Am Kardienstag, dem 27.3.1945, wurde der Geburtsjahrsgang 1930/31 aus der Schule entlassen. Schulleiter Hans Hölling verabschiedete seine Schülerinnen und Schüler »auf dem Küppelken« unter der Hakenkreuzfahne mit einem Gruß an den »Führer« und NS-Sprüchen für das weitere Leben. Eine gespenstische Szene, wenn man bedenkt, dass kaum vier Wochen später Hitler bereits Selbstmord beging, und wenn man den Tatbestand, dass die amerikanischen Truppen sich auf das Sieger-/ Sauerland zu bewegten, in Rechnung stellt. Im Übrigen hatte Lehrer Hölling bereits im Januar/Februar 1944 nach seinem Eintreffen im Balve nicht nur die Kreuze aus der Schule entfernen lassen, sondern auch das tägliche Schulgebiet untersagt. Die meisten Lehrer und Lehrerinnen haben sich allerdings nicht daran gehalten. Einige Schülerinnen erinnern sich, dass vor dem Unterricht weiter gebetet wurde. Lehrer Hölling war also nicht nur 150-prozentiger, sondern zusätzlich ein realitätsblinder Fanatiker. Er soll von den amerikanischen Soldaten verhaftet und auf dem Kühler eines Kübelwagens abtransportiert worden sein.

Am 1.4.1945 feierten auch in Balve die Christen Ostern, das Fest der Auferstehung des Herrn und einer neuen Hoffnung für den Menschen. Am Weißen Sonntag, am 8.4.1945 - vier Tage vor dem Einrücken der amerikanischen Kampftruppen - gingen auch in Balve die »Erstkommunion-Kinder« zum Tisch des Herrn. Durch alle Wirren der Zeiten hinweg war und ist das Kirchenjahr ein immer währender und immer wiederkehrender Kreislauf der Gnaden Gottes und der Hoffnungen der Menschen.

Aus den Festen des Glaubens schöpften auch in jenen Tagen die Christen ihre Kraft, durchzuhalten und auf bessere Zeiten zu hoffen. Das »Jahr der Kirche« gab dazu immer wieder seine »Orientierungspunkte«.

Positiv muss für die Nachwelt festgehalten werden, dass es von 1933-1945 in Balve nur eine kleine Anzahl von Kirchenaustritten gegeben hat. Auch unter der sogenannten »Führungsschicht« der NSDAP bestand hierzu unter alten Balvern wenig Neigung. Dies beweist, dass die »NS-Weltanschauung« wie sie sich in Rosenbergs Schriften »Der Mythos des 20. Jahrhundert« und »An die Dunkelmänner unserer Zeit« und in den einschlägigen Artikeln des »Schulungsbriefes« dokumentierte, nur von einigen wenigen »geglaubt« wurde. Die seinerzeit »Ausgetretenen« soll nach dem Kriege alle wieder »zur Kirche zurückgefunden« haben.

Am 12.4.1945 forderten die amerikanischen Truppen ferner alle Soldaten und »wehrfähigen Männer« auf, sich bei der Kirche einzufinden, was auch sehr viele taten. Sie wurden gefangen genommen und nach Rheinberg abtransportiert. Die älteren von ihnen kehrten nach einigen Monaten aus der Gefangenschaft zurück. Diejenigen, die sich nicht meldeten und eine Zeit lang »verbargen«, entgingen der Gefangennahme und konnten nach einigen Wochen wieder »auftauchen«. Im Übrigen »requirierten« die amerikanischen Truppen beim Einmarsch bzw. in den nächsten Tagen nach dem Einrücken manches Balver Haus ganz oder teilweise. Man musste zusammenrücken oder in Nachbarhäuser »umziehen«.

Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 12.4.1945 wich allmählich die Furcht vor der Gestapo. Dafür kehrten Angst und Furcht vor den neuen Herren ein, die sich jedoch, wenn man einmal von einigen schwereren Übergriffen einzelner Soldaten (einzelne Vergewaltigungen und »Diebstähle« nach Soldateska-Art) in den ersten Wochen absieht, bald als unbegründet erwiesen. Dass ein Balver Bürger durch das Vortragen der »weißen Fahne« als Zeichen der Übergabe die Stadt vor einem weiteren Beschuss durch die Amerikaner bewahrt hat, ist zwar durch persönliche Aufzeichnungen bzw. Äußerungen bekannt geworden, kann aber nicht aktenmäßig belegt werden, wenngleich falls es zutrifft, demjenigen heute noch seine mutige Tat Dank gebührt.

Im Rahmen dieses Buches kann es nicht meine Aufgabe sein, die turbulenten Ereignisse des »Überganges« von der Herrschaft des »Dritten Reiches« in die »Besatzungszeit« zu schildern. Im Übrigen ist hierüber im »zweiten Balver Buch von 1980« (Polenz: Die Geschichte des Amtes und der Stadt Balve) eingehend berichtet worden.

