Das Balver Heimatmuseum

Das Balver Heimatmuseum

Privatdozent Dr. Julius Andree, Münster.

In: Balver Buch 1930.

 

Das Heimatmuseum der Stadt Balve ist in seiner jetzigen Gestalt eine junge Schöpfung aus dem Jahre 1927. Schon als nach dem Kriege die Heimatsbewegung überall erstarkte und Wahrung, Pflege und Zurschaustellung alten Heimatsgutes mehr als zuvor in den Vordergrund des Interesses traten, lag der Gedanke nahe, die alte Heimatsammlung, die damals in den Räumen der Burg Altena aufbewahrt wurde, wieder nach der Stadt Balve zu holen und sie, nach neuzeitlichen museumstechnischen Grundsätzen aufgestellt, der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Zur Tat wurde dieser Gedanke infolge des reichen Zustroms an Ausstellungsmaterial durch die Höhlengrabungen des Verfassers 1925/26 und im Hinblick auf die Jubelfeier der Stadt in diesem Jahre. Durch den Neubau der Schule ließ sich selbst die schwierige Raumfrage, wenn auch noch nicht restlos, so doch vorläufig befriedigend lösen. Das alte Rathaus an der Hauptstraße, das wohl wie kein anderes Gebäude der Stadt für ein Heimatmuseum geeignet ist, nahm in seinem freigewordenen Schulraum die alte wie die neue Sammlung auf. Die alte Sammlung wurde von Herrn Geheimrat Doktor Thomée (Altena) zurückgegeben, die neue Sammlung setzte sich teils aus den Funden der erwähnten Ausgrabungen zusammen, teils aus Stücken, die sich im Privatbesitz Balver Bürger befanden und in entgegenkommendster Weise zur Verfügung gestellt wurden.

Zweck und Ziel des Balver Heimatmuseums ist es, ein möglichst anschauliches Bild der Balver Gegend in Vergangenheit und Gegenwart zu geben. Mag auf den ersten Blick dieser Rahmen zu eng für die Aufgaben eines Museums erscheinen, so liegt doch gerade in einer solchen bewussten Beschränkung des in aller Heimatmuseen: einen kleinen Ausschnitt aus dem großen deutschen Heimatgebiet erschöpfend zur Darstellung zu bringen. Und diese eng begrenzte Aufgabe bringt gleichwohl noch eine große Mannigfaltigkeit mit sich. Es müsste zunächst die geologische Geschichte, das allmähliche Werden und Entstehung der Landschaft, dargestellt werden bis zur Herausbildung der heutigen Formen, dann die Entwicklung der Tier-und Pflanzenwelt in dieser Landschaft von den ältesten Zeiten bis heute, endlich das erste Auftreten des Menschen im Hönnetale in urgeschichtlicher Zeit. Daran anschließend müsste die vor-und frühgeschichtliche Zeit dargestellt werden (zum Beispiel ein Modell der berühmten Fliehburg auf dem Burgberg, der »ollen Burg«), bis mit der ersten Urkunde über die Balver Gegend die historische Entwicklung einsetzt, die durch eine Sammlung historischer Altertümer wie Dokumente, Bilder, Siegel, Münzen, Trachten, Möbel, Hausgeräte jeglicher Art und dergleichen veranschaulicht werden kann - letzteres ist gerade heute wichtig, da bei dem Tempo unseres technischen »Fortschritts« bald alles Alte verschwunden und für spätere Generationen verloren sein wird.

Infolge des beschränkten Raumes war es bisher auch nicht möglich, alle Pläne restlos durchzuführen. Vorerst haben nur eine geologische Sammlung prähistorischen Funde Aufstellung gefunden.

Abbildung 1: Blick ins Balver Heimatmuseum (Aufnahme von P. Streiter, Balve in Westfalen)

Die geologische Geschichte einer Gegend kann am besten erklärt werden, indem man den geologischen Aufbau des Gebietes zeigt und erläutert. Zunächst gibt eine kurze tabellarische Zusammenstellung eine Übersicht über die geologische Geschichte Westfalens (nach Professor Dr. Wegner, Münster in Westfalen). Der größeren Sinnfälligkeit halber ist auf dieser Tabelle all das, was auch den engeren Balver Bezirk berührt, durch rote Buchstaben hervorgehoben. Daran schließt sich ein Querschnitt in natürlichem Gestein durch das Balver Gebiet an. Solche Erddurchschnitte sind einmal an sich sehr anschaulich, dann aber gerade deshalb wertvoll, weil der Beschauer die Gesteine in ihrer natürlichen Ausbildung vor sich sieht; er sieht die Grauwerte, den Ton Schiefer, den Kalk, er kann die Gesteine befüllen; viel deutlicher wird ihm so der Wechsel der Gesteinsschichten vor Augen geführt als sonst lediglich durch eine bunt gemalte Zeichnung. Leider hat dieser Querschnitt infolge fehlender Mittel noch nicht ganz zu Ende geführt werden können. Wie er aussehen und was er darstellen soll, zeigt Abbildung 2.

