(3) Haus Bondy

Ü b e r s i c h t
Brunnen & St. Blasius (4)

Die älteste Nachricht über ortsansässige jüdische Familien im alten Amt Balve findet sich in einem Schriftstück des Pfarrarchivs aus dem Jahr 1700. Es besagt, dass der Jude Isaac Aarons (auch Aaronsjude genannt) dem Rat der Stadt eine Verfügung des Kurfürsten in Erinnerung gebracht habe, die den Schutz der Juden betraf.

Dieser und die nachfolgenden Auszüge zur Geschichte der Balver Juden stammen aus dem Kapitel "Das Judentum in Balve" von Josef Pütter (in: Grenzland im Wandel der Zeit, p. 118 ff).  

"In einem Ratsprotokoll des Jahres 1718 heißt es: Dem Juden Jakob ist bewilligt, sein verstorbenes Knäblein auf der städtischen Waldemei zu beerdigen, wofür er eine Gebühr von einem Taler gern entrichten will. Augenscheinlich handelt es sich hier um das Gelände des späteren Judenfriedhofes zwischen dem Krankenhaus und der Apotheke, woselbst etwa 25 jüdische Verstorbene aus dem Amte Balve bestattet wurden und jetzt noch sieben Grabsteine mit hebräischen Inschriften vorhanden sind".

"Um 1770 zog der Jude Samuel Abraham nach Balve. Diese jüdische Familie war jahrzehntelang in Balve ansässig. Sie verlor bei dem Brande 1789 das ihr gehörige Wohnhaus. In einem Bericht über den Stadtbrand heißt es: Als am Abend des 13. Juli die Schützensbrüder den Vogel aufgesetzt hatten, verweilten noch einige ältere Leute in der Wirtsstube bei "Fünkers" (jetzt W. Conredel). Sie vergnügten sich beim Kartenspiel. Gegen 12:00 Uhr nachts gingen sie heim. Dann gewahrten sie in der Nähe des Rathauses einen hellen Feuerschein und sahen das Haus der "Wirtin Schulte auf dem Ufer" in hellen Flammen stehen. Der Jude Samuel Abraham lief als erster schnell zur Stadtkapelle und hat die Sturmglocke geläutet. Die übrigen aber eilten nach dem Hause der Wirtin und versuchten dort die Feuersbrunst zu löschen.

Nach 1816 - in der Preußenzeit - setzte infolge der Säkularisation aus den rheinischen und märkischen Gebieten eine stärkere jüdische Zuwanderung in das Sauerland ein. Die Zahl der Juden betrug im Jahre 1839 in Balve 17. Seit 1850 unterhielten die Juden in Balve einen Gebetsraum, der sich in dem Hause Koch, in der Hofstraße, befand. Hier selbst war auch ein kleiner Schulbetrieb eingerichtet, in welchem die Judenkinder, die auch die Volksschule besuchten, die hebräische Sprache erlernten und mit den Talmudbestimmungen bekannt gemacht wurden.

Der Überlieferung nach wurde das »Judenhaus« nahe der Kirche um 1830 erbaut [im Bild das heute verschieferte Haus links]. Es blieb in jüdischem Besitz bis 1930. Dann musste es wegen der Armut des Besitzers gerichtlich versteigert werden".

Josef Pütter schreibt weiter: "Zu den bekanntesten Persönlichkeiten des Amtes Balve gehört um 1870 der Judenkaufmann Hermann Schüler. Nach dem Tode seiner Eltern verzog er mit seiner Familie nach Bochum. Hier begründete er ein angesehenes Bankhaus. Der in seiner Heimatgemeinde zum Wohlstand gelangte Kaufmann besuchte bis um 1900 alljährlich mit seinen Angehörigen seinen Geburtsort. Hier traf er sich mit seinen alten Freunden und Bekannten und ging auch jedes Mal zum Judenfriedhof, um die Gräber seiner Eltern zu besuchen. Seiner Vaterstadt gegenüber zeigte er sich anhänglich und dankbar und schenkte ihr zugunsten der Armen ein Kapital von 5000 Mark. Die Zinsen dieser Stiftung wurden nach seinem Willen jährlich zu Weihnachten an arme und einsame alte Leute von der Stadt verteilt, gegen die Auflage, die Gräber seiner Eltern gut in Ordnung zu halten. Im Jahre 1992 schenkte er der katholischen Pfarrgemeinde auch die neue Kirchenuhr mit ihren weithin sichtbaren Zifferblättern. In Anerkennung dieser Stiftungen hat dann die Stadt ihren Wohltäter damals zum Ehrenbürger ernannt. In der Stadt bestand zwischen den Konfessionen und den Juden seit jeher eine allgemeine, echte Bürgergemeinschaft. Dieses zeigte sich auch noch im »Dritten Reich«. Seitens der Balver ist dem hier ansässigen letzten jüdischen Kaufmann [David Bondy] kein Leid geschehen. Leider musste die Bevölkerung es traurig und machtlos geschehen lassen, dass auswärtige SA Leute den alten, wohltätigen Mann misshandelten und seine Wohnung demolierten. Einige Zeit danach ist er dann in einem jüdischen Altersheim in Unna, wenn auch verbittert, so doch in Frieden gestorben".

Soweit die Ausführungen von Josef Pütter. Der Balver "Heimatforscher" Pütter hat unbestreitbar bedeutende Beiträge zur Geschichte des Balver Landes geleistet. Seine dies betreffenden Ausführungen aus dem Jahr 1965 konnten durch spätere Recherchen jedoch leider nicht bestätigt werden.

So wurde der überaus erfolgreiche und hoch anerkannte Bochumer Bankier Hermann Schüler, dessen Eltern auf dem Balver Judenfriedhof beerdigt sind, nicht zum Ehrenbürger der Stadt Balve ernannt. Er wird auch heute nicht in der Liste der Balver Ehrenbürger geführt. Seine angebliche Balver Ehrenbürgerschaft wurde lediglich in einem Kondolenzschreiben zu seinem Ableben 1926 erwähnt (ohne Absender), worüber eine Bochumer Zeitung berichtete. Über seine "Stiftungen für Balve" fehlen bislang gesicherte Informationen.

Der Kaufmann David Bondy starb nicht "im Frieden" in einem Altersheim in Unna, sondern wurde nach Theresienstadt "verlegt". In einer letzten Grußkarte vom 19.07.1942 konnte er dies noch seinen Nachbarn in Balve berichten.

Zum Gedenken an das Schicksal David Bondys wurde am 07.12.2011 auf Initiative der Klasse 10A2 der Balver Hauptschule ein "Stolperstein" des Künstlers Günter Demnig aus Bergheim vor dem Haus Bondy in den Bürgersteig eingelassen. Eine Straße in Balve wurde nach David Bondy benannt (zum Thema Stolpersteine vgl. die Rede von Patrick Sensburg im Bundestag vom 23.02.2018).

Weitere Erinnerungen an diese Zeit, etwa die "Reichskristallnacht" in Balve (09.11.1938), den Umzug David Bondys nach Unna 1940 und die Deportierung 1942, finden sich in den lesenswerten Aufzeichnungen zum 80. Jubiläum des Musikvereins Balve von Joseph B. Lenze: In der Zeit der Bedrängnis (für die Jahre 1938 und 1940).

Der kleine Judenfriedhof mit der Gruft der Familie Schüler und den Grabsteinen der Familie Bondy befindet sich am Dechant-Amecke-Weg unmittelbar vor dem Gesundheitscampus. Er ist offen und kann besucht werden.