Wachtloh Räusen

WACHTLÄUH-RÄUSEN (1930) 

Op diäm Galgenbiärge löchtern
blaurigräut de Häxenbriänne,
un iähr Schwählen welt’re duister
sik dür’t Land – bit an de Liänne.

                    Wachtloh-Rosen            

Auf dem Galgenberg leuchten
blutigrot die Hexenbrände,
und ihr Schwelen wälzte dunkel
sich durchs Land – bis an die Lenne.

Biu en diusendköpp’gen Drachen
kraller’t daip sik in de Heärten;
kräup un släik dür alle Dähler,
sochte jedet Duarp te friätten.

Wie ein tausendköpfiger Drache
krallt es tief sich in die Herzen,
kroch und schlich durch alle Täler,
suchte jedes Dorf zu fressen.

Boise Teyh’n! – De Luie glöfften
all’ an Häxen, unnersöchten,
dai se alltemole rächtens
gnadenläus verbrännen möchten.

Böse Zeit! – Die Leute glaubten
all' an Hexen, untersuchten, 
die sie allzumale rechtens
gnadenlos verbrennen wollten.

Düär de Döärper trock de Fräuhn-Vogt,
laggt’ Verdächtige in Eysen,
un van awegünst’gen Tungen
lait hai sik dai Sliemen weysen.

Durch die Dörfer zog der Frohn-Vogt,
legt' Verdächtige in Eisen,
und von missgünst’gen Zungen
ließ er sich die Schlimmen zeigen.

Niu – te Balwe in deäm Tauern
saten se in Naut un Schmachten;
in deän ollen, kollen Muiern
mochten op’t Gericht se wachten.

Nun – zu Balve in dem Turme
saßen sie in Not und Schmachten;
in den alten, kalten Mauern
mussten auf’s Gericht sie warten.

Wollen se nit foots bekennen,
halp de Schriuwe, halp de Tange;
un de mäisten biewernd saggten,
wat me woll – se wören bange.

Wollten sie nicht gleich bekennen,
half die Schraube, half die Zange;
und die meisten zitternd sagten,
was man wollt'. Sie waren bange.

Anneken, deäm Bürgermester
seyne junge, guere Frugge,
Hör dat Stoihnen, Schriggen, Greynen,
Un et lait iähr kaine Rugge.

Anneken, des Bürgermeisters
junge, gute Ehegattin,
hört das Stöhnen, Schreien, Weinen,
und es ließ ihr keine Ruhe.

Häimlick bracht’ se in diän Tauern
Iätten, Drinken, wäiket Linnen,
Duast un Hunger do te stillen,
Folterwunnen te verbinnen.

Heimlich brachte sie zum Turm
Essen, Trinken, weißes Leinen,
Durst und Hunger da zu stillen,
Folterwunden zu verbinden.

Hör! – Do puspelern de Luie:
„Keykt mol! – Düese feyne Tünte
is – bey Goatt – de sliemste Häxe
in diär ganzen Kiärspel-Rünte!“

Hör! – Da flüsterten die Leute:
„Guckt mal! – Dieses feine Dämchen 
ist – bei Gott – die schlimmste Hexe
in der ganzen Kirchspiel-Runde!“

Un bo dann de Bürgermester
mocht no Köln un Arnsbiärg reyhen,
laggte me dai Gure, Laiwe
fix in Eysen un in Keyhen,

Und als dann der Bürgermeister
musst nach Köln und Arnsberg reiten,
legte man die Gute, Liebe
schnell in Eisen und in Ketten,

Spann’re se op Bank un Folter,
denn se woll jo nit bekennen;
hor de Tuigen – saggt’ dat Urdäil,
un dann soll se footens brännen.

Spannte sie auf Bank und Folter,
denn sie wollt ja nicht bekennen;
hört die Zeugen – sprach das Urteil
und dann sollt sofort sie brennen.

Op ner ollen Holperkaren
häuk se, still, im Hochteydskläide;
un dat Armesünder-Klöcksken
bitter gräin tau all diäm Läide.

Auf ’ner alten Holperkarre
hockt sie, still, im Hochzeitskleide;
und das Arme-Sünder-Glöckchen
bitter weint zu all dem Leide.

Trock dann met diär Iärmsten, hoihnend,
ropper no diär Galgen-Höchten;
brak diän Stecken – un de Henker
iähren stolten Rüggen böchten.

Zog dann mit der Ärmsten, höhnend,
hoch hinauf zur Galgen-Höhe;
brach den Richtstab – und die Henker
ihren stolzen Rücken beugten.

Griusig sius’re dann dai Richtstohl
dür diän stracken Fruggennacken.
„Goatt sey iährer Säile gnädig!“
hor me falsk de Luie lachen.

Grausig sauste dann der Richtstahl
durch den geraden Frauennacken.
„Gott sei ihrer Seele gnädig!“
hörte man falsch die Leute lachen.

Bo dai Schinder niu de Leyke
wollen op diän Holtstäut brengen,
do kam äuk de Bürgermeister
galoppäiernd an te sprengen.

Als die Schinder nun die Leiche
auf den Holzstoß bringen wollten,
da kam auch der Bürgermeister
galoppierend angeritten.

Vuller Grimm gräip hai no’m Richtschwert,
dräif dai Dullen fut – im Harme –
buchte sik dann still in Trönen,
nahm dai Däue in de Arme.

Voller Wut griff er zum Richtschwert,
trieb die Tollen fort – im Schmerze –
beugte sich dann still in Tränen,
nahm die Tote in die Arme.

Mek drop füar seyn guere Annken
in diäm Wachtläuh-Biärg ohn’ Pausen
daip en Graw, un deck’re sachte
seyne Laiw’ op wille Räusen.

Macht drauf für sein gutes Annken
in dem Wachtloh-Berg ohn’ Pausen
tief ein Grab, und deckte sachte 
seine Lieb’ auf wilde Rosen.

Schlaig en Kruisse noch un genk dann
in de Früemde – ungebunnen.
Kainer wusste, bo hai bliewen,
nümmes hiät ne weyerfunnen.

Schlug ein Kreuze noch und ging dann
in die Fremde – ungebunden.
Keiner wusst, wo er geblieben,
niemand hat ihn wiederfunden.

Doch – no langen, langen Johren
kam en Poter, steyf, gebrestet,
wittbörtig, am Stabelstocke;
dai hiät siek am Grawe restet.

Doch – nach langen, langen Jahren
kam ein Pater, steif, gebeugt,
weißbärtig, am Wanderstocke;
hat er dort am Grabe geruht.

Keyk! Do stond dat Graw vull Räusen,
räut ärr Blaut un witt ärr Linnen,
un düt Blöggen in diäm Biarge
well seyt diäm kain Enne finnen.

Sieh! Da stand das Grab voll Rosen,
rot wie Blut und weiß wie Leinen,
und dies Blühen in dem Berge 
will seitdem kein Ende finden.

Säu! Niu wäisst diu, brümm’ de Wachtläuh
is de schönste Räusengoren.

– Iek doch gloiwe, uese Annken
is föer Goatt ne Hill’ge woren.

So! Nun weißt, warum der Wachtloh
ist der schönste Rosengarten.
Und ich glaube, unser Annken

ist für Gott ne Heilige geworden.