Abbildung 2: geologischer Querschnitt durch die Balver Gegend.

Er beginnt links mit den beim Baumberg im Balver Wald auftretenden und nach Südosten in die Tiefe setzenden sogenannten Oberhonseler Schichten (siehe Abbildung). Nachdem Boberg zu sind die Schichtenmulden förmlich gelagert. Es folgen über den Honseler Schichten der Massenkalk und Schalstein (ein aus ursprünglich lockeren Gesteinsbrocken verfestigter Tuff vulkanischen Ursprungs), darüber das Oberdevon (vier ausgebildet als Bänderschiefer, Hemberg- und Wocklumer Schichten) und die verschieden ausgebildeten Gesteine des Kulm (Erklärungen aller Namen siehe den ersten Artikel des Buches Seite 21). Vor dem Boberg ist die regelmäßige Lagerung der Schichten durch eine Verwerfung, die einen kleinen Sattel durchschneidet, gestört. Nach Südosten schließt sich eine größere Mulde an, deren Mitte etwa der Landsberg bildet; hier treten noch Schichten des Flözleeren mit Grauwackenbänken auf.

Als Ersatz für das noch nicht fertige Profil ist jetzt darüber eine farbige Zeichnung angebracht, die einen Querschnitt durch das ganze Hönnetal von Oberrödinghausen durch den Balver Wald und die Berge bei Balve bis in die Gegend von Amecke darstellt. Da kürzlich die Provinzialverwaltung aber in entgegenkommender Weise dem Museum einen Zuschuss gewährt hat, so ist die Vollendung des Querschnittes gesichert. Das Balver Museum wird damit ein ebenso originelles wie wertvolles und lehrreiches Schaustück besitzen, wie es zur Zeit kein anderes Heimatmuseum Westfalens aufzuweisen hat. Das große bunte Profil soll dann darüber aufgehängt werden.

Abbildung 3: Vitrine 1 und 2 mit geologischen Schaustücken. Oben ein gut erhaltener Höhlenbärenschädel (Aufnahme von P. Streiter, Balve in Westfalen)

Die verschiedenen Gesteinsarten, die in der Balver Gegend auftreten und die zum Aufbau des großen Querschnittes verwandt werden, werden dann in den Vitrinen 1 und 2 noch einmal in einzelnen Stücken gezeigt und erläutert (Abbildung 3). Es ist aber hierbei Wert darauf gelegt worden, darauf hinzuweisen, wie diese Gesteine entstanden, dass sie nicht etwa fix und fertig in ihrer heutigen Gestalt immer vorhanden gewesen, sondern dass sie allmählich geworden sind. Die Gesteine der Balver Gegend sind ihrer Natur nach Absätze in einem Meere in jenen früheren Erdperioden, ein zweites die Gebirgslinien, die sich, als nach Hebung des Meeresbodens dieser Teil Westfalens Festland geworden, später heraushoben und deren Verlauf nun heute der Geologe mit Sicherheit festzustellen vermag. Bei den einzelnen Gesteinsstücken ist auch vermerkt worden, ob ihnen praktische Bedeutung (als Straßenschotter, Kalk usw.) zukommt. Dabei ist natürlich in erster Linie der Kalkstein des Hönnetales berücksichtigt worden, der ja industriell sehr wichtig ist (Kalkstein- und Kalkspatbrüche) und dessen Erzführung früher regen Bergbau zur Folge hatte.

Wenn später mehr Raum zur Verfügung steht, soll gerade im Hinblick auf den Besuch von Schulen die Verwendung von Gesteinen und Erzen noch ausführlicher dargestellt werden. Es fehlt noch ein kleines Modell eines Ringsofens, um das Kalk- und Ziegelbrennen zu zeigen, ein Kärtchen der früheren Erzgruben, Bilder der alten, jetzt nicht mehr vorhandenen Hämmer und der primitiven Hochöfen (zum Beispiel Wocklumer Hammer), ferner Objekte, die die Verwendung von Kalk und Kalksparte demonstrieren, und ähnliches.

In der Vitrine 3 sind dann einige Versteinerungen (versteinerte Tierreste) aus den Gesteinen in den Vitrinen 1 und 2 ausgestellt worden. Diese bis jetzt kleine Sammlung wird noch ständig ergänzt und vervollständigt.

