Hexenverbrennungen um 1630-1666

Für ein düsteres Kapitel in der Balver Geschichte wurde ein sichtbares Zeichen gesetzt

In: Sauerland 09/2006, p. 146 ff

Von Werner Ahrens 

Am 9. August 2006, urn 19 Uhr, lautet die größte Glocke vom Turm der St.-Blasius-Pfarrkirche zu einem Gang auf den Balver Galgenberg. Still und nachdenklich gedenken etwa 150 Bürgerinnen und Bürger dem traurigsten Ereignis in der Geschichte der Stadt Balve. Wir stehen am selben Platz, vor dem ehem. Rathaus, auf dem 1666, vor 340 Jahren, die beiden letzten Angeklagten fassungslos ihr Todesurteil hören. Es ist üblich, dass nach den peinlichen Verhören hier die Urteile durch den Richter (Kaspar Reinhard, Werl) - den Hexen und der Balver Bevölkerung verkündet werden. Die Verurteilten werden gleich auf einem Karren zur Richtstätte auf den Galgenberg gefahren, enthauptet oder gehängt und verbrannt.   

Eine schreckliche Zeit - alleine im Jahr 1628, von August bis Dezember, werden ca. 80 Frauen und Männer des Balver Landes hingerichtet. So steht es in dem alten Buch von F. A. Höynck in: „Die Geschichte der Pfarreien des Dekanates Arnsberg". 

Gegen das Vergessen und das völlige Auslöschen dieser grauenvollen Vergangenheit hat die Heimwacht Balve e.V. ein Zeichen, „einen Pfahl" in die Landschaft gesetzt, für die Stadt und für das gesamte Sauerland, so der Vorsitzende Werner Ahrens. Bürgermeister Hubertus Mühling sagt in seiner Ansprache u.a.: „Leider erleben wir auch in unserer Zeit, dass nicht nur das jeweilige politische und herrschaftliche System solch einen Wahn hervorbringt, sondern auch wir in unserem gesellschaftlichen Umfeld. Hervorgerufen durch gegenseitiges Misstrauen, durch fehlende Zivilcourage und Denunziantentum. Diese Erkenntnis sollte uns in der Gegenwart lehren, es nicht wieder zu Verfolgungen von Andersdenkenden kommen zu lassen. Wir müssen uns als offene Gesellschaft zeigen und sie auch leben." 

Danach gehen alle gemeinsam den historischen Weg. Es fängt an zu regnen, und so entsteht eine eigene Stimmung. Auf dem Weg zur Richtstätte schlägt die Trommel einen Trauermarsch, unterbrochen von den Urteilen des Jahres 1628, die von verschiedenen Bürgern verlesen werden. Wir sind alltäglich gekleidet - so, wie sie sicher auch früher waren - dem traurigen Zug neugierig folgend. Der Weg führt durch einen alten Bauernhof. Über eine Wiese mit aufgeschreckten Schafen gehen wir den ehemaligen „Garbecker Kirchweg" und erreichen die Anhöhe zum Galgenberg. Wir haben das heute noch baumlose Plateau erreicht.

Früher standen hier weithin keine Bäume. Das umliegende Land soll zur Abschreckung die Hinrichtung sehen und verfolgen können. Gerade die brennenden Scheiterhaufen sind von hier oben weithin sichtbar. Es wird schon dämmrig, der Trommler schlägt noch einmal den Trauermarsch. Wir stehen vor der 2,50 m hohen Betonstele. Tief eingegossen lesen wir den Text: „HIER STARBEN DURCH SCHWERT, FEUER UND GALGEN CA. 300 FRAUEN UND MANNER AUS DEM BALVER LAND IM HEXENWAHN IM 16. BIS 17. JAHRHUNDERT" Pfarrer Dr. Reinhard Richter spricht ehrliche Worte zur Geschichte: „...Wir müssen die Dinge beim Namen nennen und aufzeigen, damit sich so etwas nicht wiederholt. Kirche und Staat hatten damals in enger Verknüpfung ein unseliges und unheiliges Miteinander, ... Schuld haben beide auf sich geladen" „Wie viele haben hier in letzter Not das ,Vater unser', zum Himmel geschrien?" Dann segnet er die Stele. Gemeinsam beten alle ein „Vater unser" und „Gegrüßet seist du Maria". 

Das Bild zeigt den Umschlag der 16-seitigen Schrift, die zu diesem Anlass gedruckt wurde. Herr Albin Köck, der Senior im Vorstand der Heimwacht, vor wenigen Tagen 80 Jahre geworden und der plattdeutschen Sprache mächtig, die er leidenschaftlich pflegt, liest das Gedicht von Josef Pütter „Wachtlauh-Räusen". Es beschreibt den Tod der Frau des Bürgermeisters, die man am 5. Oktober 1628 köpft, aber nicht verbrennt, sondern unter einem Rosenstrauch beerdigt. Danach singt Herr Günter Brücker das Lied „In stiller Nacht" von Friedrich Spee (1591-1635). Es ist still geworden. Brückers hervorragende Stimme und seine meisterhafte Interpretation gibt dem Abend einen würdigen Abschluss. Der Vorsitzende Werner Ahrens dankt noch einmal allen, die diesen Abend ermöglicht und mitgestaltet haben, auch der Stadt Balve, die die Fläche zur Errichtung der Stele freigegeben hat. Nachdenklich gehen alle Teilnehmer den Weg nach Hause, mit dem Gedanken „Goatt help - säu faste ärre Balve".