhör war der Vorfall erledigt. Es erging keine Meldung an die Gestapo. Im Übrigen hatten sich einflussreiche Bürger in die Angelegenheit zugunsten der denunzierten Frau eingeschaltet.

Am 17.10.1944 verstarb Vikar Konrad Drilling infolge eines Unglücksfalles (er war bei der Obsternte im Garten des Pastorat aus einem Birnbaum gefallen). Er wurde unter großer Beteiligung seiner Amtsbrüder und Pfarrkinder beigesetzt. Vikar Drilling hatte sich als Jugendseelsorger und durch seinen Mut im Kampf gegen die NS-Ideologie besonders ausgezeichnet und war deswegen häufig von der Gestapo verhört worden. Zeitzeugen wollen wissen, dass in den Tagen seines Ablebens eine Verhaftung kurz bevor stand. (…)

Während der Kriegsjahre waren viele Gefangene (Franzosen, Russen) und Zwangsarbeiter, vor allem Polen, in Balve und Umgebung in Lagern untergebracht. Es muss für die Nachwelt festgehalten werden, dass die Balver Bevölkerung - darunter auch viele eingetragene Parteigenossen - diesen Gefangenen und Zwangsarbeitern gegenüber ein gutes Verhältnis hatte. Trotz des strengen Verbotes wurden den Gefangenen und Zwangsarbeitern immer wieder Lebensmittel zugesteckt. Dieses Verhalten zeigte, dass die »Umerziehung« der NS-Partei in Balve ihr Ziel nicht erreicht hatte. Die Menschen waren »Menschen« geblieben. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass es auch unter den Amtsträgern der Partei und ihrer Gliederungen manchen gegeben hat, der selbst oder dessen Ehefrau und Kinder Gefangene und Zwangsarbeiter mit Lebensmitteln unterstützt haben. Es ist überliefert, dass ein Beamter der Amtsverwaltung auf seinem täglichen Weg zum Dienst sein Frühstücksbrot an einer bestimmten Stelle niederlegte, wo es von Gefangenen bzw. Deportierten abgeholt wurde.

(Anmerkung: Dieser Beitrag wurde zwischen 1984 und 1986 geschrieben. J. Lenze nimmt keinen Bezug auf Berichte über die geheime Rüstungsverlagerung im Hönnetal (Schwalbe 1). Ob er sie nicht für erwähnenswert hielt, oder bewusst ignorierte, lässt sich aus heutiger Sicht nicht beurteilen. Das Buch von H. Polenz „Zur Geschichte des Amtes und der Stadt Balve“ von 1980, mit seinen Ausführungen im Kapitel „Zwei Weltkriege und ein neuer Anfang“ war ihm selbstverständlich bekannt; auf Seite 104 nimmt er darauf Bezug).