Neben dem allgemeinen geologischen Aufbau der Balver Gegend ist das Wichtigste und Interessanteste das Hönnetal und seine Höhlen. Ein sicheres Zeichen dafür ist ja, dass jedes Jahr wieder neue Scharen von Wanderern hierher in dieses so reizvolle und romantische Tal des Sauerlandes führt. Über die Entstehung des Hönnetales der Höhlen vergleiche die Arbeit von Dr. Cl. Lipperheide, p.32

Die merkwürdige Art der Verwitterung des Kalksteins und der Vorgang der Höhlenbildung sind in der Vitrine 4 kurz erläutert, und zugleich ist darauf hingewiesen, dass sich unter günstigen Umständen in Taschen (Vertiefungen) des Kalksteins in den Höhlen neuartige Ablagerungen bilden können. Die Ablagerungen in den Höhlen nun sind es, die besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Denn in ihnen finden wir einmal die Reste einer Tierwelt, die zum allergrößten Teil jetzt nicht mehr bei uns lebt, ja überhaupt gänzlich ausgestorben ist, zweitens aber auch beredte Zeugnisse vom ersten Auftreten des Menschen im Hönnetale. Die Zeit, der diese Ablagerungen mit ihrem Inhalte an Knochenresten von Tieren und Kulturrelikten des Menschen entstammen, ist das Eiszeitalter (vergleiche oben Seite 81).

Eine gute Übersicht über den Verlauf und die Gliederung des Eiszeitalters gibt eine große Tafel (Abbildung 1 und Abbildung 1 links im Hintergrunde), auf der auch die menschlichen Kulturen dieser Epoche, das Klima, die Tierwelt und die verschiedenen, aus dieser Zeit bisher bekannten Menschenrassen verzeichnet sind. Zur Veranschaulichung sind der Tabelle rechts einige Bilder aus der bekannten Tafel von Dr. O. Hauser beigefügt.

Abb 6: Modell vom Mammut (rechts) und vom wollhaarigen Nashorn (links). Aufnahme von P. Streiter, Balve in Westfalen.

In den Vitrinen 5-11 sind zunächst Knochen Überreste von Eiszeittieren aus den Hönnetalhöhlen ausgestellt: Raubtiere (Höhlenlöwe, Höhlenhyäne, Höhlenbär, Wolf, Fuchs usw.) in Vitrine 5, die großen Dickhäuter, wie Mammut und Nashorn, in den Vitrinen 6-9, Huftiere in den Vitrinen 9-11. Überall sind den Knochen nach Möglichkeit kleine Zeichnungen des betreffenden Tieres beigegeben, damit der Beschauer sich auch ein Bild vom Aussehen des ganzen Tieres machen kann. Auch hier soll später eine Ergänzung in der Hinsicht vorgenommen werden, dass bei jeder Tierart eine Abbildung des betreffenden Skelettes liegt, auf der die ausgestellten Knochen besonders gekennzeichnet sind. Soweit es angängig war, sind von den größeren Säugetieren der Eiszeit Gipsmodelle (in 1:10 der natürlichen Größe) vorhanden; so vom Eiszeitwisent, vom Ur und vom Riesenhirsch (Abbildung 5), ferner vom Mammut und vom wollhaarigen Nashorn (Abb. 6).

Ein Prachtstück ist ferner das vollständige Skelett eines Höhlenbären (Abb. 7 und Abb. 1, Mitte), zusammengesetzt durch Präparator Gernat vom geologischen Institut Münster; dabei steht ein kleines Modell eines Höhlenbären, das trefflich die plumpe, gedrungene Gestalt dieses sicher wohl recht harmlosen Gesellen zeigt. Letzthin ist neu aufgestellt worden der Schädelrest eines Moschusochsen aus der Balver Höhle, eines Tieres, das zur Eiszeit bei uns lebte (jetzt nur noch im hohen Norden) und dessen Reste in Westfalen ziemlich selten sind.

Kulturüberreste des Menschen sind in den Vitrinen 14 und 15 (Abb.1, rechts im Hintergrunde) untergebracht. Nach Voransetzung einiger allgemeiner Bemerkungen über die Kultur des Eiszeitmenschen überhaupt, über die Herkunft und über die Verarbeitungsweise des Steinmaterials zu Werkzeugen und Ähnliches folgen die Steinwerkzeuge der einzelnen eiszeitlichen Kulturen, soweit sie in den Metallhöhlen auftreten, angeordnet nach der großen Tabelle (Abb. 4). In Vitrine 15 finden wir außerdem noch als Ergänzung einen kleinen Überblick über die Menschenrassen der Eiszeit, ferner einige Wiedergaben jener berühmten Höhlenzeichnungen, -Malereien und Schnitzereien aus südfranzösischen Höhlen, um neben der materiellen Kultur auch etwas von der geistigen Kultur dieser frühen Menschenmassen zu zeigen.