Drei Ereignisse möchte ich jedoch kurz anreißen: Am 12.4.1945 wurde Fähnrich Hermann Schulte-Vennbur, Pilot der deutschen Luftwaffe, von den amerikanischen Kampftruppen gezwungen, sein eigenes Grab zu schaufeln. Er musste »im Grab Maß nehmen«. Vor seinen Augen wurde seine Erkennungsmarke zerbrochen. Hermann Schulte-Vennbur führt heute das Verhalten der amerikanischen Kampftruppen auf die Tatsache zurück, dass er damals nicht bereit war, über die »Angaben zur Person« hinaus weitere Aussagen zu machen, was er selbst heute nicht mehr begreifen kann. Der vernehmende amerikanische Offizier sprach übrigens akzentfrei Deutsch. Wie eine Augenzeugin berichtet, wurde er nach dieser grausigen Prozedur - man ließ von einer Erschießung ab - auf einen Militärlastwagen verfrachtet. Er kam nach Rheinberg in Gefangenschaft.

Ein anderer deutscher Soldat, ein gewisser Max Huber aus dem Raum Württemberg, musste an der Kirchenmauer sich aufstellen. Auch ihm wurde die Erschließung angekündigt. Durch eine wundersame Fügung – die Einzelheiten sind mir leider nicht bekannt - wurde auch in diesem Fall die Exekution nicht vorgenommen. Max Huber besuchte im Frühjahr 1985 - 40 Jahre später – Balve, um Pfarrer Ludwig Kinkel eine große Kerze aus Dankbarkeit für seine »wundersame Errettung« zu schenken.

Ein dritter Fall, diesmal auf deutscher Seite, ereignete sich am 11.4.1945 in Langenholthausen. Der deutsche Unteroffizier Jakob Adams IV. Feldj. Reg. mot. 1 wurde wegen »defaitistischer Äußerungen« (er hatte am Abend vorher in einem Gasthof erklärt, dass der Krieg verloren und alles aus sei. Er habe nicht mehr vor, weiter mitzumachen) am Abend des 11.4.1945 um 8:30 Uhr erschossen. Ein Standgericht hatte ihn wegen dieser Äußerungen zum Tode verurteilt. Der deutsche Unteroffizier wurde somit ein Opfer des Wahnsinns »kurz vor Toresschluss«. Seine Angehörigen haben einige Monate später seine Leiche auf dem Friedhof in Langenholthausen exhumieren und nach Aachen überführen lassen. Aus den Aufzeichnungen von Vikar Vogt, der dem Verurteilten geistlichen Beistand leisten durfte, geht hervor, dass Jakob Adams kurz vor seinem Tode ausrief: »Es lebe meine Frau, es lebe mein Rheinland!« Das Erschießungskommando hat Uffz. Adams im Übrigen an der Hinrichtungsstätte auf dem Kasberg »vergraben«. Er wurde von den Bürgern von Langenholthausen am 8.5.1945 auf dem Friedhof beigesetzt.

Amts Bürgermeister Anton Romberg wurde in diesen Tagen seines Amtes enthoben und mit anderen Balver Bürgern im Sennelager interniert. Die »Auswahl« der Internierten - sie sollen sich zum Teil freiwillig gestellt haben - war im Falle Balve sicherlich ein »Meisterstück« der Militärbehörde. Außer Anton Romberg wurden Balver Bürger interniert, die sicherlich weder ein Balver noch ein Vertreter der Militärbehörde nach gewissenhafter Prüfung in die Kategorie der »Belasteten« hätte einstufen können.

Am 30. April 1945 verkündete der »Deutsche Rundfunk«, dass der »Führer und Reichskanzler und oberste Befehlshaber der deutschen Wehrmacht«, Adolf Hitler, im Kampf um Berlin in vorderster Front gefallen sei. Auch in Balve wird manch einer diese Nachricht gehört haben, ohne den Inhalt ganz zu glauben, wenngleich Hitler es immer wieder versprochen hatte, falls Deutschland den Krieg verlieren würde, »mit seinen Soldaten an der Front kämpfen und fallen zu wollen«. Generaladmiral Dönitz wurde »Deutsches Staatsoberhaupt« und »regierte« noch bis zum 23.5.1945. Dann wurde auch er von den Alliierten verhaftet.

Am 8. Mai 1945 unterzeichneten die Alliierten und die Vertreter der deutschen Wehrmacht die »bedingungslose Kapitulation« der deutschen Streitkräfte. Die Alliierten übernahmen in Deutschland die Regierungsgewalt.

In den ersten Nachkriegsjahren ist der Musikverein nur »inoffiziell« tätig gewesen. Sein Spielen »mit kleiner Besetzung« beschränkte sich auf die Teilnahme an den jährlichen Prozessionen. Es dauerte ein bis zwei Jahre, bis Theodor Ruschepaul mit einigen Getreuen den Mut fasste, den Musikverein neu aufzubauen. Hierüber mehr im vierten Abschnitt unserer Geschichte: »In der neuen Freiheit«.