Abb. 8: Querschnitt in natürlichem Gestein durch die Ablagerungen im südlichen Teil der Feldhof-Höhle (Aufnahme von P. Streiter, Balve in Westfalen)

Da die Höhlen des Tales mit ihren Ablagerungen entschieden das größte Interesse in Anspruch nehmen, so ist Wert darauf gelegt worden, den Besucher auch vor Augen zu führen, wie solche Höhlenablagerungen auftreten, dass verschiedene meist gut unterscheidbare Schichten in diesen Ablagerungen vorkommen usw. Dazu dienen zwei Querschnitte durch die Ablagerungen der Balver-und der Feldhof-Höhle (Abbildung 8). Die Querschnitte (in verkleinerten Maßstab) sind in natürlichem Gestein hergestellt, das heißt die hinter der Glaswand der Kästen sichtbaren einzelnen Schichten bestehen aus dem wirklichen Lehm und Gesteinsmaterial, wie es bei den Grabungen in den Höhlen gefunden wurde. Bei jedem Querschnitt befinden sich links Angaben über die Art der betreffenden Schicht, rechts Angaben über die in der Schicht gemachten Funde (vergleiche Abbildung 8). Diese Querschnitte geben ein sehr konstruktives Bild solcher Höhlenablagerungen, die der Besucher einer Höhle ihr sonst in der Natur nie zu sehen bekommt. Derartige Darstellungen sind gleichfalls in keinem westfälischen Heimatmuseum zu finden.

Abb. 9: Menschenschädel aus der Karo fühle, fest gebacken in Kalksinter (Aufnahme von P. Streiter, Balve in Westfalen)

Die Vitrinen 12 und 13 werden dann weitere prähistorische Funde, die zwar nichts mit dem Eiszeitalter zu tun haben, aber doch hier angereist worden sind, da es sich um Höhlenfunde handelt, und zwar solche aus der vorrömischen Eisenzeit (aus der Karhof-Höhle). Es sind vornehmlich Topfscherben verschiedenster Art, jedoch auch Reste von Nahrungsmitteln, Schmuck, Gebrauchsgegenstände usw. Gleichaltrige derartige Funde aus der Honert-Höhle liegen in Vitrine 11 (dort auf die Funde der Falschmünzerwerkstatt in der gleichen Höhle, vergleiche den Artikel von Dr. Kennepohl, Seite 319). Vitrine 15 enthält noch die wenigen Kulturrelikte der jüngeren Steinzeit, die bisher in der Balver Gegend gefunden wurden (geschliffene Steinbeile, Feuersteindolch und anderes).

Ein recht interessanter Höhlenfund ist schließlich der eines Menschenschädels aus der Karhof-Höhle bei Bindungen (Abbildung 9), der fast vollkommen in Tropfstein eingebettet ist. Über das Alter des Schädels lassen sich keine genauen Angaben machen.

So ist das Balver Heimatmuseum augenblicklich zwar noch nicht ganz ausgebaut, das Vorhandene aber gibt einen genügenden und in dem erläuternden Text gemeinverständlichen Einblick in die geologische Geschichte der Balver Gegend, in deren frühere Tierwelt und die ältesten Zeiten der Besiedlung durch den Menschen. Später mehr Raum zur Verfügung stehen wird, können die oben angedeuteten Pläne zur Ausführung kommen. Aus der prähistorischen Sammlung müssen zum Beispiel die jungsteinzeitlichen und eisenzeitlichen Funde ausgesondert werden, der jetzige alte Schulraum würde nur der geologischen Sammlung und allen die Eisenzeit betreffenden Funden vorbehalten bleiben. Dieser in sich geschlossenen, doch noch ausbaufähigen Abteilung soll dann, wie schon erwähnt, eine weitere vor- und frühgeschichtliche und eine historische Abteilung angegliedert werden.

Es wäre zu begrüßen, wenn die Vervollständigung des Museums recht bald erreicht werden könnte, besonders im Hinblick auf den schon jetzt guten Besuch des Museums durch Touristen, Wanderergruppen und Schulen. Die Stadt Balve aber und ihre Bürgerschaft, die sich immer tatkräftig für den Ausbau des Museums eingesetzt hat, dürfen dann die befriedigende Überzeugung haben, dass mit der Schaffung eines solchen Heimatmuseums wertvollstes Heimatgut gerettet und bewahrt wurde, wofür ihnen noch spätere Generationen Dank wissen werden.